Stand: 27.06.2018 11:18 Uhr

"Traumbilder aus der Wirklichkeit"

Mönchsauge
von Cees Nooteboom, aus dem Niederländischen von Ard Posthuma
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Die "Insel der grauen Mönche" inspirierte Cees Nooteboom dazu, noch einmal einen Gedichtband zu veröffentlichen: "Mönchsauge".

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom mag Inseln. Auf der Baleareninsel Menorca verbringt er seit vielen Jahren einen Großteil seiner Zeit. In seiner niederländischen Heimat hat ihn vor allem eine Insel verzaubert: Schiermonnikoog. Wortwörtlich übersetzt bedeutet das so viel wie "Insel der grauen Mönche".

Auf diesen beiden Inseln sind die Verse für Nootebooms neuen Gedichtband "Mönchsauge" entstanden. Nun ist das Buch in einer zweisprachigen Ausgabe, im niederländischen Original und in deutscher Übersetzung, erschienen, versehen mit Zeichnungen und einem Aquarell des Künstlers Matthias Weischer.

Inspirationsquelle Schiermonnikoog

Vor wenigen Jahren erholte sich Cees Nooteboom im Winter auf der westfriesischen Insel Schiermonnikoog und war überrascht von der Wirkung dieses Ortes auf sein Schreiben: "Es ist kalt und nicht so angenehm, aber sehr schön und die Nordsee ist sehr wild. Das war eine wunderbare Atmosphäre", schildert der Schriftsteller seine Eindrücke von der Insel. T. S. Eliot habe einmal gesagt, es gäbe eine Zeit, in der die Gedichte einfach nicht mehr kommen. Aber die Insel habe ihn stark inspiriert. "Nachts habe ich das erste geschrieben. Und dann habe ich gespürt: Hier habe ich etwas", erinnert sich Nooteboom.

Es war der Beginn der Entstehung des nun erschienenen Lyrikbandes "Mönchsauge". Später führte Nooteboom den Zyklus auf Menorca fort, um schließlich für das Ende des Bandes noch einmal nach Schiermonnikoog zurückzukehren. Die Gedichte in "Mönchsauge" sind in einer unüblichen Form geschrieben. Sie bestehen aus drei Strophen mit vier Versen und am Ende steht ein Vers mit halber Länge, der dafür aber eine vielfache Wirkung hat, die oft durch eine überraschende Wendung erzielt wird.

Sehen in der Imagination

Herausgekommen ist ein Lyrikband, der mit all dem Meer, Sand und Wind der beiden Inseln sehr konkret ist, aber gleichzeitig stark geprägt von Metaphysik und Meditation. Auch in der von Ard Posthuma übersetzten deutschen Ausgabe:

"Auf dem Dünenpfad begegnete ich meiner Mutter,
doch sie sah mich nicht. Sie sprach mit einer anderen
Dame, und ich hörte sie sagen, jedermann
finde sie hier nett.

Dass sie wirklich war, erkannte ich am Geräusch
vom Muschelbruch unter ihren Füßen.
Danach sah ich auch meinen Bruder und den Halbbruder,
unterwegs mit derselben Vergangenheit wie ich,

Chaos und Unruhe. Die Nordsee hatte wilde Schaumkronen,
der Strand war verlassen. Meine Brüder waren durchsichtig.
Ich sah den Pfad durch sie hindurch. Jetzt einen Schatz finden,
einen angeschwemmten Walfischzahn, oder Gold,

und alles würde gut." Leseprobe

Mit dem inneren Auge sieht das lyrische Ich, das man hier mit dem Dichter gleichsetzen darf, verstorbene Familienmitglieder, einen alten Freund und die erste Liebe. Bis ihre Stimmen im Meeresrauschen untergehen oder sich ihre Körper in Luft und Licht auflösen. Nooteboom nennt dies "Traumbilder aus der Wirklichkeit". "Das ist natürlich Sehen in der Imagination", meint der Niederländer. "Krieg, geschiedene Eltern - da kamen einfach diese Bilder und diese Gedanken darüber, wer man am Ende ist."

Cees Nooteboom hat seinen Vater nie richtig kennengelernt hat, weil der im Zweiten Weltkrieg starb. Bis heute weiß der Sohn nicht, wo die Gebeine des Vaters liegen. Das liest man heraus aus dem wohl bildmächtigsten dieser 33 oft melancholischen Gedichte.

Zusammenspiel von Bildern und Lyrik

Matthias Weischers Bilder von den beiden Inseln verorten diese Lyrik. Die mal kräftigen, mal hingehauchten Zeichnungen, die zwischen Wirklichkeit und Trug oszillieren, ergänzen sich mit den Gedichten zu einer gelungenen Einheit.

Woher kommen und wohin gehen wir? Und was bleibt von unserem Leben? Cees Nooteboom wirft in angenehm unprätentiösen Versen philosophische Fragen auf. "Da sind so viele Gedanken, die sich gesammelt haben", meint der Autor. " Es ist immer, als ob es schon vorbereitet war. Aber warum es dann gerade in diesem Moment rausgekommen ist, das bleibt dann doch ein Geheimnis."

Klar aber ist: "Mönchsauge" ist ein wunderbares Buch.

Mönchsauge

von
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Bestellnummer:
978-3-442-31415-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.06.2018 | 12:40 Uhr

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