Buchcover: Erich Maletzke - Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung © zu Klampen Verlag

"Siegfried Lenz war nicht so offen, wie er sich nach außen gab"

Stand: 17.03.2021 16:49 Uhr

Vor 95 Jahren wurde Siegfried Lenz geboren. Erich Maletzke hat zu Lebzeiten lange Gespräche mit dem Autor geführt und die bis heute einzige Biografie über ihn geschrieben. Zu dessen heutigem Geburtstag ist sie erweitert neu erschienen.

Buchcover: Erich Maletzke - Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung © zu Klampen Verlag
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Herr Maletzke, große, spektakuläre Gegenmodelle zum aktuellen Zustand der Welt zu entwerfen, war nach eigenem Bekunden nicht Sache von Siegfried Lenz. Aber Korrekturen anzubringen, Augen zu öffnen, bloßzustellen, zu enthüllen. Wie hat er das gemacht?

Erich Maletzke: Er hat in der "Deutschstunde" damit angefangen - das ist und bleibt sein größtes Werk. Dort hat er auch seine Philosophie niedergelegt, was die Aufgabe eines Schriftstellers ist und vor allen Dingen seine. Er wollte da im Kleinen die Weltgeschichte darstellen. Er behauptete immer, in der Provinz werde Weltgeschichte gemacht. Es ist ihm ein bisschen angekreidet worden, dass er das Regime des Nationalsozialismus vielleicht etwas idealisiert hat, indem er die Handlung in den nördlichsten deutschen Teil legte. Aber er hat überzeugend dargestellt und auch in dem Roman beschrieben, wie so etwas funktionieren kann.

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Die "Deutschstunde" ist 1968 erschienen, als in der Bundesrepublik die Aufbruchstimmung der 68er herrschte. Da lag dieser Roman ein bisschen quer in seiner norddeutschen Gediegenheit und Betulichkeit, oder?

Maletzke: Das ist richtig. Es sieht so aus, dass er tatsächlich etwas eigenständiges machen wollte und sich nicht an den aktuellen Ereignissen orientiert hat. Das ist ihm erstaunlich gelungen, denn es ist bewundernswert, wie dieser doch relativ biedere Roman in einer so aufgewühlten Zeit für Aufsehen gesorgt hat. Das weltweite Echo ist ja gewaltig.

Man würde denken, dass Siegfried Lenz in allen Facetten durchleuchtet wurde. Aber der Verlag kündigt diese Neuauflage an, dass "fast alle über Siegfried Lenz veröffentlichten Lebensläufe zumindest teilweise umgeschrieben werden müssen". Was haben Sie herausgefunden?

Maletzke: Ein bisschen schon, was auch daran lag, dass Siegfried Lenz immer einen dichten Schleier über seine jungen Jahre gelegt hat. Er hat auch mir gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt, indem er Begebenheiten, Aufenthalte verschwiegen hat, und auch, dass er noch einen Roman in der Schublade hatte, nämlich "Der Überläufer", der erst fast zwei Jahre nach seinem Tod entdeckt wurde. Davon träumt natürlich jeder Verlag, dass sein berühmtester Autor noch irgendetwas in der Schublade hat.

"Der Überläufer" wurde vor zwei Jahren veröffentlicht, dankenswerterweise mit Dokumenten im Anhang, aus denen hervorgeht, dass der Verlag diesen Roman 1951 noch abgelehnt hat, weil er nicht in die Zeit passte. Obwohl es zu Siegfried Lenz passte, denn auch er ist in den letzten Kriegstagen noch übergelaufen. Er war damals in Dänemark stationiert, sollte eine Brücke bewachen und hat sich über Nacht, entweder alleine oder mit einem Kameraden, davongemacht und geriet in Dithmarschen in Gefangenschaft. Alles, was er da erlebt hat, ist in seinen Büchern wiederzufinden.

Können Sie sich erklären, warum er Ihnen das verschwiegen hat - sowohl die Stationen seines Lebens, als auch den Roman? Hat er das schlicht vergessen, oder war das "Vorsatz"?

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Maletzke: Nein, nein, vergessen hat er das bestimmt nicht. Sie vergessen nicht, wenn Sie ein Jahr lang an einem Buch gearbeitet haben, das vom Verlag abgelehnt wurde. Daran denken Sie Ihr ganzes Leben. Warum er über seine jungen Jahre geschwiegen hat, ist mir völlig unklar. Er hat viele Einzelheiten in kleinen Geschichten bekanntgegeben, aber auch alles verschwiegen, was ihn in die Nähe der damaligen Regierenden bringen konnte. Er hat verschwiegen, dass er in Schleswig-Holstein eine Eliteschule besucht hat, dass er auf der Reichskriegsschule zum Fähnrich ausgebildet wurde und viele Dinge mehr. Auch seine Frau Liselotte, von der er sehr abhängig war, hat ihn darin bekräftigt. Das war für ihn das Zeichen, dass er nicht mehr weitermachen wollte, und daraufhin ist unsere Verbindung abgebrochen. Er hat über den Verlag mitteilen lassen, dass er diese Biografie nicht möchte, aber ich habe sie trotzdem geschrieben.

Haben wir es, im Gegensatz zu dem Siegfried Lenz, den man eigentlich vor Augen hat und der sich dem Publikum zugewandt hat, doch eher mit einem verschlossenen Menschen zu tun gehabt?

Maletzke: Ja, da ist was dran. Zwischen dem Siegfried Lenz, wie er öffentlich auftrat, auch zunächst mir gegenüber, und dem Siegfried Lenz dahinter, besteht schon eine gewisse Kluft. Er war nicht so offen, wie er sich nach außen gab. Er war verschlossen, die Kindheit hat ihn offenbar stark gezeichnet, und sein früheres Leben als Schriftsteller, das am Anfang nicht gerade einfach war, wahrscheinlich auch.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 17.03.2021 | 18:00 Uhr