Stand: 03.07.2020 16:58 Uhr  - NDR Kultur

Neue Studie zum Sicherheitsabstand beim Singen

von Marcus Stäbler

Unter welchen Bedingungen ist das gemeinsame Singen möglich, ohne dabei ein zu hohes Ansteckungsrisiko einzugehen? Diese Frage beschäftigt rund drei Millionen Chorsängerinnen und -sänger in Deutschland, aber natürlich auch viele Solisten und das Publikum. Nach verschiedenen Testreihen von sehr unterschiedlichem Niveau - darunter auch einige mit haarsträubenden Aussagen - gibt es jetzt endlich verlässliche Daten. Ende Mai hat der Bayerische Rundfunk gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Erlangen und dem LMU Klinikum München eine Studie durchgeführt, die wissenschaftlichen Kriterien genügt. Marcus Stäbler hat darüber mit dem Leiter Prof. Matthias Echternach gesprochen, einem der europaweit renommiertesten Ärzte und Experten zum Thema Stimme.

Was genau haben Sie untersucht und wer war alles daran beteiligt?

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Studienleiter Prof. Matthias Echternach (rechts) mit Strömungsmechaniker Dr. Stefan Kniesburges.

Prof. Matthias Echternach: Wir haben probiert, die Gasentwicklung und die Aerosolausbreitung vor allem beim Gesang, aber auch beim Orchester, bei den Bläsern, uns anzuschauen. Das ist nicht nur eine medizinische Warte, da braucht man ein großes Team. Deshalb habe ich Dr. Kniesburges von der Universität in Erlangen als Strömungsmechaniker mit dazu geholt und den BR. Das bedeutet, wir haben zehn Sängerinnen und Sänger vom Chor des Bayerischen Rundfunks dabei gehabt.

Was haben Sie die Sängerinnen und Sänger machen lassen?

Echternach: Wir haben den Text "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium" genommen und haben das singen lassen, wie Beethoven es vorgesehen hat. Wir haben es dann entkoppelt vom Text, also nur die Melodie genommen und auf einem Vokal singen lassen - und haben dann diesen Text entkoppelt von der Melodie und nur den Text sprechen lassen. Das haben wir je einmal in einer leisen und einer lauten Lautstärke gemacht.

Und wie haben Sie dabei die Gasentwicklung beobachtet?

Echternach: Wir haben in dem so genannten "dunklen Versuch" probiert Tröpfchen nachzuweisen, indem wir diese aufnehmen mit Hochgeschwindigkeitskameras. Wenn die sich im Raum verteilen und in ein Laserfeld geraten, leuchten diese enorm auf. Im so genannten "weißen Versuch" ist es anders, da haben wir künstlich Aerosole hinzugefügt, um auch die Bewegung dieser kleineren Schwebeteilchen beobachten zu können. Wir haben die Sänger und Sängerinnen gebeten, die Basissubstanz von E-Zigaretten zu inhalieren und damit zu singen und zu sprechen. Und diese Rauchwolken-Entwicklung, die aus dem Mund herauskommt, haben wir nachverfolgt mit sehr hochauflösenden Kameras des Bayerischen Rundfunks.

Ein Sänger atmet beim Singen eine sichtbare Wolke E-Zigaretten-Dampf aus. Eine Messlattenkonstruktion zeigt dabei die Ausbreitung der Aerosole an. © Bayerischer Rundfunk

Prof. Matthias Echternach über Aerosolverbreitung beim Singen

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Der Stimmexperte Prof. Matthias Echternach erklärt die Erkenntnisse der neuen Studie zur Aerosolverbreitung beim Singen.

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Was sind die aus Ihrer Sicht wichtigsten Ergebnisse ihrer Untersuchung?

Echternach: Was die Weiten nach vorne angeht, war es so, dass der gesungene Text die weitesten Weiten hatte. Hier ist es interessanterweise so, dass laut und leise gar keinen so großen Unterschied gemacht hat, laut ging nur geringgradig weiter - und das ergibt auch Sinn. Denn Sänger müssen ja, wenn sie leise singen, immer noch den Text sehr gut transportieren. Das heißt, dass sie sehr viel Textgenauigkeit an den Tag gelegt haben und die Weite der Abstrahlung nach vorne hat wahrscheinlich sehr viel mit dem Kosonantenreichtum zu tun.

