Stand: 16.09.2016 14:25 Uhr

Ein Wunderkind wird erwachsen

von Franziska v. Busse

CD der Woche

Pianist Benjamin Grosvenor © operaomnia.co.uk
Der britische Pianist Benjamin Grosvenor arbeitete mit zahlreichen renommierten Orchestern zusammen.

Der Pianist Benjamin Grosvenor ist ein Publikums- und Medienliebling in seiner Heimat Großbritannien. Ein Wunderkind, das den Sprung ins Erwachsenenleben mit Grazie bewältigt hat. Rein äußerlich hat sich nicht viel getan: Lausbubengesicht und Wuschelhaare erinnern noch an die Zeit, als Grosvenor mit elf den Musikwettbewerb der BBC gewann oder als Teenager beim Eröffnungsabend der Londoner Proms auftrat. Aber das soll nicht täuschen: Er ist ein junger Mann, der nachdenkt, der viele Fragen stellt, an die Musik und auch an sich selbst. Und das zeigt sich auch auf seinem neuen Album "Homages" mit Werken von Felix Mendelssohn, Ferruccio Busoni, César Franck, Franz Liszt und Frédéric Chopin.

Doppeltes Spiel

Inspiration - von jeher entzündet sie sich auch und vor allem an großen Vorbildern. Welche Ideen haben andere schon gehabt? Was fasziniert mich daran? Und wie kann ich da anknüpfen oder mit etwas Neuem darauf antworten? Ein solches Vorbild für Komponisten war und ist Johann Sebastian Bach. Ihm ist der erste Teil des Programms gewidmet, über das Benjamin Grosvenor den Titel "Homages" gesetzt hat.

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Diverse CD-Cover © NDR Online Foto: Christiane Irrgang

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Selten gespielt: Felix Mendelssohns Präludien und Fugen op. 35. In deutlicher Anlehnung an Bach, aber auch klar weiter gedacht. Ins 19. Jahrhundert mitgenommen, in Mendelssohns eigene Klangsprache übersetzt. Grosvenor spielt dieses doppelte Spiel mit Begeisterung: setzt mal einen ernsten Fugengestus auf, lässt dann wieder ein paar wolkige Mendelssohn-Arpeggien los oder verbindet Bachs Kunst der Motorik mit der spielerischen Virtuosität des jungen Mendelssohn.

Musik auf verschiedenen Ebenen

Ein anderes Kaliber ist die Chaconne von Ferruccio Busoni zu Beginn: Busonis Umschrift der berühmten Chaconne aus Bachs zweiter Violin-Partita. Auch hier lässt Grosvenor die Musik beeindruckend auf verschiedenen Ebenen spielen. Man erkennt förmlich die Streben, mit denen Busoni sein wuchtiges Werk auf das Bach-Original aufgesetzt hat.

Dabei kann er auch das Gefühl entstehen lassen, er säße nicht an einem Flügel, sondern an einer Orgel: Als würde er die mächtigen Bässe mit Füßen treten, als könnte er für den Diskant mal eben ein Piccolo-Register ziehen oder als müsste er die Mittelstimmen in einem fast überlappenden Legato spielen, damit sie erkennbar werden.

Die andere Seite der Platte

Nach Busoni, Mendelssohn und der dritten Bach-Hommage vom berühmten Organisten César Franck erlebt man den Umschwung zu Chopin und Liszt im zweiten Teil eigentlich als Bruch. Es hilft, sich vorzustellen, man hätte vielleicht gerade die Platte umgedreht. Denn die Hommage an Italien, an italienische Volksmusik und bei Liszt auch an italienische Oper, vermittelt sich auf ganz andere Art als die Auseinandersetzung mit Bach.

Die "Barcarolle" von Frédéric Chopin ist eine Bootsfahrt über ruhiges Wasser; ein Sich-Treiben-Lassen durch unterschiedlich bewegte Seelenzustände. Kunstvoll lässt Grosvenor das alles ineinanderfließen. Mit Mut zur Sentimentalität, mit Gespür für eindringliche Akzente. Schön auch, wie er die Bezüge herstellt zum anschließenden "Venezia e Napoli" von Franz Liszt: Auch hier wird die Postkartenidylle zerstört und schließlich die "Tarantella" zur "Danse macabre".

Homages

Label:
Decca

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 19.09.2016 | 06:40 Uhr

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