Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler, im Studio bei einer Fernsehsendung. © dpa picture alliance/SVEN SIMON Foto: Malte Ossowski

Zukunftsbewahrung statt Vergangenheitsbewältigung

Stand: 11.06.2021 13:03 Uhr

Wir erleben den Umschlag von Vergangenheitsbewältigung zu Zukunftsbewahrung. Was bedeutet dies für den geistigen Zustand der Republik?

von Albrecht von Lucke

Als sich vor 30 Jahren, am 20. Juni 1991, der Deutsche Bundestag im Bonner Wasserwerk mit nur 18 Stimmen Vorsprung für Berlin und gegen Bonn als seinen zukünftigen Sitz entschied, war damit auch das Ende der vormaligen "Bonner Republik" besiegelt und eine neue Epoche sollte beginnen. Mit dem Umzug von Regierung und Parlament im Jahr 1999 wurde die "Berliner Republik" schließlich endgültig zur neuen deutschen Realität. 

Dabei hatte gerade vom kleinen, beschaulichen Bonn aus die deutsche Demokratie nach 1949 ihren Durchbruch erlebt, nach dem gescheiterten ersten Versuch ab 1919. "Bonn ist nicht Weimar", lautete denn auch bereits 1956 das beruhigende Diktum des Schweizer Journalisten Fritz René Allemann - obwohl der damalige Bundesinnenminister Hermann Höcherl von der CSU wenig später dekretierte, dass "die Beamten nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen" können.

"Fundamentalliberalisierung" und "Verfassungspatriotismus"

Doch schon wenige Jahre später stand das Land voll auf dem Boden seiner zunächst ja nur als Provisorium gedachten Verfassung. Der erste demokratische "Machtwechsel" durch die Abwahl einer Regierung war geglückt, nach 20jähriger CDU-Kanzlerschaft nahm 1969 die neue sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt ihre Arbeit auf, und zugleich sorgten die 68er-Generation und die ihr folgenden neuen sozialen Bewegungen für eine breite "Fundamentalliberalisierung", wie der Philosoph Jürgen Habermas die gesellschaftliche Entwicklung nannte.  

Und so bezeichnete denn auch der liberal-konservative Politikwissenschaftler und Publizist Dolf Sternberger 1979, zum 30. Geburtstag des Grundgesetzes, die dort verankerten gemeinsamen Grundwerte als "lebende Verfassung, an der wir täglich mitwirken". In dem Maße, so Sternberger, wie das Grundgesetz "Leben gewann, wie aus bloßen Vorschriften kräftige Akteure und Aktionen hervorgingen", habe sich "unmerklich ein neuer, ein zweiter Patriotismus ausgebildet", den er als "Verfassungspatriotismus" bezeichnete.

Rückfall in den Totalitarismus war handlungsleitend

Dieser Verfassungspatriotismus war allerdings durch eine Besonderheit gekennzeichnet: Die Berufung auf das Grundgesetz erwuchs stets aus der spezifischen geschichtlichen Erfahrung, vor allem der NS-Zeit. Oder anders ausgedrückt: Der Verfassungspatriotismus der Bonner Republik war immer auch politische Vergangenheitsbewältigung. Ob in der Wiederbewaffnungsdebatte der 1950er Jahre, der Notstandsdiskussion der 60er bis hin zum Kampf gegen die RAF in den 70er Jahren - stets war die Angst vor dem Rückfall in den Totalitarismus handlungsleitend.  

Erst mit dem Fall der Mauer schien so etwas wie das Ende der Geschichte gekommen zu sein. Nicht ohne Grund sprach der spätere Spiegel-Chef Stefan Aust am Abend des 9. November 1989 davon, dass an diesem Tage der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen sei. Und - so die Ironie der Geschichte - endlich, nämlich mit dem Untergang der DDR, schien das möglich zu werden, was ihre Nationalhymne verheißen hatte: dass ein "einig, deutsches Vaterland" wieder sei - und zwar "auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt".

Eine Vergangenheit, die nicht vergeht

Doch die folgende Dekade sollte Deutschland, ja ganz Europa eines Schlechteren belehren. Der 9. November 1989 war genauso wenig eine Stunde Null wie der 8. Mai 1945. Von einem Ende der Geschichte konnte keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Geschichte kehrte zurück und mit ihr die verheerenden europäischen Nationalismen. Das zeigte sich in aller Brutalität in den jugoslawischen Zerfallskriegen zwischen Serben, Bosniaken und Kroaten.

Zugleich entpuppte sich auch für die Außenpolitik der Bundesrepublik die eigene Geschichte als eine Vergangenheit, die nicht vergeht. Hatte bis dahin die Lehre aus dem Nationalsozialismus "Nie wieder Krieg" geheißen, beteiligte sich nun das Land an einem Krieg ohne UN-Mandat, um das Massenmorden der Mladic, Karadzic und Milosevic zu stoppen - und zwar dezidiert mit dem Argument "Nie wieder Auschwitz".

Damals steckten die Akteure noch tief in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Heute, über 20 Jahre später, ist die Lage eine andere.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 12.06.2021 | 13:05 Uhr