Alexander Krichel: Der mit den Tönen malt

Stand: 13.10.2021 15:16 Uhr

Der erfolgreiche junge Hamburger Konzertpianist hat mit Mussorgskys ‚Bildern einer Ausstellung‘ ein neues starkes Album veröffentlicht.

von Daniel Kaiser

Man erkennt alles sofort: Man sieht die spielenden Kinder im Streit, man betritt das alte Schloss mit hohen Gewölben, sieht einen langsam sich nähernden Ochsenkarren und verfolgt das rasante, chaotische Ballett der Küken in ihren Eierschalen. In den Klavier-Stücken beschreibt Modest Mussorgsky mit seiner Musik Gemälde seines verstorbenen guten Freundes Viktor Hartmann.

Und so springt man von Bild zu Bild, von Stimmung zu Stimmung. Programmmusik aus dem Bilderbuch! Bei Alexander Krichel werden diese Miniaturen besonders lebendig. Er malt die Bilder und Stimmungen mit seiner Musik so plastisch und farbig. Man spürt: Da geht es längst nicht mehr um hübsche Bilder, sondern um die Abgründe der menschlichen Psyche. Bei der "Hütte auf Hühnerfüßen" mit der menschenfressenden Hexe stellen sich bei Krichels hitchcockartigem Spiel die Haare auf.

Der Pianist Alexander Krichel sitzt in sein Spiel versunken am Flügel beim Foyerkonzert am 04.02.2021 ohne Publikum im Studio von NDR Kultur © NDR Foto: Miriam Rück
"Krichel hat ein untrügliches klavieristisches Klanggefühl" lobte kürzlich die "Süddeutsche Zeitung".
Ritterschlag vom Kritiker-Adel

Alexander Krichel ist ein selbstbewusster Musiker, der nicht darauf schielt, was sich gut verkaufen könnte, sondern der nur Stücke spielt, an die er selbst glaubt. Und so stellt er auch hier dem Klassik-Hit von Mussorgsky eine völlig unbekannte Klaviersuite von George Enescu zur Seite. "Die kannten nicht mal meine Musiker-Freunde", lacht Krichel. "Auf der einen Seite hat das Stück sehr tänzerische und andererseits viele träumerische, impressionistische Momente", schwärmt er.

Schon bei seinem Ravel-Album "Miroirs" hätten Marketing-Profis der Plattenfirmen am liebsten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Aber der Erfolg gibt Krichel immer wieder Recht. Selbst griesgrämigste Kritiker sind von seinem Spiel hingerissen. Seine CDs und Konzerte werden von den Großen der Zunft gefeiert. Helmut Mauró von der Süddeutsche Zeitung schrieb gerade: "Krichel hat ein untrügliches klavieristisches Klanggefühl. Das haben, leider, bei Weitem nicht alle großen oder mittelgroßen Pianisten. Aber die ganz großen, die haben es." Ein veritabler Ritterschlag!

Vom Autokino in die Elbphilharmonie

Cover der CD Alexander Krichel plays Enescu & Mussorgsky
Die neue CD von Alexander Krichel mit Werken von Enescu, Mussorgsky und Alexander Borodin ist bei Berlin Classics erschienen.

Krichel, der aus dem Hamburger Süden stammt und lange in London gelebt hat, wohnt heute in der Hamburger Hafencity – ganz in der Nähe der Elbphilharmonie. Dort hat er gerade kürzlich mit den Symphonikern Hamburg Chopins Klavierkonzert Nr. 2 aufgeführt – ein Heimspiel! Die Corona-Zeit hat Krichel ohnehin ganz gut überstanden, auch und vor allem weil er engagiert und flexibel ist. Krichel spielte mitten im Kultur-Lockdown das erste Autokino-Klassik-Konzert der Welt und flog nach Hongkong, ging dort freiwillig in eine Hotel-Quarantäne, um auftreten zu können.

Jetzt geht es wieder los. Gerade hat er im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins gespielt und ist sogar live im Fernsehen im Morgenmagazin aufgetreten. "Es ist ein neues, wunderschönes Gefühl, wieder vor Publikum aufzutreten. Das Publikum ist einfach nicht zu ersetzen. Ich genieße die Energie, die ich gebe und auch von den Menschen zurückbekomme", sagt er. Dieses Rauschhafte, diese Begeisterung, diese Leidenschaft, spürt man bei jedem seiner Auftritte und auch auf dem neuen Album.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 13.10.2021 | 19:30 Uhr

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