Stand: 10.07.2020 16:17 Uhr  - NDR Kultur

Aids im Schatten der Corona-Pandemie

Allein im vergangenen Jahr haben sich nach UN-Angaben 1,7 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, etwa 690.000 sind an ihm gestorben. Zwar ist eine HIV-Infektion mittlerweile medikamentös besser zu behandeln - heilbar ist HIV nach wie vor nicht. Seit Montag haben sich viele hundert Expertinnen und Experten virtuell zur 23. Welt-Aids-Konferenz zusammengeschaltet. Die ARD-Korrespondentin Antje Passenheim hat die - von der Corona-Pandemie überschattete - Konferenz intensiv verfolgt.

Frau Passenheim, alle reden derzeit über das Coronavirus. Aber was hat die Welt-Aids-Konferenz aktuell beschäftigt?

Bild vergrößern
Antje Passenheim leitet seit Juli 2019 das ARD-Hörfunkstudio in New York.

Antje Passenheim: Die Konferenz hat die Sensation Corona beschäftigt. Die darf diese 40 Jahre lange Geschichte Aids nicht einfach überlagern. Nur weil jetzt alle Welt auf Corona schaut, darf der Kampf gegen HIV nicht zur Nebensache werden. Davor haben viele Forscher und Betroffene Angst. Denn trotz aller Fortschritte bleibt Aids ein Killer, gegen den es weiterhin keinen Impfstoff gibt - trotz all der Fortschritte, die auch diesmal auf der weltweit größten Aids-Konferenz präsentiert werden konnten.

Was ist im Moment Stand der Dinge bei den weltweiten Infektionszahlen, aber auch in der Forschung?

Passenheim: Bei der Konferenz standen vor allem die Medikamente im Fokus, durch die die Infizierten mit dem HI-Virus leben können. Diese Menschen können durch die Medikamente, die es gibt, inzwischen alt werden. Viele Menschen können relativ "normal" mit der Infektion leben, wenn sie den Zugang zu den Medikamenten haben, weil die Mittel die Viren so in Schach halten, dass die Immunschwäche-Krankheit gar nicht erst ausbricht. Wichtig sind auch Mittel - sogenannte PrEPs oder auch Aids-Pille genannt -, die verhindern, dass sich Menschen bei HIV-positiven Menschen anstecken - selbst wenn Sie Sex ohne Kondom haben. Wenn sie diese Pille schlucken, die es bei uns in Deutschland auf Rezept gibt, dann können sie sich nicht anstecken. Durch diese Mittel wird sich die Verbreitung des Virus immer mehr in Grenzen halten.

Auf der Konferenz war besonders ein Mittel im Fokus: das HIV-Medikament Cabotegravir, das alle acht Wochen injiziert wird. Der Aids-Experte Kevin Osborne sagt über dieses Medikament: "Es gab mehrere Studien, die zeigten, dass das lang wirkende, injizierbare Cabotegravir bei der HIV-Prävention wirksamer ist als die tägliche orale Einnahme von Truvada. Dies ist möglicherweise ein großer Durchbruch, da es die Art und Weise, wie Menschen leben, in hohem Maße verändern wird." Also können Menschen, die HIV-positiv sind, leben wie Menschen, die es nicht sind.

Welche Rolle spielt das HI-Virus in Zeiten von Corona? Derzeit scheint es so, als sei die ganze Pharmaindustrie fieberhaft auf der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Fällt da möglicherweise der angefangene Kampf gegen das HI-Virus nach hinten über?

Passenheim: Ja, und das fürchten die Forscher. Das Traurige ist, dass wir weltweit auf einem guten Weg waren. Und jetzt sieht es so aus, dass die Weltgemeinschaft ihre selbstgesetzten Ziele im Kampf gegen HIV und Aids bis zu diesem Jahr verfehlt hat und dass die Folgen der Corona-Pandemie alles noch viel schlimmer machen. Laut Aids-Programm der Vereinten Nationen, UNAIDS, haben sich vergangenes Jahr rund 1,7 Millionen Menschen weltweit mit dem Virus angesteckt. Eigentlich sollten es durch die neuen Programme und Initiativen nur noch eine halbe Million Menschen pro Jahr sein, die Epidemie sollte bis zum Jahr 2030 besiegt werden. Ob wir das schaffen, steht jetzt in den Sternen.

Wie hat die Welt-Aids-Konferenz digital funktioniert?

Passenheim: Bei der Kommunikation gab es Anfangsschwierigkeiten, aber am Ende hat es technisch perfekt funktioniert. Es sollten ja eigentlich mehr als 20.000 Wissenschaftler, Ärzte und Aktivisten nach Kalifornien kommen. Mehr als 600 Vorträge und Diskussionsrunden sind kurzerhand ins Netz verlegt worden, und so richtig glücklich sind die Teilnehmer damit nicht. Sie sagen, etwas ganz Wichtiges ist flöten gegangen: nämlich das Menschliche. Diese Konferenz ist eigentlich ein Ort, wo sich Wissenschaftler mit den verschiedenen Vertretern der Communitys treffen, wo sich Vertreter von reichen und von armen Ländern treffen und ihre Erkenntnisse teilen. Es geht auch darum, dass sich Menschen gegenseitig Mut machen, und das kann bei so einer virtuellen Konferenz nicht der Fall sein. Deshalb müssen sich die Veranstalter überlegen, wie sie in Zukunft - falls es immer noch nötig sein sollte, das im Netz abzuhalten - mehr Konferenz-Atmosphäre schaffen und diesen menschlichen Faktor da reinbringen.

US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, endgültig aus der Weltgesundheitsorganisation WHO auszutreten. Wie ist das auf der Konferenz aufgenommen worden? Was heißt das für die Aids-Bekämpfung?

Passenheim: Das ist für viele Menschen sehr schockierend, sehr verstörend. Die USA sind der größte Beitragszahler der Weltgesundheitsorganisation, und sie schulden ihr noch ein paar Millionen Dollar Mitgliedsgebühr - die müssen sie erst einmal vor dem Austritt bezahlen. Präsident Trump fechtet da seinen politischen Zwist gegen China über die Vereinten Nationen aus. Trump sagt, die WHO sei zu Beginn der Corona-Pandemie viel zu China-freundlich gewesen, sie habe nicht ordentlich dokumentiert und nicht die Wahrheit gesagt. Viele Experten sagen, man könne der WHO sicherlich auch Vorwürfe machen, aber man könne sie nicht mitten in einer Pandemie alleine im Regen stehen lassen - das sei der falscheste Weg.

Natürlich trifft das auch die Aids-Bekämpfung, wenn der größte Beitragszahler wegfällt. Forscher warnen, dass die Suche nach einem Corona-Impfstoff nicht auf Kosten der Aids-Forschung gehen darf.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Porträtbild der ARD-Korrespondentin Antje Passenheim. © WDR Foto: Annika Fußwinkel

Aids im Schatten der Corona-Pandemie

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die 23. Welt-Aids-Konferenz wurde in diesem Jahr von der Corona-Pandemie überschattet. "Der Kampf gegen HIV darf nicht zur Nebensache werden", sagt die ARD-Korrespondentin Antje Passenheim.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.07.2020 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info