Stand: 14.08.2020 19:46 Uhr

Wim Wenders zum 75. Geburtstag

Wollte man eine lange Wim Wenders-Nacht veranstalten, würde es reichen, nur die Titel all seiner Filme vorzulesen, die der Regisseur seit 1967 gedreht hat. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag. Die Filmkritikerin Katja Nicodemus erzählt im Interview, was seine Filme so besonders macht.

Frau Nicodemus, welches Wenders-Bild oder welche Szene dieses Regisseurs hat sich bei Ihnen besonders eingeprägt?

Wim Wenders © Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz
Wim Wenders dreht seit 1967 Spielfilme und Dokumentationen.

Katja Nicodemus: Peter Falk, der Darsteller von Inspektor Columbo, der sich 1987 in dem Film "Der Himmel über Berlin" eine Currywurst am Kudamm kauft. Das ist ein ganz berührendes Bild; in der Szene hat Peter Falk eine besondere Verlorenheit. Die andere Filmatmosphäre ist für mich ganz klar die deutsche Landschaft in dem frühen Wenders-Film "Im Lauf der Zeit". Rüdiger Vogler fährt da mit seinen Transporter durch diese ländliche Weite und repariert Kinoprojektoren. Er freundet sich mit einem anderen Einzelgänger an, gespielt von Hanns Zischler. Das war 1976. Beide Szenen sind bezeichnend, weil es Wenders immer wieder gelungen ist, Kultur und Bildersphären zu verbinden. Peter Falk wirkte am Kudamm ein bisschen verloren, aber Wenders stellt eine schwärmerische Nähe zu dieser amerikanischen Schauspielergröße her. Er holt die Popkultur aus Amerika an den Kudamm. Und in dem Film "Im Lauf der Zeit" gelingt es Wenders, diese Zonenrandgebiete mit dieser ganzen sehnsuchtsvollen Weite zu filmen. Man merkt, dass das ein Regisseur ist, der nach dem Krieg mit der amerikanischen Popkultur sozialisiert wurde, und Amerika war da immer schon im Bild, ob 1976 oder später.

Amerikanische Affinität hin oder her - er ist auch einer der wichtigsten Protagonisten des Neuen Deutschen Films. Welchen Stellenwert nimmt er da ein?

Nicodemus: Es gibt den großen Erzähler Schlöndorff, es gibt den großen Intellektuellen Kluge, es gibt den Melodramatiker Fassbinder - und Wenders gilt zurecht als der Romantiker des Neuen Deutschen Films. Er fürchtet sich nicht vor Sentimentalität oder vor Pathos, wie etwa in "Der Himmel über Berlin". Er hat es mal sehr schön beschrieben, dass er sich und die Regisseure des Neuen Deutschen Films immer als vaterlos empfunden, denn es gab in Deutschland keine Vorbilder - es gab den Nationalsozialismus. Diese künstlerische Vaterlosigkeit hat ihn sehr geprägt, und vielleicht haben seine Bilder deswegen immer wieder so etwas Suchendes. Da gibt es eine Suche nach dem Sehnsuchtsraum des Kinos, auch als Heimat. Es gibt in seinen Filmen immer wieder Vatersucher, Heimatsucher. Diese Vater- und Heimatlosigkeit wurde von keinem Regisseur des Neuen Deutschen Films so verkörpert und umkreist wie von Wim Wenders.

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Ist er eigentlich der deutsche Regisseur mit den meisten Stars vor der Kamera?

Nicodemus: Ich glaube schon, und zwar mit amerikanischen und europäischen Stars: Bruno Ganz, Nastassja Kinski, Jeanne Moreau, Max von Sydow, Gabriel Byrne, auch Bill Pullman und Andie MacDowell als entfremdetes Ehepaar in "Am Ende der Gewalt" oder James Franco und Charlotte Gainsbourg in "Every Thing Will Be Fine". Wobei, Wim Wenders ist, glaube ich, eher ein Männerregisseur. Er kann männliche Gesichter, Körper, Typologien einfach besser filmen als Frauen. Frauen haben bei ihm so etwas Statisches, Unsinnliches - bis auf wenige Ausnahmen.

Wim Wenders hat auch sehr erfolgreiche Dokumentarfilme gedreht. In welchem Spannungsverhältnis stehen die zueinander?

Nicodemus: Wim Wenders ist ein Regisseur, der sich immer wieder neu erfunden hat, vor allem durch die Technik: von frühen Videoexperimenten in den 80er-Jahren bis zur innovativen, neugierigen Verwendung von 3D. In seinem Dokumentarfilmen hat er sich ab Mitte der 90er-Jahre auch noch mal über die Themen neu erfunden. 1999 drehte er seinen Riesenerfolg "Buena Vista Social Club" über die gleichnamige kubanische Altherrenband. Der Film leitete so eine Art Renaissance des Dokumentarfilms in Deutschland ein - alle wollten plötzlich Dokumentarfilme drehen. Oder man denke an "Pina", seinen Dokumentarfilm über die legendäre Choreografin Pina Bausch: Da hat er auch ihren Tänzerinnen und Tänzern eine ganz eigene Körperlichkeit durch eine sehr bewusste, präzise Verwendung von 3D verliehen. Er schießt nicht einfach drauf los; in seinem Dokumentarfilmen ist er wirklich in einen Dialog mit sich selbst und mit seinen technischen Mitteln als Filmemacher getreten.

Wie ist Ihre persönliche Erfahrung mit ihm als Person?

Nicodemus: Er ist ein wunderbarer Gesprächspartner. Es gibt in Deutschland kaum jemanden, der so nachdenklich, so leidenschaftlich oder auch suchend über Kino sprechen kann. Und als Filmkritikerin muss ich sagen, dass er ein wunderbarer Schreiber über Kino ist - da hat er eine Mischung aus Intellektualität und Leichtigkeit. Er hat mal einen stilbildenden Text über den Film "Der Untergang" geschrieben und darin gnadenlos nachgewiesen, dass die mangelnde Haltung dieses Films zu Adolf Hitler letztlich die mangelnde Haltung der Kamera ist.

Ich habe mit ihm eine interessante Geschichte erlebt: Ich habe als junge Filmkritikerin einen Verriss seines Films "Jenseits der Wolken" geschrieben. Ein paar Jahre später wollte ich mit ihm ein Interview machen, und da hat er zunächst abgelehnt, weil er fand, dass dieser Verriss im Tonfall unangemessen war. Wir haben uns trotzdem getroffen, und ich habe mich bei ihm entschuldigt, weil ich tatsächlich unter der Gürtellinie geschrieben hatte. Da habe ich als Filmkritikerin etwas gelernt. Seitdem ist das so ein Verhältnis des gegenseitigen Respekts. Ich muss nicht alle seine Filme mögen, aber ich schätze ihn sehr.

Das Interview führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.08.2020 | 19:00 Uhr

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