Stand: 06.11.2018 18:02 Uhr

Für ein neues kosmopolitisches Denken

Jenseits des Westens
von Stefan Weidner
Vorgestellt von Michael Köhler

Als Übersetzer hat Stefan Weidner viele Länder Afrikas und den Nahen Osten bereist - und er wirbt dafür, sich nicht allein an der westlichen Ideengeschichte zu orientieren, sondern auch anderen Kulturen und Regionen der Welt Gehör zu verschaffen. Mit seinem Buch "Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken" steht er auf der Shortlist des diesjährigen NDR Kultur Sachbuchpreises.

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In "Jenseits des Westens" wirbt Stefan Weidner dafür, sich nicht allein an der westlichen Ideengeschichte zu orientieren.

Der Schriftsteller, Übersetzer und Islamwissenschaftler Stefan Weidner ist ein Idealist. Er haut die westlichen Prinzipien von Liberalismus, Säkularisierung, Fortschritt und individueller Freiheit nicht in die Tonne, fragt aber, ob nicht andere Welt- und Lebensentwürfe auch Geltung beanspruchen können. Das westliche Modell kultureller Überlegenheit jedenfalls solle zugunsten eines kosmopolitischen Denkens überwunden werden. Die kulturelle Hegemonie des Westens müsse abgelegt werden, argumentiert Weidner, ohne dabei die vernünftigen, aufklärerischen Anteile aufzugeben.

Was aber ist an diesem kosmopolitischen Ansatz besser als an der universalistischen Erklärung der Menschenrechte vor der UN in New York vor 70 Jahren? "Das ist ganz einfach", erklärt Weidner. "Der Universalismus bedeutet, dass man eine gegebene Weltanschauung, und sei es die allerschönste und beste, auf die ganze Welt ausdehnt und sagt: Die ist für die ganze Welt gültig. Wir sollten dafür sorgen, dass sie auf der ganzen Welt Anwendung findet. Wenn Sie alle diese Weltanschauungen verbreiten wollen, dann grenzen Sie bestehende andere Weltanschauungen aus oder versuchen sie zu überwinden und zu beseitigen, weil Sie vielleicht aus Ihrer Sicht schwerwiegende Nachteile haben. Dies gilt aber nicht unbedingt für die Menschen, die in diesem Kontext leben."

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Andere Weltentwürfe ernst nehmen

Stefan Weidner hat kein politisches Sachbuch über "Nation Building" oder Armuts-, Korruptions- und Bürgerkriegsvermeidung in Burkina Faso, Jemen, Syrien oder Indien geschrieben. Er schlägt sich nicht einfach auf die andere Seite. Aber er plädiert dafür, die Weltentwürfe aus Afrika, China, Indien oder Arabien ernst zu nehmen. Weidner nennt den Preis, der aus seiner Sicht zu zahlen ist, wenn man nur einer Weltanschauung folgt, sei es nun der Liberalismus, der Kommunismus oder eine andere: "Wenn man eine Weltanschauung auf die ganze Welt verbreiten will, muss man zwangsläufig die Rechtssysteme, die Weltvorstellungen, die Weltanschauungen anderer Menschen mehr oder weniger kurzfristig beseitigen. Damit reißen Sie die Menschen aus ihrem Lebenszusammenhang."

Der Autor hat das Recht, seine "Gedanken von der Leine" zu lassen, also nicht pragmatisch, sondern romantisch zu denken. Konkretion ist seine Sache nicht. Und so was Langweiliges wie Internationales Völkerrecht ist ihm zu profan. Er setzt sich damit der Gefahr aus, bestehendes Unrecht unter kulturellem Vorwand zu billigen. Weidner entgegnet: "Ich bin ein Anhänger eines internationalisierten Rechtsverständnisses. Das heißt aber nicht, dass ich der Meinung bin, dass es eine gegebene Weltanschauung gibt, die wir ohne Weiteres, ohne diese Verständigungsprozesse, mal eben so, weil wir überzeugt sind, dass das gut ist, auf den Rest der Welt ausbreiten. Das funktioniert nicht. Das sind Prozesse, die jeder für sich oder jedes Umfeld für sich neu durchgehen muss."

Die Essenz kosmopolitischen Denkens

Stefan Weidner schreibt, "experimentell und essayistisch" vorzugehen. Er blickt damit über den Tellerrand und das Tagesgeschäft hinaus. Sein Einspruch kommt in einem Moment, da wir über den Umgang mit kolonialem Erbe in Deutschland nachdenken und weiter über die Flüchtlingspolitik diskutieren. Er sagt im Kern, es gebe auch noch anderes Denken, andere Auffassungen von Individualität, Gesellschaft und Freiheit. Und die würden wichtiger.

Ein großer Teil seines Buches widmet sich dem indischen Denken. So wundert auch seine Begeisterung für den indischen Unabhängigkeitsaktivisten Mahatma Gandhi nicht. Weidners kluges Buch stiftet zur Reflexion an und gipfelt im Ratschlag, unser bisheriges Denken zu flexibilisieren. Das sei die Essenz kosmopolitischen Denkens. "Aber das geht nicht, indem man von vornherein davon ausgeht, dass wir oder irgendjemand es besser weiß. Das funktioniert nicht", betont Weidner.

Jenseits des Westens

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Bestellnummer:
978-3446258495
Preis:
24,00 €

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