Ein Mann mit weißen Haaren und grauem Anzug lächelt in die Kamera. © picture alliance / Horst Galuschka/dpa | Foto:  Horst Galuschka

Worauf sollen und können wir uns in Krisenzeiten verlassen?

Stand: 15.07.2022 14:16 Uhr

Pandemie, Ukraine-Krieg, Klimakrise - in diesen schwierigen Zeiten herrscht große Verunsicherung. Worauf können wir uns noch verlassen? Ein Gespräch mit dem Lebenshilfe-Philosophen Wilhelm Schmid.

Herr Schmid, wie kann uns die Philosophie des Lebens in so einer Situation helfen?

Wilhelm Schmid: Erstmal sicherlich dadurch, uns klarzumachen, dass der Umfang des Lebens größer ist, als wir uns das in den letzten Jahrzehnten angewöhnt haben zu sehen, wo sehr viel gutgegangen ist, wo sehr viel positiv war, wo sehr viel Freude vorherrschen konnte. Und wo die negativen Seiten des Lebens zurückgedrängt wurden. Vor allem im Bewusstsein sollte immer nur positiv gedacht werden. Ich war immer schon sehr skeptisch dagegen - nichts gegen positives Denken, aber das Leben ist nicht so. Das erleben wir jetzt verschärft.

Das heißt auch, dass wir so ein bisschen auf Kredit gelebt haben mit diesem positiven Denken, oder?

Schmid: Kredit hat ja was mit "credere" zu tun, mit glauben. Wir haben geglaubt, dass das Leben endgültig auf der positiven Schiene ist. Das ist nicht ganz zufällig. Das verantwortet nicht das einzelne Individuum. Sondern das liegt in der Grundstruktur dieser Zeit, die man die Moderne nennt und im 18. Jahrhundert von Philosophen begründet worden ist, die man unter dem allgemeinen Begriff Aufklärer kennt. Der Plan war schon, aus dem total Negativen sich endlich mal herauszuarbeiten. Das total Negative. das es damals auch in Europa gegeben hat: Europa war mal Dritte Welt, mit Hunger, Armut, Elend, Not. Der Plan war, sich da herauszuarbeiten mit Hilfe von Wissenschaft, Technik und freier Wirtschaft.

Wir sind die Erben dieser Zeit, wir dürfen sagen, dass das Programm aufgegangen ist. Die Verhältnisse konnten verbessert werden. Aber wie es immer so ist: Wenn etwas verbessert werden kann, denken die Menschen, dass es jetzt für immer so bleibt und es muss nur noch feinjustiert werden, damit wirklich alles gelingt im Leben. Gelingendes Leben ist ja aus guten Gründen zum Stichwort in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geworden. Aber das Leben ist nicht so.

Dieser unverbrüchliche Glaube an eine bessere Zukunft, dass es meinen Kindern einmal besser gehen wird - das war wahnsinnig wichtig für unsere Gesellschaft. Das muss nun umorientiert werden in einer Situation, die sehr unsicher ist. Wie kann man das schaffen?

Schmid: Indem wir die Realität anerkennen, indem wir nicht davon träumen, dass es ein Zurück gibt, sondern uns den Herausforderungen stellen, die nun da sind. Jetzt erst mal im kommenden Winter: Auch ich habe die Duschtemperatur nahezu auf Gefriertemperatur abgesenkt - ich hätte nie gedacht, dass ich auch so duschen kann und dass das auch noch gut tut. Wir könnten das Ganze also als gute Übung begreifen, als Askese im Sinne des Wortes: üben, üben, üben. Denn immer wenn man sich in etwas übt, dann wird man darin auch besser. Wir könnten uns jetzt also darin üben, uns etwas einzuschränken, insbesondere den Energieverbrauch, ich möchte fast sagen: den Energiemissbrauch abzustellen. Dann werden wir die Erfahrung machen, dass wir relativ gut durch den Winter kommen. Und dann können wir so weitermachen. Dann wir dürfen nicht vergessen: Es gibt eine große Herausforderung, die ohnehin anstand und jetzt beschleunigt bewältigt werden muss: der Klimawandel.

Wir haben gerade eine Regierung, die nach einem Verkehrslicht benannt ist. Das heißt einerseits stehenbleiben, andererseits durchstarten und andererseits achtsam sein. Gerade leuchten alle drei Farben gemeinsam unterschiedlich stark. Ist das besonders gut oder gerade ungünstig für eine unsichere Situation?

