Stand: 23.08.2019 18:29 Uhr  - NDR Kultur

Generation Treuhand

von Sebastian Friedrich

Die AfD als Erbin von 89

Drei große gesellschaftliche Auseinandersetzungen in 30 Jahren - jene Kämpfe entlang der sozialen Konfliktachse, der zwischen oben und unten, gingen verloren. Den letzten Sieg, so die kollektive Erinnerung, errangen die Ostdeutschen im Herbst 1989.

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Und genau daran knüpft die AfD heute an. In Brandenburg lautet ihr zentraler Wahlkampfslogan: "Wende 2.0 - vollende die Wende". Die Frontmänner des extrem rechten Flügels in der AfD vergleichen das aktuelle System mit der DDR, suggerieren, man könne ähnlich wie damals nicht frei die eigene Meinung äußern. Die Wende 89 war und ist auch für die Rechten ein positiver Bezugspunkt - als Vereinigung des Volkes und als Sieg über den Sozialismus. Und sie können sich auch auf die Ausschreitungen Anfang der 1990er-Jahre stützen: rassistische Pogrome und eine aktive rechte Szene. Die Generation Treuhand ist auch eine Generation Hoyerswerda und eine Generation Rostock-Lichtenhagen.

Die AfD präsentiert sich als Erbin von 89, und es gelingt ihr, soziale Themen aufzugreifen. Das trifft bei jenen auf Gehör, die ohnehin offen für rechtes Gedankengut sind und sich zugleich als Verlierer der Entwicklung seit der Wende sehen. Es sind all jene, die keine Hoffnung mehr haben, dass sich umfassende Solidarität auch für sie lohnen könnte. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre und sein Team haben Arbeiterinnen und Arbeiter in Ostdeutschland interviewt. Ihr Befund: Arbeiter mit politisch rechter Haltung tendieren dazu, den Kampf um Statuserhalt und -verbesserung mit Hilfe von Ressentiments auszutragen. Anstelle universeller Solidarität tritt Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken. Diese Arbeiter, die sich eigentlich als Verlierer sehen, werten sich selbst auf, indem sie andere abwerten - etwa wegen deren Herkunft. Anders gesagt: Der Ellbogen ersetzt die kämpferische Faust.

Eine explosive Mischung

So kommt nicht nur, aber vor allem im Osten eine explosive Mischung zustande: Der rechte Kulturkampf instrumentalisiert reale materielle Sorgen und die Erfahrung, die wichtigen sozialen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte verloren zu haben. Das ist der Nährboden für Demagogen, die die soziale Frage zwar stellen, sie aber nationalistisch beantworten. Die Gründe für den Aufstieg der Rechten verstehen zu wollen, bedeutet nicht, sich mit einer erstarkten AfD abzufinden. Im Gegenteil: Das Wissen um die Ursachen für den Zuspruch für die Partei eröffnet neue Blickwinkel. Es geht um die Erinnerung an die verlorenen Kämpfe, um die Aufarbeitung der Schocktherapie der Treuhand. Wer rechten Parteien und Bewegungen etwas entgegensetzen will, muss einen Ausweg in Aussicht stellen, bei dem keine Ellbogen gegen andere zum Einsatz kommen. Es geht um eine positive Zukunftsvision, um die realistische Vorstellung, dass eine demokratische und eine soziale Gesellschaft möglich ist - auch und gerade in Ostdeutschland.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 25.08.2019 | 19:05 Uhr

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