Eine junge Frau zeichnet mit einem Stück Kohle eine weiße Rose an eine Wand. © Staatsoper Hamburg
Eine junge Frau zeichnet mit einem Stück Kohle eine weiße Rose an eine Wand. © Staatsoper Hamburg

"Weiße Rose": Hamburger Staatsoper zeigt Graphic Opera auf Arte

Stand: 08.05.2021 08:57 Uhr

Am 9. Mai hätte Widerstandskämpferin Sophie Scholl ihren 100. Geburtstag gefeiert. Die Staatsoper in Hamburg hat eine einstündige Graphic Opera mit eindrücklichen Bildern produziert - die jetzt auf Arte zu sehen ist.

von Katja Weise

Hochverrat, Sabotage, Wehrkraftzersetzung - weiß auf schwarzem Untergrund erscheinen diese Begriffe auf dem Bildschirm. Von der Musik wie mit Schreibmaschinentasten hingehämmert. Defätistische Gedanken, Volksgerichthof, Sophie und Hans Scholl. Sie werden mit dem Tode bestraft.

Und dann sehen wir die Geschwister. Jeder in einer Zelle, zwei schlichte, weiße Rechtecke nebeneinander vor schwarzem Grund: Sie wirken fast wie Bilderrahmen. "Die Ausgangssituation sind die letzten Stunden von Hans und Sophie Scholl in der Zelle. Man ist konkret in dieser Zelle drin, konkret, geht aber in die Köpfe rein, denn es gibt ja keinen Ausweg mehr", sagt Bühnen- und Kostümbilder Patrick Bannwart.

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Die zwei Darsteller des Geschwisterpaares Scholl in der Oper "Weiße Rose", in der Mitte der Schriftzug aus verlaufener weißer Farbe: "Nieder mit Hitler".
2 Min

Vorbereitungen zur Graphic Opera "Weiße Rose"

Ab dem 28. Mai soll das Stück anlässlich des 100. Geburtstags der Widerstandskämpferin Sophie Scholl gezeigt werden. 2 Min

Bildwelt entsteht im engen Dialog an der Hamburger Staatsoper

Eine weiße Rose erblüht in der Hand einer jungen dunkelhaarigen Frau, die in einer schmutzig-weißen Gefängniszelle sitzt. © Staatsoper Hamburg
Sopranistin Marie-Dominique Ryckmanns hält eine filigrane weiße Rose in der Hand, die bald in den dunklen Himmel entschwebt.

Zusammen mit Ausstatter Frank Herold hat Bannwart die teilweise fast surreale Bildwelt der Graphic Opera gestaltet. Träume und Gedanken werden sichtbar - die Ideen dafür entstanden oft im Team. "Ob eine Rose aus unserer Hand wächst zum Beispiel oder ob der Kriegshimmel über uns erscheint oder in welcher Situation wir uns gerade befinden, wenn wir dieses Stück singen", sagt Sopranistin Marie-Dominique Ryckmanns, die Sophie Scholl verkörpert.

Tatsächlich wächst in einer Szene eine filigrane Rose aus der Hand der Sopranistin Marie-Dominique Ryckmanns: Immer länger wird der zarte Stil, schließlich schwebt die Blume, wie von der weißen Blüte gezogen, in den dunklen Himmel über der Zelle. Schwarze Flugzeuge ziehen darüber hinweg, gleißend helle Hakenkreuze unter den Tragflächen, ausgeschnittene Schatten.

Musik ist impressionistisch und expressionistisch zugleich

Ein Kameramann ganz nah am Gesicht von Sophie Scholl, die verstört guckt. © Staatsoper Hamburg
Die Kamera ist nah dran an den Protagonistinnen und Protagonisten und schafft so immer wieder Einblicke in das Seelenleben.

David Bösch hat den Film inszeniert, der auf der Kammeroper "Weiße Rose" von Udo Zimmermann basiert, eine Mischung aus realen und gezeichneten Elementen, mit feinem Gespür für das Zusammenspiel von Bild und der Musik. "Sie ist expressionistisch und impressionistisch zugleich, weil sie ganz nach innen geht", erklärt der Regisseur. "Der Dirigent hat sehr versucht, das in Seelenmusik zu verwandeln, in sich hinein zu nehmen und dann schlägt das wieder raus - und dafür ist es manchmal ganz schön, dass man auf der Bildebene Eindrücke schaffen kann, die dem näherkommen als das reine realistische Spiel."

Sophie und Hans in der Zelle, am Verhörtisch, beim Verteilen von Flugblättern, beim Rauchen und Tanzen: Häufig ist die Kamera nah dran. "Die Musik allein ist für junge Leute, glaube ich, schwerer zu verstehen, weil es halt nicht die einfachste Musik ist", sagt Bariton Michael Fischer, der Hans Scholl verkörpert. "Aber wenn man die jetzt mit Filmbildern sieht, dann hat man auch einen besseren Zugang zu dieser Musik, und das finde ich super."

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Der Opernintendant George Delnon im Porträt. © Dominik Odenkirchen Foto: Dominik Odenkirchen
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Intendant Georges Delnon über die Graphic Opera "Weiße Rose"

Gespräch mit Georges Delnon über die Chancen des Formats Graphic Opera und darüber welchen Beitrag Oper zur Erinnerungskultur leisten kann. 54 Min

"Weiße Rose": Brücke zwischen gestern und heute

Schatten von Wölfen umzingeln in der Nacht ein dunkles Haus - im Hintergrund der hell leuchtende Vollmond. © Staatsoper Hamburg
Mit dunklen Schatten wird das erdrückende NS-Regime in der Graphic Opera grafisch dargestellt.

Eine gute Stunde dauert diese Graphic Opera - sprunghaft, wie die impressionistische und expressionistische Musik: ein Kaleidoskop mit eindrücklichen Bildern. Das NS-Regime wird repräsentiert durch Wölfe, schwarze, allgegenwärtige Schatten mit spitzen Zähnen. Drohend nähern sie sich dem Haus, in dem Sophie und Hans ausgelassen tanzen: Ein gezeichneter, schwarzer Kasten, der sie förmlich verschluckt, sie verschwinden im Fensterausschnitt. David Bösch und sein Team bauen viele Brücken, zwischen Bild und Musik, Oper und Graphic Novel, aber auch zwischen gestern und heute. "Die weiße Rose hat uns diese Verantwortung mitgegeben, dass wir in Situationen, in denen wir sehen, es passiert etwas Falsches, nicht einfach nur daneben stehen", sagt Marie-Dominique Ryckmanns.

Die Graphic Opera und wird am Sonntag ab 23.40 Uhr auf Arte ausgestrahlt und ist bereits in der Mediathek zu sehen. Auch im NDR Fernsehen wird der Film am 22.5. ab 22:30 Uhr zu sehen sein.

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Blick aus dem Himmel auf Sophie Scholl, die in einem weißen Kasten gefangen ist - ringsherum Militärflieger und fallende Bomben. © Staatsoper Hamburg

Graphic Opera "Weiße Rose" in der Arte Mediathek

Die Graphic Opera "Weiße Rose" von der Staatsoper Hamburg ist bis zum 6. August in der Arte Mediathek zu sehen. extern

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 08.05.2021 | 15:20 Uhr

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