Schmid: Das ist ganz einfach ein Abbild der Gesellschaft. Insofern ist es auch gut so. Nicht drei Parteien müssen sich einigen, sondern drei Teile der Gesellschaft. Und die Repräsentanten dafür sind in der Regierung. Danke dafür, dass sie diesen Job übernehmen, denn wir, wenn wir uns auf der Straße einigen müssten, würden uns möglicherweise die Köpfe einschlagen.

Sie haben kürzlich in der "Neuen Zürcher Zeitung" über das Thema geschrieben, über das wir heute sprechen, und haben da die Verlässlichkeit als ganz wichtigen Punkt genannt. Wo findet die zwischenmenschlich gerade statt?

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Professor Wilhelm Schmid © dpa Foto: Paul Zinken

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Schmid: Verlässlich zu sein, ist nach wie vor eine enorm wichtige Einstellung. Wertschätzung ergibt sich daraus, dass ich verlässlich bin. Wenn ich eine Verabredung mit einem anderen Menschen treffe, dass ich dabei auch bleibe. Da könnten wir alle etwas nacharbeiten, denn es scheint mir, dass in den vergangenen Jahren nicht nur die Deutsche Bahn unzuverlässiger geworden ist, sondern auch die Verabredungskultur: Kurzfristig werden Verabredungen abgesagt - vermutlich weil sich noch etwas Besseres gefunden hat. Das sollten wir wieder rückgängig machen.

Dahinter steht ja etwas, was einem wichtig ist, um verlässlich zu sein. Ein Bezugsrahmen oder sogar so etwas wie Werte. Die sind ja unterschiedlich, das können wir ja nicht ändern, oder?

Schmid: Werte sind unterschiedlich. Ein sehr beliebter Wert seit dem 18. Jahrhundert ist Freiheit, und das soll auch so bleiben. Das Problem ist nur, dass dieser Wert mit anderen Werten kollidiert, zum Beispiel dem Wert der Bindung. Wir alle wollen gerne eingebunden sein, uns geborgen fühlen, in verlässlichen Verhältnissen mit anderen. Aber Menschen sind frei, können ihre eigene Wahl treffen und es kann die Situation vorkommen, dass sie zum Beispiel einen anderen Menschen gut finden. Und dann ist die Frage, was mehr zählt - der Wert der Freiheit oder der Wert der Bindung. Wenn ich immer nur den Wert der Freiheit voranstelle, dann werde ich keine verlässlichen Bindungen mehr haben können. Insofern muss man sich selber klar werden, was im Zweifelsfall der entscheidende Wert für einen ist.

Das kann sehr kompliziert werden. Ein wichtiger politischer Wert ist die Verlässlichkeit, dass man bei seiner Meinung bleibt. Nun haben wir gerade eine grüne Partei, die damit zu kämpfen hat, wieder mehr Kohle zu verfeuern. Wie kann man das vermitteln, dass man situativ reagieren muss?

Schmid: Wir kommen auch im privaten Leben nicht immer mit ein und derselben Orientierung durch, sondern müssen auch mal fünfe gerade sein lassen, wenn die Situation so ist. Das nennt man Pragmatik. Das Gegenteil nennt man Ideologie. Auch ich bin ganz froh, dass wir pragmatische Politiker haben, die einer Situation Rechnung tragen können, mittelfristig doch in die Richtung zu steuern, die für richtig gehalten wird, aber kurzfristig Kompromisse eingehen zu müssen.

Wenn man gar nicht mehr weiß, auf was man sich fokussieren soll, was jetzt der richtige Schritt ist und die Überforderung einsetzt - was kann helfen, damit das gelingt?

Schmid: Helfen kann immer, sich auf sich selbst zu besinnen. Was mache ich? Und was halte ich für richtig, um die Verantwortung wahrzunehmen für den Bereich, den ich überblicken kann, auf denen ich die Probleme runterbrechen muss? Ich muss mit meinem Haushalt hier zurechtkommen - der Staat muss seinerseits mit seinem Haushalt zurechtkommen. Beides steht durchaus auch in Wechselwirkung: Wenn sehr viele Menschen sehen, dass es ganz gut ist, den Energieverbrauch einzuschränken, dann hat das schon eine Wirkung. Zum einen tut es der Geldbörse gut, zum anderen der politischen Situation und zum dritten dem Klimawandel. Das sollten wir nicht vergessen. Häufig kommt es vor, dass wir denken: Ach, ich kleines Licht, was trage ich denn dazu bei? Ja, wenig, aber nicht nichts!

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.07.2022 | 16:15 Uhr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

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