Ein demokratischer Unterstützer hält ein Biden-Plakat in den Händen © picture alliance/ZUMA Press

Vor der US-Wahl: Stimmungsbild der Kulturszene in den USA

Stand: 03.11.2020 17:15 Uhr

Die USA wählen ihren neuen - oder alten - Präsidenten. Wegen der starken gesellschaftlichen Polarisierung wird nach der Wahl mit Protesten gerechnet.

Friedlich zu Wort melden sich dagegen viele Künstler und Intellektuelle. Ein Gespräch mit dem ARD-Hörfunkkorrespondenten Peter Mücke aus New York.

Herr Mücke, Musiker bilden Pop-Allianzen, um sich dagegen zu wehren, dass Trump ihre Songs für den Wahlkampf missbraucht. Schriftsteller formieren sich zu "Writers against Trump". Die Kulturszene scheint total geeint in ihrer Anti-Trump-Haltung, oder?

Porträtbild des ARD-Korrespondenten Peter Mücke. © Radio Bremen Foto: Martin von Minden
Seit 1. Juli 2019 ist Peter Mücke Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio New York.

Peter Mücke: Ja, die meisten Künstlerinnen und Künstler sind in der Tat auf der Seite der Demokraten und gegen Donald Trump. Trump hat durchaus prominente Unterstützer, aber das ist eher eine andere Szene: Das sind eher Schauspieler, Popmusiker, Countrymusiker, die auch offen Trump unterstützen. Aber die hohe Kunst, die Intellektuellen, die Schriftsteller, die meisten Independent- und auch Popmusiker unterstützen eher die Demokraten und haben sich sehr gegen Donald Trump positioniert.

Sie sind ganz nah dran im Austausch mit Kreativen und Denkern, insbesondere in New York. Wie würden Sie die Atmosphäre gerade beschreiben?

Mücke: Die Wahl ist sehr wichtig - das haben die Intellektuellen hier erkannt. Für mich war der - fast schon - Alarmismus von Paul Auster ein bisschen bezeichnend. Der Mann ist ein bisschen älter und macht sich Sorgen wegen Corona, und er macht sich Sorgen um sein Land. Er ist wirklich aufgewühlt. Er habe so etwas in seinem langen Leben noch nicht erlebt. Er vergleicht die demokratischen Institutionen in den USA mit Seifenstücken, auf die Trump einen Wasserstrahl gerichtet habe. Diese seien zu 50 Prozent zu Seifenschaum geworden. Wenn das so weitergehe, bleibe irgendwann nichts mehr übrig von diesen Institutionen. Er sagt, dieser Mann müsse weg aus dem Weißen Haus, und die USA seien auf dem Weg in den Faschismus. Auster hat - zusammen mit anderen Schriftstellern - die Initiative "Writers against Trump" ins Leben gerufen. Sie rufen vor allem junge Leute, die eigentliche auch mit einem Kandidaten Joe Biden nicht viel anfangen können, dazu auf, wählen zu gehen. Biden wird im November 78, war acht Jahre Vizepräsident, steht also im Prinzip für ein "Weiter so" - und nicht für einen Neuanfang, den sich viele wünschen. Trotzdem fordert Auster auf, Biden zu wählen, es gehe jetzt um Wichtigeres, nämlich darum, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu vertreiben. Das ist die Stimmung bei den Kulturschaffenden in New York.

Wenn das nicht klappen sollte - welche Konsequenzen hätte eine Wiederwahl Trumps, insbesondere für die Kulturschaffenden?

Mücke: Das mag sich hier noch keiner so richtig ausmalen. Paul Auster sagt, das werde die letzte Wahl gewesen seien, die sie hätten. So weit würde ich persönlich nicht gehen. Donald Trump hat in den vergangenen vier Jahren viel Unheil angerichtet, aber das Land funktioniert noch. Diese Spaltung, die immer beklagt wird und die in der Tat sehr deutlich zutage tritt, die hat es in der Geschichte der Vereinigten Staaten immer gegeben. Donald Trump ist eher ein Symptom dieser Spaltung, aber er hat diese Spaltung nicht herbeigeführt. Die gab es schon vorher - sie ist jetzt aber sehr viel deutlicher geworden. Die Vereinigten Staaten würden auch vier weitere Jahre Donald Trump überleben, und ich glaube nicht, dass das das Ende dieses Landes sein wird. Ich könnte mir aber vorstellen, dass dann einzelne Intellektuelle und Künstler das Land verlassen, um dagegen zu protestieren, dass dieser Mann wiedergewählt wurde. Zurzeit sieht es laut Umfragen nicht danach aus, als würde es eine zweite Amtszeit geben - aber Überraschungen gibt es immer, und die hat es auch vor vier Jahren gegeben.

Sollte Biden tatsächlich ins Amt kommen: Wie viel Hoffnung auf Neuerung, auf Gutes stecken die Künstler und Intellektuelle in diesen Präsidenten?

Mücke: Eine Menge. Wenn man sich überlegt, welche Last auf den Schultern von Joe Biden liegt, möchte man nicht mit ihm tauschen. