Ein Kind steht vor einem abgesperrten Spielplatz © picture alliance/dpa Foto: Julian Stratenschulte

Wie sehr belastet die Corona-Pandemie die Psyche von Kindern?

Stand: 11.01.2021 13:43 Uhr

Welche Auswirkungen haben Kontaktbeschränkungen, strenge Regeln an den Schulen oder Kinderbetreuung im Homeoffice auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen? Dazu forscht der Psychiater Michael Kölch.

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In einem Artikel der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" habe ich die provokante Frage gelesen: "Wird Corona das kollektive Kindheitstrauma einer ganzen Generation?" Was denken Sie, Herr Kölch?

Michael Kölch: Das Wort "Trauma" ist sehr hoch gegriffen, und es wäre auch falsch den Menschen gegenüber, die sehr schwere Traumata erlebt haben, das zu inflationär zu verwenden. Es wird sicherlich eine sehr einschneidende Erfahrung für Kinder werden, die sie so bisher nicht gehabt hatten. Von daher ist die momentane Situation natürlich eine Belastung und eine Herausforderung für Kinder.

Inwiefern wird sich diese Belastung auswirken?

Michael Kölch © picture alliance/dpa Foto: Bernd Wüstneck
Michael Kölch ist Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsmedizin Rostock.

Kölch: Der Sozialisationsraum für Kinder, wo sie Sozialkontakte lernen, wo sie das Lernen lernen - das ist jetzt nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Die Kontakteinschränkungen haben eine Auswirkung auf die Kinder, indem sie ihr normales Leben, so wie man es vorher gewohnt war, derzeit nicht so wahrnehmen können. Wichtig wird letztendlich sein, wie lange das dauern wird und was bestimmte Gruppen noch zusätzlich brauchen, die ohnehin schon Unterstützung benötigen, um eine gute Teilhabe zu haben. Wie kann man bei denen sichern, dass es da nicht zu noch stärkeren Belastungen kommt?

Von welchen Gruppen sprechen Sie?

Kölch: Es gibt zum Beispiel Kinder, die schon vorher eine psychische Erkrankung hatten, die Lernprobleme haben. Es sind aber auch chronisch erkrankte Kinder, behinderte Kinder oder Kinder aus Familien mit Risikokonstellationen, wo es familiäre Probleme gibt wie eine psychische Erkrankung oder eine Suchterkrankungen eines Elternteils. Oder wo Unterstützung notwendig ist, weil es zu Erziehungsschwierigkeiten oder Ähnlichem kommt. Diese Kinder leiden jetzt verstärkt, weil gegebenenfalls Unterstützung wegfällt, die ansonsten den Alltag strukturiert oder unterstützt. Aber auch die Eltern dieser Kinder leiden darunter, weil sie manchmal in Situationen kommen, wo sie selber überfordert sind.

Sind strenge Kontaktbeschränkungen nicht auch so etwas wie Barrieren für den kindlichen Spieltrieb? Lassen diese Regeln unsere Kinder allzu ernst und nüchtern werden?

Kölch: Die Frage ist, wie nachhaltig das ist. Wenn das die nächsten drei Jahre so sein würde, dann hätte ich tiefste Bedenken und würde das auch so sehen. Momentan sprechen wir von einer temporären Situation. Auch im Sommer gab es durchaus Lockerungen. Eine wichtige Botschaft ist auch, dass Kinder extrem verständnisvoll und lernfähig sind, und man Kindern sehr viel erklären kann.

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Aber man darf ihnen auch keine Schuld aufladen. Es gibt Lehrer oder Erzieherinnen, die den Kindern das Gefühl geben, dass sie verantwortlich sind für die Verbreitung des Coronavirus, die sagen: "Du willst doch nicht, dass deine Oma deinetwegen krank wird." Sind solche schuldbehafteten Sätze nicht Gift für die Entwicklung eines Kindes?

Kölch: Das ist immer Gift für die Entwicklung eines Kindes. Das Gleiche ist, wenn man sagt: "Du willst doch nicht, dass Papa traurig ist - deswegen mach das doch nicht." Das ist keine gute Erziehung und es hat sich entwicklungspsychologisch nicht als günstig erwiesen, über Schuld zu argumentieren. Es ist Nonsens, so etwas zu sagen.

Wie lange können Kinder widerstandsfähig, lernfähig, positiv bleiben, ohne dass sie Langzeitschäden davontragen?

Kölch: Das ist schwer zu quantifizieren. Wichtig ist, dass man Wege findet, wie Spiel, wie Betätigung, wie Kontakt mit anderen möglich ist. Da sehen wir altersdifferenziert sehr große Unterschiede: Jugendliche, die die neuen Medien nutzen, um in Kontakt mit anderen zu bleiben, leiden weniger darunter als Kindergartenkinder, denen jetzt andere Kinder vollkommen fehlen. Da muss man schauen, wie es möglich ist, dass man trotzdem einen Sozialisationsraum für diese Kinder schaffen kann.

Wie können wir das realisieren? Es ist für viele Eltern schwierig, zu Hause zu arbeiten und die Kinder nebenbei zu betreuen. Den Nachbarn will man auch nicht auf die Nerven gehen, weil die Kinder ständig zu Hause sind. Es wird mal laut, die Lunte wird kürzer. Wie kann man mit solchen Situationen am besten umgehen, sodass das Familienleben oder die Beziehung zu den Kindern nicht belastet wird?

Kölch: Da wird es kein Patentrezept geben, weil die individuellen Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind. Haben Sie ein Haus mit Garten oder leben Sie in einer Wohnung ohne Balkon? Da gibt es sehr viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Das wichtige ist letztendlich, nicht alles hundertprozentig richtig machen zu wollen und im Zweifelsfalle ein bisschen den Stress rauszunehmen. Das hilft schon extrem viel.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.01.2021 | 18:00 Uhr