Eine Puppe liegt auf dem Boden © picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Zuwachs an Kindeswohlgefährdungen: Was sind die Ursachen?

Stand: 03.08.2021 18:47 Uhr

Kindeswohlgefährdungen haben in Deutschland im Jahr 2020 den höchsten Stand seit ihrer Erfassung erreicht. Ein Gespräch mit Sabine Andresen, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes.

Eine Puppe liegt auf dem Boden © picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
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Wie das Statistische Bundesamt Destatis mitgeteilt hat, haben die Jugendämter in Deutschland 2020 bei fast 60.600 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Das waren rund 5.000 Fälle oder neun Prozent mehr als im Vorjahr. Und der höchste Wert seit Einführung der Statistik im Jahr 2012.

Wie sehr überrascht und wie sehr besorgt Sie diese Meldung?

Sabine Andresen, Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes. © ©Aufarbeitungskommission/Barbara Dietl
Sabine Andresen ist Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes.

Sabine Andresen: Zunächst einmal besorgt mich diese Meldung sehr. Jedes einzelne Schicksal ist eines, das uns sehr umtreiben muss. Das überrascht mich aber nicht so sehr, weil viele damit gerechnet haben, dass sich in diesen außerordentlichen Monaten, den letzten anderthalb Jahren, pandemiebedingt die Situation in Familien erheblich verändert hat. Es war damit zu rechnen, dass der Anteil an Kindeswohlgefährdung auch steigen könnte. Das sehen wir jetzt anhand der Statistik.

Sie vermuten, dass Corona und der Lockdown hier die Hauptrolle spielen?

Andresen: Ich gehe nicht davon aus, dass das die Hauptrolle spielt. Ich versuche erst einmal einen Erklärungsansatz dafür zu finden, warum von neun Prozent mehr Fällen die Rede ist, die bestätigt worden sind. Diese Zunahme auf Corona zurückzuführen ist sicherlich sinnvoll und notwendig, wenngleich wir nach wie vor viel zu wenig wissen. Aber was wir wissen ist, dass sowohl Kinder und Jugendliche selbst ganz erheblich durch den Lockdown, die Schulschließungen und durch den Distanzunterricht belastet waren und so unglaublich viel Druck bei den Kindern und Jugendlichen selbst war. Und das dann in den Familien auch der Druck sehr hoch gewesen ist. Insbesondere wenn wir uns vor Augen führe, dass alles von einem auf den anderen Tag in vielen Familien zu Hause stattgefunden hat. In vielen Familien in beengten Wohnverhältnissen, bei vielen Eltern mit einem hohen Druck, wie es weitergehen wird mit dem Arbeitsplatz und zunehmenden finanziellen Sorgen. All das trägt natürlich mit dazu bei, dass Familien sehr belastet sind, und es kann mit dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche dann die Leidtragenden sind.

Kinder- und Jugendnotdienst

Unter der Rufnummer 040 428 15 32 00 bietet der Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) Tag und Nacht Beratung und Hilfe.

Gleichzeitig scheint diese Zunahme von Kindeswohlgefährdungen eine fortlaufende Entwicklung zu sein. Das sagen jedenfalls auch diese Statistiken von Destatis. Bereits in den beiden Vorjahren war die Zahl der Kindeswohlgefährdung deutlich um jeweils zehn Prozent gestiegen. Was sind da neben der Pandemie weitere mögliche Ursachen?

Andresen: Auch da muss man sich sehr genau die Zahlen anschauen und sich auch anschauen, womit dies zusammenhängt. Eine Erklärung für die Meldungen liegt auch darin, dass möglicherweise die Aufmerksamkeit gestiegen ist. Dass häufiger Meldungen an das Jugendamt gemacht werden. Wenn man in der Nachbarschaft den Eindruck hat, dass es den Kindern in dieser Familie nicht gut geht. Dass Kinder nicht gesehen werden oder sie sehr bedrückt herumlaufen. Die lange sehr, sehr zögerliche Haltung sich überhaupt einzumischen geht zurück. Das ist die eine Seite, die ein bisschen Licht in diese Situation bringt. Zugleich wissen wir aber auch, dass dies das Hellfeld ist und wir davon ausgehen müssen, dass es eben auch ein Dunkelfeld gibt, über das wir überhaupt keine Daten haben.

In den letzten Jahren wurde auch festgestellt, dass die Schulen viel weniger Fälle gemeldet haben. Nun waren die Kinder zeitweise nicht in der Schule, sondern im Homeschooling. Entsprechend könnte es ja sein, dass insbesondere im letzten Jahr die Dunkelziffer noch wesentlich höher war, weil die Schulen als Kontrollinstanzen weggefallen sind.

Andresen: Ja, die Zahlen zeigen auch, dass zum großen Teil jüngere Kinder betroffen waren. Jedes dritte Kind war unter fünf, jedes zweite Kind unter acht Jahre alt. Die Schulen, die Grundschulen und aber auch die Kindertagesstätten spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dass etwas beobachtet und dann dem Jugendamt gemeldet wird. Und wenn das wegfällt, dann fallen wichtige Informationen weg und ein wichtiger möglicher Schutz für Kinder und Jugendliche. Wir sehen daran auch, wie wichtig es ist, Kindertagesstätten und Schulen offen zu halten. Denn das trägt für die Familien zur Entlastung bei, es ermöglicht den Kindern außerhalb der Wohnung zu sein, die Aufgaben in der Schule zu machen und mit Freundinnen und Freunden zusammen zu sein. Ich denke, dass wir wirklich gesehen haben, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche in die Institution wie Schulen oder Kindertagesstätten gehen können.

