Stand: 24.07.2020 11:32 Uhr  - NDR Kultur

Siri Hustvedt: "Es ist keine gute Zeit"

New York: Die Stadt, die niemals schläft, ist in den vergangenen Monaten zum Stillstand gekommen. Dort sitzt Siri Hustvedt in ihrem Arbeitszimmer. Die Wendungen, die ihr Leben genommen habe, sagt Siri Hustvedt, hätte sie beim besten Willen nicht voraussagen können. Sie wuchs in Minnesota in einer norwegischen Gemeinde auf. Heute ist sie nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Wissenschaftlerin international anerkannt. Sie beschäftigt sich intensiv mit den subtilen Unterdrückungsformen, die die westlichen Gesellschaften bis heute für Menschen weiblichen Geschlechts bereithalten.

In ihrem Roman "Die gleißende Welt" von 2015 erfand sie die Installationskünstlerin Harriett Burden, die ihre Werke männlichen "Masken" zuschreibt, um sich über die dann völlig andere Rezeption zu amüsieren. Einiges in Siri Hustvedts aktuellem Roman "Damals"  ist autobiografisch. Es ist die Geschichte einer Selbstermächtigung, die teils hochdramatisch, teils komisch an die Kämpfe gemahnt, die Frauen in den zurückliegenden Jahrzehnten auszufechten hatten.

Für eat.READ.sleep haben wir mit Siri Hustvedt per Videokonferenz über Literatur, aber natürlich auch über die aktuelle Situation in den USA gesprochen.

Sie leben ja in New York, die wir als Stadt kennen, die niemals schläft? Wie sieht Ihr Leben dort gerade aus?

Siri Hustvedt: Die Stadt, die niemals schläft, schläft seit einiger Zeit, wie Sie wissen. Es ist spürbar ruhiger. Im April erlebten wir den Höhepunkt der Corona-Krise. Wir haben 25.000 Menschen verloren. Es ist eine schwere Zeit, und das Leben kommt nur langsam in die Stadt zurück. Noch immer bleiben viele Menschen zu Hause. Die Restaurants sind weiterhin geschlossen. Wir haben immer noch Angst, obwohl momentan verhältnismäßig wenige Menschen erkrankt sind. Wir fürchten uns vor Menschen, die das Virus aus Bundesstaaten, in denen es grassiert, in die Stadt bringen könnten. Die USA sind in einem schlechten Zustand - wirtschaftlich und politisch. Es ist keine gute Zeit.

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Ich stelle mir die Arbeit als Schriftstellerin als ständige Quarantäne vor. Was bedeutet die Situation gerade für Ihre Arbeit?

 Hustvedt: Mein Leben hat sich tatsächlich eigentlich nicht wirklich verändert. Ich stehe morgens um halb sieben auf, dann arbeite ich den Morgen über, manchmal bis in den frühen Nachmittag. Danach lese ich drei oder vier Stunden lang. Das ist seit vielen Jahren mein Tagesablauf. Das hat sich nicht geändert. Geändert hat sich der Kontext der Arbeit. Was da draußen passiert, hat Auswirkungen auf das eigene Leben, auch wenn sich dieses eigentlich nicht ändert. Die beiden Geräusche, die während des Höhepunkts der Pandemie die Stadt beherrschten, waren einerseits die der Vögel - mehr als ich je erlebt habe in New York City - und Sirenen, die 24 Stunden zu hören waren und daran erinnerten, dass Menschen starben, und auch an das Schicksal der anderen Betroffenen.  

 Welche Bücher lesen Sie gerade in dieser besonderen Zeit?

Hustvedt: Oha! Ich schaue kurz auf mein Bücherregal in meiner Wohnung. Da wäre zum Beispiel ein ganz außergewöhnliches Buch aus dem Jahr 1976 von Fran Ross mit dem Titel "Oreo". Sie starb im Alter von 50 Jahren, und von diesem Buch hat kaum jemand Notiz genommen, als es veröffentlicht wurde.

2015 wurde es noch einmal von New Directions Press aufgelegt und ist regelrecht wiederbelebt worden. Mit dem Begriff "Oreo" hat man in den USA Menschen vorgeworfen, außen schwarz und innen weiß zu sein.

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Hustvedt: Wer immer die Traute und die Brillanz hatte, dieses sehr schwierige Buch zu übersetzen, vor dem verneige ich mich.  Es ist einer der komplexesten, brillanten Romane, die ich gelesen habe. Ich kämpfe dafür, dass dieses Buch mehr Anerkennung bekommt.

Die Übersetzerin heißt Pieke Biermann. Wir werden das Lob weitergeben.

