Theater Göttingen am Abend von außen © picture alliance / Peter Schickert Foto: Peter Schickert

Händel-Festspiele: Eine "#MeToo-Oper" zum Auftakt

Stand: 10.09.2021 10:23 Uhr

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2021 haben mit einer Aufführung von "Rodelinda" begonnen. Bis zum 19. September wird Musik Händels in der Universitätsstadt zu hören sein.

von Irene zu Dohna

Im Mittelpunkt der Festspiele steht Händels Oper "Rodelinda". Am Donnerstag hat sie in einer Inszenierung von Dorian Dreher im Theater Göttingen Premiere gefeiert. Mit "Rodelinda" begann vor 101 Jahren die Händel-Renaissance bei den ersten Internationalen Händel-Festspielen Göttingen. "Diese Idee der Festival-Gründer um Oskar Hagen, im Jahr 1920 ein Festival zu etablieren, das sich den Bühnenwerken von Georg Friedrich Händel widmet, war total revolutionär", meint Regisseur Dorian Dreher. "Es war wirklich eine Ausgrabung, dort diese 'Rodelinda' auf den Spielplan zu setzen."

Rodelinda ist die Titelheldin der Oper: eine liebende Ehefrau, die ihrem Ehemann treu ist bis über seinen scheinbaren Tod hinaus. Thronräuber Grimoaldo will sie zwingen, ihn zu heiraten. Doch Rodelinda unterwirft sich nicht dem Tyrannen. Für den künstlerischen Leiter und Dirigenten Laurence Cummings eine aktuelle Geschichte: "Ich finde es wunderbar, dass die Heldin Rodelinda das Sagen hat. Ich denke, das Stück ist auch heute noch sehr zeitgemäß: Frauen wurden so lange unterdrückt und lassen es sich nun nicht länger gefallen, was Männer ihnen zum Teil antun. Es ist wirklich eine #MeToo-Oper."

Geist der Wiederentdeckungszeit fließt durch "Rodelinda"

Dorian Dreher lässt seine Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne alle Facetten des irdischen Daseins durchleben und durchleiden. Liebe, Erpressung, Machtgier. Der Geist der Wiederentdeckungszeit der Händel-Opern fließt merklich mit in die Inszenierung ein. Dafür blickt der Regisseur auf die Zeit um 1920: "Da sind viele Umbruchsituationen in der Kunst, in der Politik - auch in der Verwobenheit von Kunst und Politik. Und diesen Konflikt haben wir versucht, in unserer Interpretation auszuleuchten. Gerade Max Ernst ist so eine Figur, wo wir wie durch ein Brennglas sehen, wie Kunst in der damaligen Zeit revolutionär wurde. Das eben das Bewusste wie auch das Unbewusste zum Gegenstand der Kunst wird."

1921 malte Max Ernst das frühsurrealistische Gemälde 'Celebes': Das Bild eines monströsen Elefanten, der wie ein Panzer wirkt. An prägnanter Stelle ist dieses Gemälde ins Bühnenbild integriert. Es soll zum einen die Träume des Tyrannen symbolisieren, andererseits das Weltkriegstrauma verdeutlichen.

Fantastische Stimmen und ein einzigartiges Festspiel-Orchester

Nach vier Stunden endet der Opern-Abend. Einigen Besuchern ist die Inszenierung zu zurückhaltend, zu schlicht. Die meisten loben jedoch gerade das Stringente, weil es die Aufmerksamkeit auf die fantastischen Stimmen und das einzigartige Festspiel-Orchester lenkt.

Wie jedes Jahr sind die Händel-Festspiele mit etlichen Konzerten auch in der Region zu Gast: zum Beispiel in der St. Blasius-Kirche Hann. Münden, im PS Speicher Einbeck oder in der Stadthalle in Osterode am Harz.

NDR Kultur sendet am 25. September im Opernkonzert eine Aufzeichnung der Premiere von "Rodelinda" aus dem Deutschen Theater in Göttingen.

 

Weitere Informationen
Festspiel-Orchester Göttingen. © Internationale Händel-Festspiele Göttingen GmbH Foto: Frank Stefan Kimmel

Kulturpartner: Internationale Händel-Festspiele Göttingen

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen sind eines der ältesten Festivals für Barockmusik weltweit. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.09.2021 | 07:20 Uhr

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