Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Wir brauchen Kultur - Kultur braucht uns

Stand: 21.05.2021 18:26 Uhr

von Ulrich Kühn

#allesdichtmachen: Muss man Partei ergreifen?

Es ist ein paar Wochen her, dass 50 deutschsprachige Schaupielerinnen, Schauspieler, auch Regisseure sich an der Aktion #allesdichtmachen versuchten. Man kann diese Videos für mittelmäßig geglückt oder missraten halten, kann die satirisch und pauschal zugespitzten Attacken auf Anti-Corona-Maßnahmen, auf die Berichterstattung "der Medien" für verzerrt und überzogen, wenig elegant, wehleidig und nicht empathisch halten. Das gehört zum Streit. Natürlich ist Gesellschafts- und Zeitkritik schon mal präziser, treffender, mit schärferem Sinn vorgetragen worden - von den Bildgeschichten Wilhelm Buschs, die sich wenig um Rücksichtnahme oder Korrektheit scherten, über die Unerbittlichkeit eines Karl Kraus bis zu Georg Schramms schroffen Typenparaden. Doch das wütende Tosen heiserer Stimmen auf Twitter, Facebook und Co. wirkte eher wie das Symptom einer seltsamen Zeiterscheinung mit typischem Verlauf.

In Windeseile sah es aus, als hätte man hier Partei zu ergreifen - für auf Intensivstationen um ihr Leben ringende Menschen oder für erfolgsverwöhnte Narzissten. Als stünden der Schutz bedrohten Lebens und der des psychischen Immunsystems in tödlichem Gegensatz. Ein merkwürdig anti-kultureller Affekt brach auf: Manche fanden es schick zu verkünden, Schauspieler seien halt alle dumm. Sowieso habe man die Klappe zu halten, wenn man nichts von der Sache verstehe. Als nähme man selbst nicht permanent Stellung zu allerhand, was man nicht studiert hat, zum Beispiel zu epidemiologischen Fragen. Als wären nicht Kollegen der Künstlerinnen, die während der Pandemie in Verzweiflung stürzten, Experten ihrer Sache. Stattdessen Gift und Galle. Empörung fraß Denken auf. Mit wem sympathisieren die in Wahrheit? Sind die Freund oder Feind?

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Eine Collage von Schauspieler*innen der #allesdichtmachen-Kampagne. © picture alliance/dpa/Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube

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Der Kultur bekommt es nicht gut, in Moraldiskurse gezerrt zu werden

Die manische Lust an destruktiven Alternativen, von Populisten wie ein Virus in die öffentliche Arena gespuckt, speist sich vermutlich aus mehreren Quellen. Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner führt sie zurück auf die Politik der US-amerikanischen Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Damals galt die von Präsident George W. Bush ausgegebene Parole: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen identifiziert den unzureichend erlernten Umgang mit den neuen Medien als Ursprung einer "großen Gereiztheit", die den leiseren Diskurs verdrängt. In 280 Zeichen werden apodiktische Wahrheiten über den Nahost-Konflikt in die Welt posaunt, selbstgewiss, Beifall heischend. Zögern, Zweifeln, Schweigen lassen das Nervensystem kalt. Aber Erregungssüchtige wollen ihren Stoff.

Das sind vermutlich ein paar der Faktoren, die jetzt Diskurse kapern. Der Kunst, im Ganzen der Kultur bekommt das erstaunlich schlecht. Sie müssten eigentlich profitieren, wenn Reibung in der Gesellschaft herrscht: Unbequemes bahnt sich den Weg zur fantastischen Verwandlung durch Kunst. Was aber, wenn die Kunst selbst im Modus des Getöses verhandelt wird? Es bekommt ihr nicht immer wahnsinnig gut, in Moraldiskurse gezerrt zu werden. Es macht sie nicht unbedingt besser, wenn sie freiwillig Spielräume enger macht, in denen sie stellvertretend für alle laboriert und experimentiert. Schauspielkunst zum Beispiel, die sich nicht erlauben will, dass ein jeder Mensch einen jeden ganz anderen spielt - anders nach Geschlecht oder Alter, sexueller Präferenz, Hautfarbe oder Epoche: Gibt sie nicht Wesentliches auf? Der spielende Mensch, der "Homo ludens", den der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga feierte, den Schiller adelte mit dem Gedanken: "Der Mensch ist erst da ganz Mensch, wo er spielt": Dieses quietschvergnügte, traurige, emsige, träge und durch und durch unvollendete Wesen mag sich doch nicht davon abbringen lassen, mit sich selbst zu jonglieren. Wie soll es sonst was werden mit der Empathie und dem Bekenntnis zur Vielfalt? Kultur trägt Vielfalt in sich, sie braucht dafür keine Proklamation. Man muss ihr aber die Freiheit lassen.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Kunst braucht das ganze Spielfeld

Wenn also das pathetische Plädoyer für Kultur als "Lebensmittel" ernst gemeint ist, wenn die simple Einsicht gilt, dass zum guten Leben mehr gehört als genug zu essen, ein Dach überm Kopf und das Recht auf Urlaub - wenn das etwas bedeuten soll, reichen Bekenntnisse nicht. Es reicht nicht einmal das nötige Geld, so wichtig die milliardenschweren Unterstützungsangebote des Programms "Neustart Kultur", so sympathisch und respektabel private und wirtschaftliche Initiativen sind. Kultur soll unbedingt ihre Bühne wiederhaben, wenn die Pandemie vorbei ist. Gern ergänzt um das, was sie sich notgedrungen erobert hat: die Reichweite auf Dauer gestellter Angebote im Netz. Kunst, die uns verblüfft und bewegt, braucht das ganze Spielfeld. Und sie braucht Konzepte, die den neuen Umständen Rechnung tragen. Das wird aber nur funktionieren, wenn der geheime Faden, der das Gesellschaftsgewebe durchzieht, kräftig und haltbar bleibt. Er bleibt es nicht von allein. Deshalb gilt: Kultur braucht uns. Zusätzlich zum unermüdlichen Einsatz derer, die seit Beginn der Pandemie nach neuen Möglichkeiten suchten - backstage, im Management, in den Verlagen, in den öffentlich-rechtlichen Sendern, die, wie wir in diesem Programm, mit Leidenschaft dafür kämpften, dass Kultur besteht, glänzt, tröstet - und diese Zeit überlebt. Kultur braucht uns, denn wir brauchen Kultur. Solange uns dieser unauflösliche Zusammenhang nicht aus den Augen gerät, haben wir vielleicht ein Problem - aber wir können es lösen. Damit auch künftig kleine Menschenkinder ganz besondere Erlebnisse haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 22.05.2021 | 13:05 Uhr