Und wie weit ist diese Ausbreitung?

Echternach: Hier haben wir einen Mittelwert von ungefähr einem Meter gehabt. Man muss hier aber in der Risikobeurteilung sagen, dass es auch Sängerinnen und Sänger gab, die darüber gekommen sind, bis zu eineinhalb Metern. Das bedeutet, der klassische Abstand, wie wir ihn aus dem Alltag kennen, ist nach vorne hin beim Singen zu gering. Das ist das erste Haupt-Finding. Das zweite ist die Ausbreitung zur Seite. Hier haben wir deutlich geringere Abstände nachweisen können.

Welche Ratschläge leiten Sie daraus für Sängerinnen und Sänger ab?

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Vor allem nach vorne breiten sich die Aerosole beim Singen aus. Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Risikobeurteilung von Probensituationen.

Echternach: Das, was wir untersucht haben, muss man kurz eingrenzen. Wir haben nicht untersucht, wie viel Aerosol gebildet wird oder wie es sich auf Dauer im Raum ansammeln kann, das machen andere Arbeitsgruppen. Sondern wir haben den Prozess untersucht, wie sich das Aerosol vom Mund in den Raum hineingeschleudert verhält. Das bedeutet, die Ratschläge, die wir erteilen, können sich nur auf diesen Impuls beziehen. Wenn wir jetzt über Abstandsregeln nachdenken, können wir sagen: zwei bis zweieinhalb Meter nach vorne sollte sehr wahrscheinlich ausreichend sein, zur Seite sollten eineinhalb Meter reichen - sofern die Aerosole immer wieder entfernt werden! Und dieses Entfernen ist an der frischen Luft kein Problem. Aber in geschlossenen Raum könnte es zum Problem werden. Wenn man eine kontinuierliche Durchlüftung hinbekäme, dann könnte man sich wahrscheinlich an den normalen Probenzeiten orientieren. Wenn man das nicht gewährleisten kann, muss ich regelmäßig eine Stoßlüftung hinbekommen, am besten nach zehn Minuten.

Es gibt also durchaus Mittel und Wege, das gemeinsame Singen auch in geschlossenen Räumen zu ermöglichen - und die werden ja auch von einigen Chören und Ensembles schon praktiziert. Eine gute Nachricht! Sie sind selbst nicht nur Mediziner und Wissenschaftler, sondern auch Sänger in professionellen Projektchören und ein Fan von Oper und großen Stimmen. Sehen Sie einen positiven Ausblick für das Singen, das ja ein kostbares Kulturgut ist? Gerade vor dem Hintergrund, dass der Berliner Senat das Singen in geschlossenen Räumen kürzlich komplett verboten hat, was ich persönlich für total unverhältnismäßig halte.

Echternach: Ich bin als Wissenschaftler wie auch als Sänger erstmal nüchtern an Daten interessiert, und die sollen eine Grundlage bieten. Ich glaube, mit diesen Daten umzugehen, schafft immer eine Freiheit, schafft immer auch die Möglichkeit, auf die Daten zu reagieren. Ich halte es für ganz bedenklich, dass der Gesang im Moment sehr schlecht konnotiert wird. Dabei vergessen wir, dass die Kehrseite auch wahr ist: Singen schafft ein psychisches Wohlbefinden, Singen ist auch gesundheitsförderlich. Das bedeutet, wir müssen die Menschen wieder zum Gesang bekommen. Jetzt ist das absolute Risiko sich anzustecken im Vergleich zum März ja schon deutlich gesunken - und ich habe auch Probleme zu glauben, dass die Maßnahmen in Berlin verhältnismäßig sind. Ich glaube tatsächlich, dass wir bald guten Gewissens wieder singen können, glaube aber gleichwohl, dass wir mehr auf Abstände, Durchlüftung, vielleicht Singen mit Schutzmaßnahmen zurückgreifen müssen, das wird vielleicht die nächste Wahrheit werden. Aber ich glaube auch, dass wir dieses Kulturgut wieder fördern müssen. Singen ist eine für die Menschen wichtige Tätigkeit, die uns beflügeln kann.

Das Gespräch führte Marcus Stäbler.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 03.07.2020 | 16:20 Uhr

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