Stand: 18.09.2020 17:06 Uhr

Musikalische Erinnerungen von Sophie Pacini

von Philipp Cavert

"Rimembranza" heißt das sechste Solo-Album der deutsch-italienischen Pianistin Sophie Pacini. Bei ihrem neuen Label Avenir feiert sie damit einen sehr persönlichen Einstand mit musikalischen Erinnerungen.

CD-Cover: Sophie Pacini - Rimembranza © Avenir Rec/Harmonia Mundi
Sophie Pacini hat ein besonderes Händchen für Stimmungswechsel - das beweist sie auf ihrem neuen Album.

Ein Rückblick mit erst 28 Jahren? Ja und nein. Sophie Pacini verbindet Werke, mit denen Komponisten auf das Schaffen von Kollegen zurückgeblickt haben. Und: Es sind Werke, mit denen sie selbst prägende Erinnerungen verknüpft - etwa mit Mozarts a-Moll-Sonate. Mit 14 Jahren bekam Pacini von ihrem Klavierprofessor Karl-Heinz Kämmerling gesagt, diese Musik sei heilig. Die könne man erst begreifen, wenn man in Abgründe geschaut und Verlust erfahren habe.

A-Moll als roter Faden

Diese Sonate bildet das Zentrum des Albums, zusammen mit Franz Schuberts Sonate D 784. Die Werke haben verblüffende Gemeinsamkeiten. Die gleiche Dissonanz zu Beginn, das gleiche Innehalten der Bewegung, dramatische dritte Sätze und dieselbe Tonart, a-Moll. Sophie Pacini, die Klänge synästhetisch wahrnimmt, also Farben "hört", empfindet a-Moll als "rötlich, lila". Sie rerklärt: "Es hat auf jeden Fall etwas sehr dunkel Gefärbtes, etwas Undefinierbares und vor allem die Option in beide Richtungen zu gehen - ob ins Rötliche oder ins Lila-Gefärbte. A-Moll ist für mich auch eine Tonart der Möglichkeiten; in gewisser Weise eine tote Tonart, eine Tonart der Selbstfindung."

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Die Pianistin Sophie Pacini im Porträt. © picture alliance/Katharina Redanz/dpa Foto: Katharina Redanz

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A-Moll bildet den roten Faden dieses Konzeptalbums - in Verbindung zu C-Dur, F-Dur, Ges-Dur, d-Moll und schlussendlich zu Es-Dur.

Mozart - Schubert - Liszt

"Rimembranza" bedeutet "Erinnerung". Kurz bevor Mozart seine Sonate schrieb, starb seine Mutter in Paris. Die Variationen über das Volkslied "Ah, vous dirai-je, Maman!" tragen für Pacini klar ihren Keim in der Sonate in a-Moll; seien gewissermaßen eine Rückbesinnung Mozarts auf sich selbst. Pacini sieht eine Linie emotionsverwandter Prägung, die von Mozart zu Schubert reicht - und dann auch wieder von Schubert zu Liszt: Das Themen-Echo in dessen Bearbeitung des Ständchens verleiht diesem Empfinden ebenfalls Ausdruck.

Erinnerung an Ennio Morricone

Starke Erinnerungen verbindet Pacini mit ihrer zweiten Heimat Italien. Und so war klar, diesem von der Pandemie besonders stark getroffenen Land das Schlussstück des Albums zu widmen: Filmmusik aus "Nuovo Cinema Paradiso". "Es gibt eine Szene in dem Film - den habe ich zum allerersten Mal mit elf Jahren gesehen -, wo der Hauptdarsteller in das Dorf zurückkehrt, wo er aufgewachsen ist, weil sein Mentor, der Regisseur des dortigen Kinos, verstorben ist. Er kehrt in sein Kinderzimmer zurück und ein Lichtstrahl fällt in das Zimmer und der Staub beginnt zu tanzen."

Dieses Liebesthema von Andrea und Ennio Morricone wurde noch vor Ennio Morricones Tod in diesem Sommer aufgenommen. Jetzt ist es auch eine Erinnerung an den großen Filmkomponisten.

Ein sehr persönliches Album

Sophie Pacini zeigt, was sie kann. In der Art des Ausdrucks kennzeichnet ihr Spiel nicht unbedingt das, was man gemeinhin mit "Understatement" bezeichnet. Sämtliche Stücke der CD sind kraftvoll-souverän und hochemotional dargeboten - immer aber auch liebevoll; Pacini hat ein besonderes Händchen für Stimmungswechsel und Valeurs. So ist ein sehr persönliches Album entstanden, an dem man sich zwar reiben kann, das aber niemanden kalt lassen dürfte, da es seine volle Legitimation aus sich selbst bezieht. Denn: Was könnte persönlicher sein, als Erinnerungen?

Rimembranza

Label:
Avenir

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 20.09.2020 | 15:20 Uhr

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