Hustvedt: Das wäre schön. Als ich es gelesen habe, dachte ich noch: "Wie kann man das übersetzen?" Ich hielt nur die begabtesten Übersetzer für geeignet.

Kommen wir zu den Hexen: In Ihrem Roman "Damals" geht es um einen Hexen-Zirkel in New York City in den 70er-Jahren. Wie hat sich das Bild der Hexe mit der Zeit geändert?

Hustvedt: Die Hexe lebt immer weiter. Sie tauchte immer wieder in unserer kollektiven Vorstellung auf. Während der letzten schrecklichen Präsidentschaftswahlen in den USA wurde Hillary Clinton interessanterweise immer wieder als Hexe bezeichnet. Es gab Darstellungen von ihr als Hexe, wie man sie so kennt: mit grünem Gesicht, Besenstiel und dem Hut - besonders während des Wahlkampfs. Internetblogs der extremen Rechten schrieben wiederholt, Hillary Clinton sei ein übernatürliches Wesen und in ihrer Nähe rieche man Schwefel - wahrscheinlich, um auf die Verbindung zur Hölle hinzuweisen. Auch in Südafrika und Indien gibt es bis heute Hexenjagden. Es ist nicht vorbei.

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Kann Literatur daran etwas ändern? Können Ihre Bücher stärker sein als diese rechten Blogs?

Hustvedt: In meinem Leben hat es Bücher gegeben, die die Kraft hatten, meine innere Wirklichkeit zu verändern. Die Begegnung zwischen einem Menschen und einem Text ist eine private Angelegenheit und kann einen starken Effekt auf den Leser oder die Leserin haben. Kann das eine Revolution auslösen oder den Lauf der Geschichte ändern? Wahrscheinlich nicht. Das kann zwar schon mal passieren. Das Manifest ist beispielsweise eine literarische Gattung, die in bestimmten Situationen Menschen beeinflussen kann. Nehmen Sie zum Beispiel Marcel Proust. Viele Menschen, die Proust gelesen haben, erkannten in der Lektüre, dass das, was sie über das Menschsein fühlten, wahr ist. Aber sie hätten das ohne Proust nicht erkennen können. Das geht tief. Kann es auch politische Geschichte verändern? Das ist nicht so ganz klar. Aber es kann zweifellos Auswirkungen auf den Leser und die Leserin haben.

Sie versuchen ja, in Ihren Büchern auch Klischees zu hinterfragen und zu brechen - auch beim Bild der Hexe. Gab es in ihrer Kindheit Geschichten und Figuren, die Sie besonders und nachhaltig beeindruckt haben?

Hustvedt: Wie viele andere Kinder habe ich als Kind Grimms Märchen gelesen. Ich habe die Märchen und die furchterregende Figur der Hexe geliebt. Gleichzeitig habe ich gespürt, dass die Figur der Hexe Wut, Gewalt und Macht in sich trägt, das hatte auch verführerische Aspekte.

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Genau dieses Motiv der Aggressivität taucht ja auch in Ihrem Buch "Damals" auf, in dem sich Hexen gegen eine repressive Männerwelt auflehnen.

Hustvedt: Diese ernsten Aspekte des Hexentums werden vor allem von der Figur Patty verkörpert, die Philosophie studiert und dann darüber nachdenkt, welche Bereiche in der westlichen Philosophie einfach ausgelassen werden. Und sie sagt klar: Es ist die Mutter. Und es ist die Geburt und das Aufwachsen im Mutterleib, was dort nicht vorkommt, und das stimmt tatsächlich. Sie möchte das beginnende Leben im Körper einer Frau in die westliche Philosophie zurückholen. Es geht dort viel um den Tod, nur selten geht es um den Anfang und um das Leben.

Ihrer philosophischen Haltung kann ich viel abgewinnen. Die typische Frau der Mittelklasse wurde zu einem Engel des Haushalts stilisiert. Sie hatte niemals wütend oder aufmüpfig zu werden und sollte den Kindern moralische Koordinaten vermitteln. Dieses Bild existierte lange und dominierte auch das Selbstbild besonders eben dieser Frauen der Mittelklasse. Das war das Ideal. Und es ist noch nicht verschwunden.

Unsere letzte Frage ist die der einen Hexe zu Beginn von Shakespeares "Macbeth": "When shall we three meet again?", also: Wann sehen wir uns wieder?

Hustvedt: Vielleicht bei einem Hexendinner (lacht).

Das Gespräch führte Jan Ehlert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | eat.READ.sleep. Bücher für dich | 25.07.2020 | 06:40 Uhr

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