Jochen Riemer spielt einen Flügel im Werk von Steinway&Sons © NDR Foto: Peter Helling

Steinway-Flügel: Top-Seller in der Corona-Krise

Stand: 01.02.2021 17:39 Uhr

Seit 140 Jahren werden Flügel von Steinway&Sons von Hand in Hamburg hergestellt. Ihr Verkauf boomt in der Pandemie. Die Hälfte der täglich gebauten Klaviere geht nach Asien. Ein Besuch im Werk.

von Peter Helling

Kaum zu glauben: Edle Flügel als Pandemie-Gewinner? Die Corona-Krise lässt die allermeisten Branchen leiden. Doch einige wenige, wie die Logistik und die Unterhaltungs-Elektronik, boomen sogar. Dazu gehören teure Flügel und Klaviere der Firma Steinway&Sons im Wert zwischen rund 15.000 und bis zu 160.000 Euro.

Handwerk seit 140 Jahren: Flügel von Steinway&Sons

Seit 140 Jahren werden sie mit der Hand hergestellt im Werk in Hamburg, Steinway ist also eine echte Hamburgensie. Ein Besuch vor Ort, im Steinway Werk im nördlichen Altona. Im Flagship-Store von Steinway setzt sich Jochen Riemer, der Haupt-Techniker des Hauses, an einen Flügel und spielt eine schwungvolle Melodie. "Diese Flügel würde ich als fröhliche Flügel bezeichnen, da sie wirklich von Menschen gebaut werden, die mit Begeisterung dabei sind. Das unterscheidet Steinway von allen anderen", erzählt Riemer.

Nach 44 Jahren bei der Firma geht er in Rente. "Es war eine unglaublich schöne Zeit, und ich kann sagen, ich habe mein Hobby ausgeübt - tagtäglich. Und ich kann sagen, ich würde es genauso wieder machen!", so Riemer.

Das soeben gehörte Stück hat er übrigens selbst komponiert. Diese "fröhlichen" und formschönen Instrumente haben ihren Preis. Und sie heben die Stimmung, so Guido Zimmermann, seit vier Jahren Geschäftsführer von Steinway&Sons in Hamburg. "Ich sage eigentlich immer, ich bin im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass hier gute Stimmung ist, weil dann kommt auch gute Stimmung da raus. Dann geht es uns auch gut!" sagt Zimmermann.

Umsatz durch Privatkunden in Deutschland um 25 Prozent gestiegen

Vielleicht steckt diese Stimmung an, denn: Steinway-Flügel sind Gewinner der Corona-Krise. Sie sind enorm gefragt. Zimmerman schätzt, bei den Privatkunden in Deutschland sei "der Umsatz um ungefähr 25 Prozent gestiegen", das sei also erheblich.

Man fragt sich: ein Steinway? Wer hat dafür Geld locker? Luxus in klammen Zeiten? Zimmermann entgegnet: "Luxus definiere ich eher als ein Signal nach außen zu senden, das hat sich deutlich seit vielen Jahren - und ich meine, der Trend hat sich seit Corona beschleunigt - umgekehrt, es geht mehr darum, Investitionen in sich selbst zu tätigen als in 'Bling Bling'."

Guido Zimmermann ist seit vier Jahren Geschäftsführer von Steinway&Sons in Hamburg © NDR Foto: Peter Helling
Mit Musik könne man Ausgleich schaffen, sagt Guido Zimmermann, Geschäftsführer von Steinway&Sons in Hamburg.

Zimmermann ist sich sicher: Das Schlüsselwort ist Reduktion. "Das liegt vielleicht an dem Thema Cocooning, man zieht sich zurück! Das Thema Zuhause bedeutet einfach mehr als früher." Es liege aber auch daran, dass man mit der Kunst, mit Musik, doch einen großen Teil des Ausgleichs schaffen könne, "um sich das Leben, den Tag schön zu machen, und sich gute Stimmung ins Wohnzimmer und nach Hause zu holen."

Hamburger Unternehmen setzte schnell auf Schichtbetrieb

Als sich vor fast genau einem Jahr das Virus auch in Deutschland ausbreitete, dachte Zimmermann: "Wohin führt das noch? Was ist tatsächlich die Perspektive? Ich hatte zugegebenermaßen um die Marke Steinway und auch um den Standort Hamburg wenig Angst, weil wir über viele Jahre sehr solide gewirtschaftet haben. Da war ich relativ sicher, dass wir durchkommen. Aber natürlich hat uns das sehr umgetrieben", erinnert sich der Geschäftsführer.

Das Unternehmen investierte sofort, schon im Februar, in Schutzkonzepte, Masken, in Schichtbetrieb. Aber dann? Brachen die Konzert-Termine, brachen Aufträge für Musikschulen, für Universitäten, für Konzertsäle weg. Ein herber Verlust. Die Trendwende kam - im Privatbereich.

Renaissance des Hauskonzerts

Zimmermann hat erlebt, "dass sich viel mehr Familienmitglieder auf einmal wieder mit dem Thema Musizieren, Selbst-Musizieren, beschäftigen." Eine Renaissance des Hauskonzertes, des geduldigen Tonleiter-Übens, auch Laien setzten sich an die Tasten, sagt er. Hierzulande, vor allen aber in Asien. Vier von etwa acht am Tag hergestellten Flügeln gehen dorthin. Klavierspiel ist ein Megatrend. "Man schätzt, dass es in China aktuell ungefähr 50 Millionen Klavierschüler gibt, Jugendliche, Kinder, aber auch Erwachsene!"

Zimmermann versichert: Die unverwüstlichen Instrumente mit einem Gewicht von rund einer halben Tonne sind keine schwarz lackierten Staubfänger, sondern werden auch gespielt. Übrigens: In Corona-Zeiten seien natürlich Instrumente mit eingebauter "Stumm-Funktion" besonders gefragt: also spielen, Kopfhörer auf, und die Nachbarn wummern nicht mit dem Besen an die Decke.

Guido Zimmermann will den Erfolg der letzten Monate fortsetzen. "Wir haben im letzten Jahr keinen Arbeitsplatz abgebaut, und wir werden in diesem Jahr 2021 deutlich Arbeitsplätze aufbauen in allen Bereichen, insofern blicken wir doch sehr positiv in die Zukunft."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.02.2021 | 19:00 Uhr

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