Installation "2.25x π" von Künstler Urs-P. Twellmann  Foto: Marcus Brandt

Corona-Pandemie als Thema in Kunst und Kultur

Stand: 29.10.2021 18:19 Uhr

Ist es noch zu früh, sich mit der Corona-Pandemie künstlerisch auseinanderzusetzen? Diese norddeutschen Kulturinstitutionen positionieren sich.

von Anina Pommerenke

Die Szenen lösen sofort Unbehagen aus: Ein Kameraschwenk über New York City - kein einziges Auto fährt durch die langen Straßenschluchten, weit und breit kein einziger Mensch auf den Gehwegen. Wo sich sonst vor dem Guggenheim Museum oder im Central Park Menschen und Touristen tummeln - plötzlich Totentanz! Mit diesen gespenstischen Szenen startet die zweite Staffel der US-amerikanischen Serie "The Morning Show" - prominent in den Hauptrollen besetzt mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon. Eine Serie, die vor hochaktuellen Themen nicht zurückschreckt: Neben der #MeToo-Debatte, beispielhaft aufgezogen an dem Missbrauchsskandal um einen berühmten TV-Moderator, steuert der Plot der zweiten Staffel mit jeder neuen Folge zielstrebig auf den Ausbruch der Corona-Pandemie hin.

Kunst und Kultur haben traditionell die Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen und auch unbequeme Diskurse zu führen. Doch wie positionieren sich Kulturschaffende im Norden dazu? Ist es für eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie noch zu früh?

Museum für Hamburgische Geschichte dokumentiert Pandemie-Alltag

Das Museum für Hamburgische Geschichte sammelt schon seit Monaten Fotos und Gegenstände, die den Alltag in der Corona-Pandemie in Hamburg dokumentieren. Darunter kuriose Objekte, wie ein Virus-Kostüm aus dem Thalia Theater Hamburg oder einem Behelfsabstandshalter aus Pool-Nudeln, der bei Proben am Hamburger Schauspielhaus zum Einsatz kam. Doch auch wenn sich die Corona-Sammlung so langsam füllt, wolle man mit einer Ausstellung über die Pandemie noch warten. Laut Sammlungsleiter Sönke Knopp ist eine Ausstellung in naher Zukunft nicht geplant. Aber irgendwann wolle man zurückschauen und fragen: "Wie war das damals in Hamburg während der Corona-Pandemie?"

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Außenansicht des Museum für Hamburgische Geschichte. © NDR

Kulturpartner: Museum für Hamburgische Geschichte

Das Museum für Hamburgische Geschichte präsentiert die facettenreiche Entwicklungsgeschichte der Stadt Hamburg von ihren Anfängen um 800 bis zur Gegenwart. extern

Ähnliche Sammelaktionen gibt es auch schon am Landesmuseum Braunschweig, das im vergangenen Jahr den Aufruf "Corona gehört ins Museum" gestartet hat. Allerdings handelt es sich auch hierbei um eine Sammlung für die Nachwelt, eine konkrete Sonderausstellung sei noch nicht in Planung, heißt es auf Nachfrage von NDR Kultur. Auch die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek beschäftigt sich bereits damit, Dokumente aus der Corona-Zeit zu sichern.

NordArt in Büdelsdorf bereitet Corona-Schau vor

Im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf sind die Kuratorinnen und Kuratoren der NordArt schon lange dabei, die Schau für das kommende Jahr vorzubereiten. "Darstellungen von Corona-Viren möchten wir aber nicht zeigen", betont Geschäftsführer Wolfgang Gramm. Viel spannender sei es, wenn die Künstlerinnen und Künstler das Talent besitzen, gewisse Ereignisse vorauszusehen. So habe die NordArt in der Vergangenheit etwa ein umgestürztes Kapitol gezeigt - und dann folgte der Sturm auf das "echte" Kapitol in Washington. Zufall? Besonders dürfte den Besucherinnen und Besuchern der diesjährigen Kunstausstellung daher auch das Holzobjekt des Schweizer Künstlers Urs-Peter Twellmann ins Auge gestochen sein. Das kugelartige Objekt aus Baumstämmen erinnerte verdächtig an die Darstellung eines Corona-Virus.

