Stand: 06.07.2020 12:00 Uhr  - NDR Kultur

Cameron Carpenter: Mit der Orgel vors Altersheim

von Agnes Bührig

Wenn das Publikum nicht zum Instrument kommt, dann kommt das Instrument eben zum Publikum. Das dachte sich der Orgelspieler Cameron Carpenter, der für seine mobile Orgel "International Touring Organ" bekannt ist, mit der er seit einigen Jahren durch die Welt reist. Er machte sich auf zu einer Tournee zu Menschen, die derzeit nur schwerlich ins Konzert kommen: die Senioren. Finanziert wird sie von der Bürgerstiftung.

Bild vergrößern
Die Bewohnerinnen und Bewohner des Margot-Engelke-Zentrums in der Südstadt Hannover lauschen dem Konzert von ihren Balkonen aus.

Cameron Carpenter sitzt auf der Ladefläche eines Lkws an einer Orgel und spielt Bach vor einem Seniorenheim unweit des Maschsees. Massive Lautsprechertürme links und rechts des Instruments verbreiten die Musik bis in den hintersten Winkel des Innenhofes. Es sind bekannte Werke von Johann Sebastian Bach, sagt der gebürtige US-Amerikaner: "Ich präsentiere die Programme spontan. Ich habe ein Standardrepertoire und je nach Länge der Konzerte kommen weitere Stücke dazu. Ich richte mich auch danach, was die Zuhörerschaft braucht: Ob ein leichteres Programm oder ein energetischeres besser passt. Diesmal sind das vor allem die Goldbergvariationen - ohne die Arien - und am Anfang auch etwas von den großen Leipziger Bach-Präludien."

Die Wahrheit in der Musik in Bachs Orgelwerken

Bild vergrößern
Gerade für die wenig mobilen Menschen ist das Orgelkonzert eine sehr willkommene Abwechslung.

Cameron Carpenter ist bekannt für seine unkonventionelle Art: In Jogginghose und schwarzem T-Shirt, Silberkette, Sonnenbrille und einem Glitzerstein im linken Ohr, jagt der 39-Jährige versiert durchs 45-minütige Konzert. Mal erinnert eine tonlich hohe Passage an die Musik eines Disney-Trickfilms, dann scheinen die Bässe zu wummern wie bei einem Pop-Konzert. Assoziationen, die der ungewöhnliche Kontext für ein Konzert mit klassischer Orgelmusik hervorruft. "Es findet auf der Ladefläche eines Lkws statt und ist, wo es ist", erklärt Carpenter. "Und man sieht dabei die mechanische und physische Infrastruktur, die man braucht, um Orgelmusik im Open-Air-Konzert zu präsentieren. Doch ich habe Bach ausgewählt als eine Art Anti-These zu der Popmusik unserer Zeit. Denn in seiner Musik geht es gerade um die Wahrheit in der Musik und nicht um Pop oder ein kommerzielles Statement."

Cameron Carpenter vor den Fenstern der Stadt

Für die Seniorinnen und Senioren scheint die Art der Präsentation keine Rolle zu spielen. In Rollstühlen auf Balkons, gehüllt in Decken und auf Bänken und Rollatoren im Innenhof lauschen sie andächtig dem Konzert. Denn um Orgelmusik zu hören, müssten sie sonst eine Kirche aufsuchen, und das ist für etliche der älteren Bewohner keine leichte Übung mehr. "Das ist doch wunderbar, dass wir so etwas geboten kriegen", freut sich eine Zuhörerin. Eine andere Frau sagt: "Ich gehe ja sonst auch ins Opernhaus, habe da ein Abo, also an Musik bin ich interessiert, das ist ganz klar." Und eine dritte Konzertbesucherin ergänzt: "Ein bisschen Abwechslung in unserem Corona-Alltag, das ist auch wichtig."

Der Organist Cameron Carpenter spielt seine mobile Orgel auf einem LKW. © NDR Foto: Agnes Bührig

Cameron Carpenter: Mit der Orgel vors Altersheim

NDR Kultur - Klassikboulevard -

Wenn das Publikum nicht zum Instrument kommt, dann eben andersrum, dachte sich der Organist Cameron Carpenter, der mit seiner mobilen Orgel Konzerte für Senioren spielt.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 05.07.2020 | 14:20 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info
43:48
NDR Fernsehen