Ein Mann verlässt eine Kirche © picture alliance/dpa Foto: Ingo Wagner

Weniger Kirchenaustritte: "Eine Trendwende ist das noch nicht"

Stand: 14.07.2021 18:36 Uhr

Die Mitgliederzahlen der Kirchen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Das taten Sie auch 2020 - aber deutlich langsamer. Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus der NDR Kultur-Redaktion "Religion und Gesellschaft".

Ein Mann verlässt eine Kirche © picture alliance/dpa Foto: Ingo Wagner
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Ist der Abwärtstrend damit gestoppt?

Florian Breitmeier: Es sind im Jahr 2020 weniger Menschen aus der Kirche ausgetreten als im Vorjahreszeitraum - 221.000 bei der katholischen Kirche und 220.00 bei der evangelischen. Aber eine Trendwende bei den Austrittszahlen ist das noch nicht. Der Lockdown während der Corona-Pandemie hat die Austrittswelle etwas gebremst; es gab ein Minus von 18 Prozent. Die Kirchen haben ein bisschen davon profitiert, dass viele Standes-, Bürgerämter und Amtsgerichte geschlossen waren. Viele Menschen hatten keine Gelegenheit, ihren Kirchenaustritt anzugeben. Außerdem stellen die Menschen in Krisenzeiten manche Entscheidungen, die nicht so vordringlich sind, erstmal zurück. Die Zahl der Kirchenaustritte in den ersten Monaten des Jahres 2021 ist weiterhin hoch. Es war auch klar zu spüren von dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, aber auch von dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing, dass man diese Zahlen realistisch einschätzt. Coronabedingt weniger Austritte, aber mit 440.000 immer noch eine Zahl, die fordert zu handeln.

Man sagt, Krisenjahre seien eigentlich gute Jahre für die Kirche. Sie bietet einen spirituellen Halt, stiftete Sinn, spendet Trost. Hat die Kirche in der Krise versagt?

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier ist Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft".

Breitmeier: "Versagt" wäre mir ein zu hartes, zu pauschales Urteil. Die Kirchen haben während der Corona-Pandemie Fehler gemacht. Die Kirchenleitungen waren für mich auch zu leise, als es darum ging, vehementer Kritik zu äußern, als die Altenheime geschlossen wurden, als es in den Krankenhäusern kaum Besuche gab, auch in Situationen, als nahe Verwandte starben und bei Beerdigungen kaum Menschen zugelassen wurden. Das nehmen viele den Kirchen übel. Aber "versagt" würde ja ausblenden, dass es auch viele kreative Ideen gab, dass die Kirchen auch bei den Menschen waren.

Was sicherlich dramatisch ist, ist die Zahl der Taufen und der wenigen Trauungen. Es gab kaum Konfirmationen oder Feiern der Erstkommunion. Das hat Auswirkungen auf die Bindungskräfte innerhalb der Kirche, denn nur wer Gemeinschaft erlebt, kann auch Bindungskräfte entwickeln, der spürt etwas von Herzens- oder Ewigkeitsmomenten. Das ist etwas, was den Kirchen noch sehr viel Kopfzerbrechen bereiten wird. Denn diejenigen, die im Corona-Jahr nicht in die Kirche gegangen sind, kommen nicht so schnell wieder, jetzt, wo es Lockerungen gibt.

In dem Zusammenhang spricht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm von einem Tauf-Boom. Redet er sich da vielleicht die Welt ein bisschen schön? Denn jetzt ist es ja wieder möglich. Kommt daher der "Run" auf die evangelische Kirche?

Breitmeier: Es ist in der Hinsicht, was die Zahlen angeht, schon ein realistischer Blick von Heinrich Bedford-Strohm, weil jetzt nachgeholt wird, was im Jahr 2020 gar nicht stattgefunden hat. Es sind erst seit ein paar Wochen wieder Familienfeiern mit 20, 30 oder 50 Familienangehörigen möglich. Aber natürlich ist das ein Ausdruck von Heinrich Bedford-Strohm und von Georg Bätzing, den ich nicht für falsch halte, nämlich sich nicht nur in den Statistiken des Niedergangs zu ergeben, sondern auch etwas Positives hineinzulegen. Denn wenn die Kirchen neben aller hektischen Betriebsamkeit, um Reichweitenmodellen oder Zielgruppenstrategien gerecht zu werden, auch erkennen, dass es manchmal auch angebracht ist, Dinge loszulassen, weniger zu machen, auch Dinge zu verteidigen, die ihnen wichtig sind, dann kann das durchaus eine befreiende Wirkung haben. Die Kirchen werden kleiner, immer mehr Menschen treten aus, und das bedeutet, dass es auch weniger Geld gibt. Aber das zu drehen und zu sagen: Warum entwickeln wir nicht ein Modell eines heiteren Verausgabens von unseren Möglichkeiten und sind nicht immer nur gefangen in den Statistiken des Niedergangs oder in der Wahrheit der Verluste? Das ist eine Chance, die die Kirchen haben, und so könnten sie auch noch für die nächsten Jahrzehnte wichtige gesellschaftliche Player sein. Aber sie haben doch zunehmend Schwierigkeiten, dass die Bindung angeht.

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Aber wenn sich der Trend fortsetzt, dann muss man sich in den nächsten Jahrzehnten wirklich Gedanken machen, wie es mit dieser altehrwürdigen Institution Kirche weitergeht, oder?

Breitmeier: Die Kirche erkennt schon seit Jahren und Jahrzehnten, dass sie viel kleiner wird. Es gibt eine Studie der Universität Freiburg, die davon ausgeht, dass bis zum Jahr 2060 die Kirchen 50 Prozent ihrer Mitglieder verlieren. Wenn diese Zahlen, die sich in den vergangenen Jahren gezeigt haben, fortsetzen, dann kann man hochrechnen, dass es höhere Verluste geben wird. Ich glaube nicht, dass es in 50 Jahren die Kirchen nicht mehr ergibt, weil dann der Kreis derer, die Kirchen-distanziert sind und austreten, irgendwann aufgebraucht ist. Aber für die Kirchen bleibt es die große Herausforderung, diejenigen zu kriegen, die distanziert sind, die eine Kosten-Nutzen Relation machen und sagen: Was bringt mir das eigentlich noch? Diejenigen, die kritisch mit der Kirche umgehen und die es nicht mehr für zeitgemäß halten, solche Glaubenswahrheiten im 21. Jahrhundert zu vertreten.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.07.2021 | 18:00 Uhr