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Blick in den Skulpturenpark der NordArt: Auf Draht geformte Wesen verneigen sich vor einer Art Kubus. © NDR Foto: Frank Hajasch

Kulturpartner: NordArt

Im Kunstwerk Carlshütte findet in den Sommermonaten eine der größten jährlichen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in ganz Europa statt. extern

Theater Kiel: "Das Thema haben zurzeit alle satt"

Am Theater Kiel war man schnell: Gleich zwei Produktionen haben im vergangenen Jahr das Thema Corona-Pandemie aufgegriffen. Sie sind jetzt allerdings nicht mehr zu sehen. Zum einen nahm sich der Liederabend "Balkonien" der Frage an, ob man aus den Themen Kontaktbeschränkungen und Pandemie ein bühnentaugliches Stück machen könne. Und ja: Man kann! Der Abend sorgte trotz (oder wegen?) diverser Bezüge zur aktuellen Lage für Begeisterung beim Premieren-Publikum. In anderen Produktionen, wie bei der Oper "Die Gärtnerin aus Liebe" von Mozart, gab es neckische Anspielungen auf den Ernst der Lage. Da in einer bestimmten Szene, in der eine Darstellerin in Ohnmacht fällt, die vorgeschriebenen Mindestabstände nicht eingehalten werden konnten, gab es zunächst ein "sehr demonstratives Aufsetzen der Masken", berichtet Sprecherin Ulrike Eberle. Ansonsten sei aber am Hause keine weitere künstlerische Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie geplant, "weil das Thema zurzeit alle satt haben".

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Der Kleine Kiel mit dem Opernhaus und dem Rathausturm im Hintergrund © NDR Foto: Berit Ladewig

Kulturpartner: Theater Kiel

Mit den fünf eigenproduzierenden Sparten, drei verschiedenen Theaterhäusern und zirka 500 Beschäftigten gehört das Theater Kiel zu den großen Theatern in Deutschland. extern

Ganz ähnlich sieht man es auch nur wenige Kilometer weiter in der Kunsthalle Kiel. Das Thema Corona-Pandemie sei eher zu einem späteren Zeitpunkt als Nachlese geeignet, teilt Sprecherin Christiane Zippel mit. Aktuell sei man sehr froh, dass die Museen für Besucherinnen und Besucher geöffnet und wieder zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs geworden sind. Derzeit arbeite man daran, die ursprünglichen Formate so normal wie möglich wieder zu starten und an die pandemischen Bedingungen anzupassen. So freue man sich beispielsweise darauf, wenn bei "Art After Work" im November bei einer Führung mit anschließendem Getränk wieder Gäste und Museums-Mitarbeiter zusammenkommen dürfen. Die letzte Veranstaltung dieser Art fand schließlich im Februar 2020 statt.

Thema Corona spielt keine Rolle in Bremen und Emden

Bereits im Sommer 2020 hatte sich die Kunsthalle Bremen mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Ergebnis war die Präsentation "Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne nachgestellt". Ein öffentlicher und sehr amüsanter Foto-Aufruf. Einige der dabei entstandenen Werke schafften es am Ende sogar ins Museum. Auch wenn Corona weiterhin ein hochaktuelles Thema bleibt, habe man in der Kunsthalle den Eindruck, dass sich Künstlerinnen und Künstler bisher nicht dazu berufen fühlen es aufzugreifen, gibt Sprecherin Jasmin Mickein zu Bedenken. Zwar verfolge man die Strategie gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen: "Aber in diesem Fall glauben wir, dass aktuell alle Menschen besser wissen, wie sich ein Leben in der Pandemie anfühlt, als es ein Kunstwerk vermitteln könnte". Somit wird Corona in der kommenden Ausstellungsplanung der Bremer Kunsthalle keine Rolle spielen.

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Die Vorderseite der Bremer Kunsthalle mit einer roten Fahne im Vordergrund auf der steht: "Kunsthalle Bremen Aufgeschlossen!"  Foto: Silke Rudolph

Kulturpartner: Kunsthalle Bremen

Die Kunsthalle Bremen ermöglicht eine Reise durch mehr als 600 Jahre Kunstgeschichte an einem Tag. extern

Und auch in der Kunsthalle Emden kann man sich momentan eher nicht vorstellen, dass Kunst zeitnah gezeigt wird, die sich mit dem Thema Corona-Pandemie auseinandersetzt oder in dieser Zeit entstanden ist. Grundsätzlich beschäftigten sich Künstlerinnen und Künstler natürlich mit solchen weltstürzenden Ereignissen ihrer Zeit und das werde sicher auch jetzt geschehen, teilt Sprecherin Ilka Erdwiens mit: "Ob Kunst in Bezug auf Corona aber zu so einem Zeitphänomen wird, dass das Thema oder das Motiv die Kunst unserer Gegenwart wesentlich prägt, wird sich wohl erst in der Rückschau zeigen."

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Blick auf geöffnete Impfstoff-Fläschchen.
3 Min

UKE zeigt Ausstellung "Pandemie. Rückblick in die Gegenwart"

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Außenansicht der Kunsthalle Emden © Erhard Bühle Foto: Erhard Bühle

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