Ein Mann mit Virtual-Reality Brille sitzt bei einer Messe zu Autosicherheit mit einem männlichen Crash Test Dummy, über ihnen ein Crash Test Dummy im Auto © IMAGO / ZUMA Press

Wütend-humorvolles Sachbuch über "Das Patriarchat der Dinge"

Stand: 10.05.2021 12:21 Uhr

Rebekka Endler erzählt im Sachbuch "Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt" humorvoll von den unhinterfragten Ungerechtigkeiten im Alltag zwischen Frau und Mann.

Rebecca Endler: "Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt" (Cover) © Dumont
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von Anette Schneider

Schlag auf Schlag liefert Rebekka Endler Beispiele, die sie mit aktuellen Studien, Interviews und oft witzigen Blicken in die Geschichte unterfüttert. Bei all dem hält sie gekonnt die Balance zwischen angemessenem Sarkasmus, journalistischer Neugier und Aufklärungswillen. Immer wieder verdeutlicht sie: Das männliche Design erschwert Frauen den Alltag, verhindert Chancengleichheit und kann ihr Leben gefährden.

Während er in seinen Jackentaschen lässig alles Wichtige verstauen kann, dann die Hände frei hat, erweisen sich ihre Jackentaschen als Fake und zwingen sie, eine Handtasche mit sich zu schleppen. Wenn Frauen das Handwerkern lieben, aber immer nur auf klobiges Werkzeug stoßen, wenn sie unterwegs im öffentlichen Raum zwar Urinale für Männer finden, aber partout keine Toilette für sich, oder wenn sie sich über unpraktische eckige Bordsteine ärgern, dann können sie sich sagen: Naja, das ist eben so. Oder sie greifen zu Rebekka Endlers Buch und merken: Das alles hat System. Endler begibt sich in "Das Patriarchat der Dinge" auf Spurensuche quer durch unsere Gesellschaft.

Rebekka Endler: "Der Mann ist wortwörtlich das Maß aller Dinge"

Unsere Alltagswelt wird von Männern gestaltet und wir sind umgeben von patriarchalem Design. "Die Geschichte des patriarchalen Designs geht so: 'Der Mann ist das Maß aller Dinge'. Wortwörtlich. Was reale Unannehmlichkeiten für mindestens 50 Prozent der Bevölkerung bedeuten", so die Autorin in einem Podcast. Auf 334 Seiten schärft die Journalistin in rasantem Tempo Blick und Bewusstsein dafür, wie sehr Männer unseren Alltag, den öffentlichen Raum, die Forschung und ihre Fragestellungen beherrschen. Frauen dauerfrösteln im Büro? Kein Wunder: Die von Männern entwickelten Klimaanlagen sind auf deren Wohlfühltemperatur eingestellt, die um drei Grad unter dem liegt, was Frauen als angenehm empfinden. Der Schreibtischstuhl ist unbequem? Wie sollte er nicht: Die Tiefe der Sitzfläche bemisst sich nach den durchschnittlichen 1,75 Meter eines Mannes. Frauen können mit den Füßen baumeln.

Gefährliches Design im Alltag - "Warum die Welt Frauen nicht passt"

Ob Mädchen und Frauen mit der Fahrerposition im Auto hadern, mit den Griffen von Schraubenziehern, dem Abstand von Klaviertasten oder der Technik im Cockpit: Stets heißt die Ursache: Er hat die Dinge nach seinem Maß und seinen körperlichen Fähigkeiten entwickelt. Bereiten sie Frauen "Unannehmlichkeiten", sind die eben unfähig. "Das Wort 'Unannehmlichkeiten' impliziert eigentlich, dass sie unannehmbar sind. Ironischerweise aber werden sie meist hingenommen. So zum Beispiel an der Kloschlange.

"Das Patriarchat der Dinge": Die Welt ist von Männern gemacht

Wer überlebt einen Autounfall? Wer eine Krankheit? Was überhaupt ist eine Krankheit, und was nicht? Für wen ist die Stadt gebaut? Wieso heißen alle großen Straßen männlich? Warum haben Jeans unbrauchbare Taschen? Beim Design wird ignoriert, dass Frauen anders greifen, ihre Kraft anders einsetzen, auf Krankheiten und Medikamente anders reagieren. So lange es keine gesetzliche Vorgaben gibt, eigene Studien an, mit und für Frauen durchzuführen, wird das wohl so bleiben, sagt Endler: "Bei der Recherche ist mir schnell klar geworden, dass ich kein Buch über das Patriarchat schreiben kann, ohne auch gleichzeitig über Kapitalismus und Diskriminierung zu schreiben. Denn viele Geschichten zeigen: Im Zentrum steht immer der Machterhalt. Und wer hat die Macht? Reiche Menschen. Weiße Menschen. Männer. Die meiste Macht entfällt auf den reichen, weißen cis Mann."

Positive Beispiele über Urinale und Bohrmaschinen

Unisex-Toilette an den Landungsbrücken © NDR Foto: Joachim Weretka
Diese relativ neue Anlage an der Hamburger Hafenpromenade ist besonders: Die Toiletten an den Landungsbrücken sind Unisex.

Dass eine beim Lesen nicht vor Wut platzt liegt daran, dass die Autorin Alternativen aufzeigt: In Holland haben Frauen längst hygienische Urinale für den öffentlichen Raum durchgesetzt. Eine Designerin führt vor, dass Bohrmaschinen weder klobig noch schwer sein müssen.

Und in Hamburg gibt es ein Fleckchen öffentlichen Raum für Frauen: Den "Garten der Frauen" auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Die im Sommer 2001 eröffnete Gedenkstätte, auf der alte Grabsteine bedeutender Frauen aufgestellt werden, wurde eingerichtet von der Historikerin Rita Bake, die seit vielen Jahrzehnten für Gleichberechtigung kämpft.

Bei ihr, so erzählt die junge Autorin, sei ihr zum ersten Mal bewusst geworden, dass sie mit ihrer Wut und ihrem feministischen Kampf nicht allein stünde, weshalb sie empfiehlt, "sich auch ein bisschen darüber klar zu machen, wo wir eigentlich herkommen, und dass wir ein Glied in einer langen Reihe an Feministinnen sind, die Fortschritt betreiben. Das ist einfach auch ein schönes Gefühl", sagt Rebekka Endler.

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Das Patriarchat der Dinge

von Rebekka  Endler
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
DuMont
Veröffentlichungsdatum:
12. April 2021
Bestellnummer:
ISBN 978-3-8321-8136-9
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.04.2021 | 18:00 Uhr

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