Sie haben gerade schon gesagt, dass viele sehr junge Kinder betroffen sind. Gibt es ansonsten besonders gefährdete Gruppen von Kindern?

Andresen: Ich denke, wir müssen besonders auf die jüngeren Kinder blicken. Das zeigen auch Studien zur Kindeswohlgefährdung. Dass die Altersgruppe der unter Fünfjährigen und der Kinder bis ins Grundschulalter noch mal besonders gefährdet sind. Die jetzt aktuellen Zahlen verweisen auf unterschiedliche Familienformen, so dass wir nicht sagen können, dass in einer einzigen Familienform oder in einem einzigen sozialen Milieu mit Kindeswohlgefährdung zu rechnen ist. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir, ausgehend von diesen Zahlen, jetzt auch darauf schauen, welche Unterstützung diese Familien brauchen, welche Hilfsangebote können ihnen von den Jugendämtern gemacht werden, damit es eben nicht zu einer Kindeswohlgefährdung kommt und allen geholfen wird, damit eben auch Kinder und Jugendliche gewaltfrei aufwachsen können.

Vielleicht können wir noch mal darüber sprechen, was Kindeswohlgefährdung eigentlich alles meinen und welche unterschiedlichen Formen es annehmen kann?

Andresen: Das ist eine ganz wichtige Frage. Es werden verschiedene Formen unterschieden. Es geht einmal um Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung. Wenn sich niemand um das Kind zu Hause kümmert, wenn ihm nichts zu essen gegeben und es nicht gepflegt wird. Gerade bei kleinen Kindern, die ganz stark von körperlicher Pfleger abhängig sind. Dann gibt es die psychische Gewalt. Psychische, emotionale Misshandlung durch Familienangehörigen - das kann Demütigung, ständige Abwertung, das Beschämen von Kindern und Jugendlichen sein. Weil sie vielleicht etwas nicht gut können und dann Erwachsene darauf herumreiten. Dann gehört körperliche Gewalt mit ganz unterschiedlichen Formen dazu. Und es gehört zur Kindeswohlgefährdung auch sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Es fehlt nicht an Fantasie, um sich vorzustellen, das vielfach Kinder und Jugendliche auch dann verschiedene Formen von Gewalt erleben. Und gerade physische Misshandlungen geht häufig auch einher mit anderen Formen von Gewalt oder Vernachlässigung.

Das Deutsche Kinderhilfswerk hat eine breite überparteiliche Initiative von Bund und Ländern zur Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz direkt nach der Bundestagswahl gefordert. Sind Kinderrechte im Grundgesetz auch ihrer Meinung nach unverzichtbar, um eine kinderfreundliche Gesellschaft zu erreichen?

Andresen: Ja, die sind unverzichtbar. Wenn wir einen besseren Kinder- und Jugendschutz erreichen wollen, dann müssen wir den zusammendenken mit den Rechten für Kinder und Jugendliche. Insofern ist es ganz zentral, dass - bei der Etablierung und Anerkennung der Kinderrechte als volle Rechte - klar ist, dass Kinder und Jugendliche auch das Recht auf Gehör haben. Und in jeder Situation das Recht auf Beteiligung. Denn das zeigen auch alle Studien. Wenn man Kinder und Jugendliche selbst befragt, ob sie den Eindruck haben, dass Erwachsene die Rechte anerkennen und respektieren, dann haben wir immer einen hohen Anteil in der jungen Generation, die den Eindruck hat, dass Kinderrechte für viele Erwachsene nicht interessant sind. Davon müssen wir wegkommen. Aus meiner Sicht gehören Kinderschutz und Kinderrechte zusammen.

Was sonst müsste aus Ihrer Sicht passieren, um unsere Gesellschaft kindgerechter zu gestalten?

Andresen: Kinder und Jugendliche haben seit dem Jahr 2000 das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Das ist etwas, was wir wirklich hochhalten müssen. Und alles unternehmen damit Eltern und andere Erwachsene, die täglich mit Kindern zu tun haben, auch in der Lage sind, zu erziehen, ohne Gewalt auszuüben. Es braucht Unterstützung, Beratung und auch Schulung von Eltern mit Kindern. Jede Familie ist darauf angewiesen, dass es eine gute Infrastruktur gibt, das auch eine Mutter oder ein Vater die Möglichkeit hat, Beratung in Anspruch zu nehmen. Dass diese Beratung auch leicht zugänglich ist. Darüber kann viel abgefedert werden. Dass auch Kinder und Jugendliche selbst einen Zugang haben zu Beratung und Unterstützung, unabhängig von den Eltern. Auch das ist etwas, was wichtig ist. Und gerade mit Blick auf das neue Schuljahr, dem wir jetzt ja alle entgegensehen, ist es wichtig, dass alles versucht wird, damit die Kindertagesstätten und die Schulen geöffnet bleiben.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 03.08.2021 | 18:00 Uhr