Cover von Eva Menasses "Dunkelblum" © KiWi

"Dunkelblum" : Virtuos komponierter Roman von Eva Menasse

Stand: 08.09.2021 11:03 Uhr

Mitte August hat Eva Menasse ihren neuen Roman "Dunkelblum" veröffentlicht. Die Geschichte vom kollektiven Schweigen einer österreichischen Kleinstadt wühlt auf, bedrückt und reißt mit.

Cover von Eva Menasses "Dunkelblum" © KiWi
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von Katja Weise

Eva Menasses Eltern kannten ein jüdisches Ehepaar mit Namen Dunkelblum - in dem Roman heißt eine Kleinstadt so, nicht weit von der ungarischen Grenze, im österreichischen Burgenland. Hier kennt jeder jeden und weiß, was er vom jeweils anderen zu halten hat.

In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt. Leseprobe

"Dunkelblum": Kleinstadt zwischen Beobachten und Schweigen

Geht ein Fremder durch die Straßen, bewegen sich kaum merklich die Gardinen. Dieser Fremde, ein älterer Mann, fängt an, Fragen zu stellen, nach dem, was damals, am Ende des Zweiten Weltkrieges in Dunkelblum geschah. Doch was die Dunkelblumer noch besser können als beobachten ist: schweigen.

Es ist zu schrecklich, um darüber zu reden, und es gibt diese Tendenz in allen Menschen, glaube ich, Dinge ruhen zu lassen, um sich dem Schmerz und der Scham und der Schuld nicht mehr auszusetzen. Ich glaube, das sind erstmal normale, menschliche Verhaltensweisen. In so einem krassen Fall genügt das eben nicht, da wird irgendwann die Sache wieder aufbrechen und aufplatzen, und das ist es, was in "Dunkelblum" beschrieben wird. Leseprobe

Denn der Fremde hört nicht auf, Fragen zu stellen, junge Menschen aus der Hauptstadt wollen den jüdischen Friedhof wieder herrichten, manche in Dunkelblum ein Heimatmuseum gründen. Es rumort im Ort, und dann wird auf der Rotensteinwiese auch noch "einer ausgegraben".

Sie brauchen sich gar nicht zu beunruhigen, hatte der diensthabende Staatsanwalt versichert, das hier mag ja alles Mögliche sein, aber bestimmt kein frischer Mord. Leseprobe

Morde von Rechnitz als Inspiration

Es gibt Menschen in Dunkelblum, die sich erinnern an jene Nacht, als hunderte Zwangsarbeiter erschossen und verscharrt wurden, doch sie schweigen weiter, hartnäckig. Ganz allmählich blättert Eva Menasse ihre Geschichte auf, die inspiriert ist von den grausamen Morden von Rechnitz im März 1945:

Dunkelblum ist natürlich nicht Rechnitz, Dunkelblum versucht etwas allgemein Gültigeres über Rechnitz Hinausgehendes zu präsentieren, aber es beruht auf ziemlich viel historischer Recherche Rechnitz betreffend, aber auch andere Orte im Burgenland im östlichen Niederösterreich, in denen eben Ende des zweiten Weltkriegs solche Verbrechen an Zwangsarbeitern stattgefunden haben. Leseprobe

Eva Menasse erforscht das Schweigen

Wie es dazu kommen konnte, interessiert Menasse weniger, sie erforscht das kollektive Schweigen danach - wie es sich einnistet im Laufe der Zeit, wie die Menschen damit umgehen. Das beschreibt sie auf verschiedenen Zeitebenen und mit einer Fülle lebenspraller Figuren. Der Roman setzt ein im Jahr des Mauerfalls: Über die ungarische Grenze kommen plötzlich Flüchtlinge aus der DDR, alles atmet Aufbruch, doch ihrer Geschichte können sich die Dunkelblumer nicht entziehen, das Schweigen wird brüchig:

Das ist nicht das Ende der Geschichte. Leseprobe

Mit diesen Worten endet der Roman, der ungeheuer komplex und virtuos komponiert ist, der neben der Geschichte vom kollektiven Schweigen viele andere erzählt oder anreißt, der bohrende Fragen stellt und Antworten meidet. "Dunkelblum" wühlt auf, bedrückt, reißt mit - vor allem durch seine Figuren und ist zweifelsohne eines der wichtigsten Bücher dieses Herbstes. Großartig.

Dunkelblum

von Eva Menasse
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer und Witsch
Veröffentlichungsdatum:
19. August 2021
Bestellnummer:
978-3-462-04790-5
Preis:
25,00 €

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