Das Cover von Gesuino Némus' Krimi "Die Theologie des Wildschweins" © Ullstein Buchverlage

Erst irritierend, dann aufregend: "Die Theologie des Wildschweins"

Stand: 13.05.2021 09:11 Uhr

"Die Theologie des Wildschweins" war in Italien ein großer Erfolg und hat gleich mehrere Literaturpreise eingeheimst. Nun ist das Buch von Gesuino Némus auf Deutsch erschienen.

Das Cover von Gesuino Némus' Krimi "Die Theologie des Wildschweins" © Ullstein Buchverlage
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von Andrea Heußinger

Juli 1969, die ganze Welt fiebert der Mondlandung entgegen, selbst in Telévras, einem kleinen Bergdorf im unwegsamen Landesinneren von Sardinien. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch: Mit einer Kirche und einer Bar, deren Besitzer anschreiben lässt, und seinen Wein, natürlich von der landestypischen Sorte Cannonau, auch gerne selbst verköstigt.

Der örtliche Carabiniere ist vor allem damit beschäftigt, die großen und kleinen Betrügereien seiner Landsleute zu übersehen. Sein Chef, der aus dem Piemont kommt, beißt bei den Bewohnern selbstverständlich grundsätzlich auf Granit. Das eigentliche Oberhaupt aber ist der Dorfpfarrer.

Lebensfroher Pfarrer unsichtbarer Mittelpunkt des Dorfes

Bei Don Cossu laufen die Fäden zusammen, er lenkt die Geschicke des Dorfes und seiner Schäfchen. Nebenbei isst und trinkt er gerne und viel und liebt die Wildschweinjagd.

"Das Wildschwein ist wie ein Gebet. Mit Hunden ist es ein Rosenkranz. Ohne Hunde ein Te Deum. Und ohne Hunde, nachts und ohne Jagdschein, ein Hosiana." So lautete mehr oder weniger das Incipit zu dem Text in dem schwarzen Heft mit rotem Rand, dem er den Arbeitstitel Die "Theologie des Wildschweins" (nach Cossu Don Egisto) gegeben hatte. Ein einmaliges Werk in Tagebuchform, das den Pfarrer zu anderen Zeiten auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. Aber so war er eben. Eine Mischung aus Instinkt und Intelligenz. Und auf seine Art versuchte er, es dem Jäger bei seinem Handwerk so schwer wie möglich zu machen. Wenn es nach Don Cossu gegangen wäre, hätte man mit Pfeil und Bogen gejagt oder bestenfalls mit einer Armbrust, aber als er sich darin versuchte, machten sich die Leute im Dorf über ihn lustig und gaben ihm den Spitznamen "Robin", was ihn sehr aufbrachte. Buchzitat

Zwei Zwölfjährige unter dem Schutz des Pfarrers

Eine eingeschworene Gemeinschaft, und mittendrin zwei zwölfjährige Jungs: Der hochbegabte Sohn eines Banditen und ein junger Sonderling, der so gut wie gar nicht spricht, dafür aber jeden Tag ein Buch schreibt. So nennt das zumindest sein Umfeld, denn in Wirklichkeit bestehen die Werke meist nur aus ein paar Worten.

Beide genießen den besonderen Schutz des Pfarrers, er kümmert sich um sie, als seien sie seine eigenen Kinder. Dann wird ein seit Wochen verschwundener Bewohner tot aufgefunden. Ausgerechnet der Vater des Wunderkindes. Das ganze Dorf gerät in Aufruhr:

Nach einer durchzechten Nacht mit Cannonau war es eine wahre Heldentat, den Kopf in den Nacken zu legen und den Blick nach oben zu richten. Der Brauch wollte es eigentlich, dass man sich auf den Bauch bettete und den Kopf auf den Zipfel eines Kissens niederlegte, das wenn möglich mit Drossel- oder Amselfedern gestopft war, und aus dieser Position richtete man dann den Blick nach Osten, von wo an manchen Tagen eine frische Meeresbrise angeweht kam. Das galt natürlich nur, wenn man den Mistral im Rücken und den Ostwind im Gesicht hatte. Die Leute in Alghero oder Oristano hatten da wirklich Pech, pflegte Don Cossu zu sagen (…), denn diesen armen Bewohnern blies der Mistral auch im Sommer mit achtzig Stundenkilometern mitten ins Gesicht, und die Frisur sah immer aus wie streng nach hinten gebürstet. Buchzitat

Das alles klingt nach einem einzigen, großen Klischee - ist es aber nicht. Trotz all der regionalen Zutaten:  Düfte, Geschmäcker und Gebräuche. Trotz ganz viel Lokalkolorit, inklusive des sehr eigentümlichen Dialekts der meist sehr skurrilen Insulaner: voller "U"s und Doppelkonsonanten, unaussprechbar und dankenswerterweise ins Deutsche übersetzt.

"Die Theologie des Wildschweins" - kein traditioneller Krimi

Dass "Die Theologie des Wildschweins" eben keiner von diesen trutschigen Regionalkrimis ist, liegt vor allem an der Erzählweise: Der Leser wird hier ganz schön gefordert. Mehrere Perspektivwechsel, erst irritierend, dann aufregend, immer überraschend. Auch sie sorgen dafür, dass sich das meiste erst nach und nach erschließt und der Roman bis zum Schluss spannend bleibt.

Dafür verantwortlich zeichnet ein gewisser Gesuino Némus: der Vorname eine Abwandlung von Jesus, Nèmus: sardisch für niemand. Eine Erfindung des Autors Matteo Locci, der seinen fiktiven Erzähler mit einer eigenen Biographie ausgestattet hat. Wer hier einen traditionellen Krimi erwartet, wird enttäuscht sein - allen anderen sei dieses schräge und sehr sardische Buch durchaus empfohlen.

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Die Theologie des Wildschweins

von Gesuino Némus
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Krimi
Zusatzinfo:
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Verlag:
Eisele Verlag
Bestellnummer:
978-3-96161-098-3
Preis:
16 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.05.2021 | 12:40 Uhr

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