Ulrich Matthes © imago/photothek.net Foto:  Thomas Koehler

Wem gehört unser Leben? Ulrich Matthes über Sterbehilfe

Stand: 23.11.2020 12:36 Uhr

Wem gehört unser Leben? Ferdinand von Schirach verhandelt diese Frage in seinem neuen Theaterstück "Gott", das heute als Fernsehfilm im Ersten gezeigt wird. Ulrich Matthes spielt eine der Hauptfiguren.

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Herr Matthes, in "Gott" möchte der 78-jährige Richard Gärtner mit seinem Leben "Schluss machen". Seit dem Tod seiner Frau sieht er keinen Sinn mehr und will ein Medikament zur Selbsttötung. Ferdinand von Schirach inszeniert in diesem Film einen fiktiven Ethikrat und Sie spielen in dieser Ethikrat-Runde den theologischen Sachverständigen, den katholischen Bischof Thiel. War das für Sie eine Rolle, über die Sie erst einmal nachdenken mussten?

Ulrich Matthes: Wenn Sie mit der Frage meinen, ob ich überlegt habe, ob ich zusagen soll oder nicht, dann ein ganz klares "Nein". Erstens, weil ich das Thema so existenziell, interessant und wesentlich für uns alle finde. Darüber hinaus habe ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lars Kraume und den tollen Kolleginnen und Kollegen gefreut. Aber natürlich habe ich mich mit der Rolle besonders intensiv beschäftigt.

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Der Regisseur Lars Kraume im Porträt. © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

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Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht das "Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung" gekippt. Ferdinand von Schirach nimmt das Urteil in seinem Stück auf. Auch darüber wird diskutiert. Geht das Gericht zu weit? Oder sagen Sie: Das Urteil ist ein wichtiger Baustein für die persönliche Selbstbestimmung?

Matthes: Als das Urteil uns bei den Dreharbeiten erreicht hat, war ich spontan erst mal so überrascht wie auch froh. Dann sickerten aber die Fragen allmählich nach, und ich fand nach längerem Nachdenken schon, dass das Urteil sehr weit geht, möglicherweise zu weit. Nun bin ich kein Jurist - ich stelle mir aber als Bürger dieses Landes und als Mensch einfache Fragen wie: Wenn ein kranker alter Mensch ein schweres Leiden verkürzen will, sagt wahrscheinlich jeder mit gesundem Menschenverstand, dass das doch möglich sein sollte. Aber das Bundesverfassungsgericht erlaubt es auch, dem Menschen, der Pleite gegangen ist, oder der 20-Jährigen, die schweren Liebeskummer hat, beim assistierten Suizid zu helfen. Da werde ich weiß im Gesicht, wenn das möglich sein soll. Das halte ich für nicht richtig und argumentiere so ähnlich wie der Bischof, der sagt, dass man doch noch sein ganzes Leben vor sich hat. Wir alle waren doch schon in mehr oder weniger schweren Krisen, waren sehr unglücklich, und haben uns aber dann wieder da herausgezogen - am eigenen Schopf oder mit Hilfe unseres sozialen Umfelds. Da sind die Abgeordneten des Bundestages aufgerufen, dieses Urteil des Verfassungsgerichts zu modifizieren. Das erwarte ich auch.

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Wir alle machen uns Gedanken darüber, wie wir sterben wollen - der eine früher, der andere später. Welche Haltung haben Sie zum Fall von Richard Gärtner?

Matthes: Mir nötigt das mit allergrößter Empathie Respekt ab, wenn ein Mensch, der knapp 80 ist und seine Frau nach langem, schweren Leiden verloren hat, sein Leben beenden möchte. Dieser fiktive Fall ist so, dass er mit seinen Kindern darüber gesprochen hat und dennoch zu dem Schluss kommt, dass er sterben möchte. Es tut mir auf der einen Seite in der Seele weh - auf der anderen Seite denke ich, wenn er nach langem Abwägen zu diesem Entschluss gekommen ist, dann soll man verhindern, dass er einen gewaltsamen Suizid wählt. Es ist sehr traurig und schrecklich genug, dass immer noch viele Menschen diesen Weg gehen. Und wenn man das mit Hilfe einer Pille oder eines Medikaments gewaltlos machen kann, dann befürworte ich das vorsichtig. Ich befürworte das eher, als dass ich es nicht befürworte. Aber es ist schwer, und ich bin sehr gespannt, wie da heute Abend abgestimmt wird.

Das Ende bei Ferdinand von Schirach ist offen, und es wird am Ende keine Lösung geben. Die Zuschauer sollen heute Abend entscheiden und über das Ergebnis wird im Anschluss diskutiert. Was halten Sie von solchen Projekten?

Matthes: Ich bin da hin- und hergerissen. Grundsätzlich finde ich so eine Form der Interaktivität, in welchen Medien auch immer, okay. Bei diesem Thema ist es nicht ganz "my cup of tea".

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Inzwischen hat es auch schon Kritik gegeben: Am Wochenende wurde ein offener Brief veröffentlicht, zu dessen Unterzeichnern Palliativmediziner und Suizidforscher gehören, die von Schirach vorwerfen, er verzerre die Debatte und lege den Akzent zu stark auf einen Rechtsanspruch auf assistierten Suizid. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Matthes: Ich habe den allergrößten Respekt vor der Palliativmedizin, vor den Pflegerinnen und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten, die täglich mit schwerstkranken Menschen umzugehen haben. Die versuchen, mit Trost, mit seelischem Beistand und mit allen möglichen Mitteln der Medizin so ein Leiden erträglich zu machen, bis zum bitteren Ende. Insofern verstehe ich aus der Sicht der Palliativmedizin diesen offenen Brief bis zu einem gewissen Grade tatsächlich und respektiere ihn. Auf der anderen Seite ist von Schirach jemand, der mit seinen Stücken eine breite gesellschaftliche Diskussion anstoßen will. Und so eine Gegenreaktion gehört unbedingt auch dazu. Ich verstehe auch Leute, die sagen, dass das letztendlich zu oberflächlich ist, um in die letzten Verästelungen der Ethik, der Juristerei, der Medizin vorzudringen. Obwohl ich ja Beteiligter des Films bin, habe ich größten Respekt vor Gegenpositionen. Trotzdem finde ich das gut und richtig, dass Schirach immer wieder diese Themen in die Welt hinausschmeißt, an denen man sich abarbeiten kann. Eine öffentliche Debatte wird dadurch angestoßen, über Themen, die sonst entweder tabuisiert oder zu wenig behandelt werden. Insofern einerseits Respekt für die Gegenposition, andererseits Respekt für von Schirach, der diese Debatten anstößt.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Der Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker Ferdinand von Schirach im Porträt. © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Frederic Kern/Geisler-Fotopress

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.11.2020 | 18:00 Uhr