Stand: 08.11.2019 13:51 Uhr  - NDR Kultur

Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?

von Jürgen Kaube

Früh und viel investieren

Aus diesen beiden Aufgaben der Schule ergeben sich zwei Vorschläge. Wer Bildungsarmut bekämpfen möchte, sollte berücksichtigen, dass es Fähigkeiten gibt, ohne deren Vorhandensein man über alle anderen schönen Dinge gar nicht reden muss. In Deutschland jedoch verlässt jeder fünfte Schüler die Grundschule ohne ausreichende Lesefähigkeit, wird aber danach mit lauter neuen Fächern konfrontiert, in denen er oder sie ohne diese Fähigkeit gar nicht auskommt. Jeder Fünfte, das heißt: pro Klasse etwa fünf Kinder.

Müsste dann nicht eigentlich alle Unterrichtszeit vorher wie nachher auf die Vermittlung des Elementaren verwendet werden? Wir aber lassen Frühenglisch unterrichten, obwohl die Deutschkenntnisse kritisch sind. Wir finden Projektunterricht faszinierend, obwohl man mancherorts in der Grundschule kaum noch bis zur Division vordringt. Wir denken über den Einsatz von Computern in der Grundschule nach - in einer Grundschule, aus der wir die Schüler ohne einen angemessenen Wortschatz entlassen.

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Früh und viel investieren, so lautet die richtige Botschaft der allermeisten Bildungsstudien. Dabei meint "viel investieren" nicht nur die Höhe der Ausgaben für die Grundschulen, sondern auch die Insistenz auf Erziehung und instruktivem, übenden Unterricht. Im internationalen Vergleich aber stehen den in Deutschland unterrichteten gut 2.800 Stunden Unterricht in der Grundschule solche Länderwerte gegenüber: Niederlande 3.600 Stunden, Vereinigte Staaten 3.800, Kanada 4.100 Stunden.

Konzentration auf das Elementare

Die erste Forderung an eine Bildungspolitik, die den Sinn der Schule ernst nimmt, ist also eine ganz einfache: sehr viel mehr Konzentration auf das Elementare. Sehr viel mehr Augenmerk auf bewährte Formen, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu üben.

Die zweite Forderung gilt der Möglichkeit von Schule, das Nachdenken anhand exemplarischer Weltausschnitte zu lehren. Hier fällt der Blick auf die Lehrpläne. Sie sind bis zum Rand vollgestopft. Der Unterricht ist oft ganz atemlos. Die Zeit dafür, etwas ausgiebig zu behandeln, gibt es nicht. Die Zeit dafür, nach einer Klassenarbeit die typischen Fehler durchzusprechen und zurückbleibende Kinder wieder heranzuholen, sie fehlt. Wir müssen weiter im Stoff, heißt es. Und das, obwohl nachweislich der Stoff am ehesten vergessen wird, wenn sich der Unterricht keine Zeit mit ihm lässt.

Und er wird desto leichter vergessen, je begründungsloser er in den Unterricht eingeführt wird. Es ist keine Aufforderung zum Nachdenken, wenn die Schüler den Eindruck erhalten, der Stoff sei dran, weil er eben dran ist.

Vielmehr sind Unterrichtsgegenstände in dem Maße geeignet, in dem sie zum Nachdenken führen. Fast möchte man sagen: Man kann viel weniger Stoffe unterrichten, solange es sich nur um einprägsame, weil das Denken ansprechende Stoffe handelt, mit denen die Schüler mehr verbinden als nur, dass sie abgefragt werden.

Wiederkehrende Konzepte

Das mitgeteilte Wissen sollte also etwas zu begreifen geben. Darum ist es gut, lange und wiederholt bei den immer wiederkehrenden Konzepten eines Faches zu verweilen, ob sie nun "Energie" heißen oder "Siedlung" oder "Atom" oder "Bild". Rauch ist so etwas Ähnliches wie Nebel - aber worin unterscheiden sich beide? Man kann aus Verlegenheit erröten - aber weshalb noch? Sind Dörfer Städte, wenn sich ihre Einwohner nicht mehr kennen? Auf welche Arten kann sich ein Lebewesen dafür schützen, von anderen aufgegessen zu werden? Warum sind die Verbrechen in den meisten Krimis Morde und nicht Eigentumsdelikte?

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Solche Fragen können nur gestellt werden, wenn die Schüler genug Kriminalgeschichten, Dörfer, Lebewesen kennen und wenn sie mit dem Konzept "Gemisch" vertraut sind. Warum also nicht erst einmal vier Kriminalgeschichten lesen, um dann auf die Frage nach dem Zusammenhang von Stoff und Form zu kommen? Oder zwei Münzen auf den Tisch legen und fragen, warum sie sich nicht mischen, warum sich anderes mischt, unter welchen Bedingungen leicht, wann schwer, warum sich manches wieder trennt und anderes gleich explodiert?

Mehr Gedankenfreiheit!

Der Eindruck, den die Schule vielerorts vermittelt, ist der einer Einrichtung, die so sehr mit tatsächlichen und vermeintlichen Pflichten überhäuft ist, dass der Unterricht oft entsprechend pflichtschuldig erteilt wird, anstatt dass er den Verstand der Schüler erfrischt. Die Frage, warum sie das machen, was sie machen, entlockt jedenfalls vielen Schülern nur ein Achselzucken.

Das ist schade. Denn so verpasst die Schule ihre beste Möglichkeit, etwas zu tun, was nur sie kann. Nur in ihr nämlich gibt es den Freiraum, das, was das Denken anregt, weil es erstaunlich ist, ausschließlich deshalb zu behandeln, weil es erstaunlich ist.

Schule kann gerade darum ein Ort der Einübung ins Nachdenken sein, weil in ihr nicht all das gleichzeitig geschehen muss, was im späteren Leben eine Rolle spielt. Die Erfahrung im Umgang mit Schwierigkeiten kann an diesem Ort langsam aufgebaut werden, weil hier kein Handlungsdruck besteht. Wie töricht also, ihn durch den Termindruck der Lehrpläne zu ersetzen!

Die zweite Forderung an eine Bildungspolitik, die den Sinn der Schule ernst nimmt, ist darum: Gebt ihr, wenn die elementaren Fähigkeiten vorhanden sind, mehr Gedankenfreiheit. Denn die Schüler merken, wenn die Lehrer selbst nicht daran glauben, dass es interessant ist, was sie unterrichten. Sie merken es, wenn nur aus Pflicht unterrichtet wird und nicht aus Freude am Nachdenken. Lasst den Lehrern mehr Freiheiten, das zu unterrichten, was sie gern unterrichten, weil sie sich darin auskennen und weil ihnen dazu etwas einfällt. Fördert - durch die Lehrerbildung, aber auch durch die Stundenpläne - einen Unterricht, der sich Zeit lässt. Der begründet, wovon er handelt. Und der sich dem Reichtum seiner ausgewählten Stoffe überlässt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 10.11.2019 | 19:00 Uhr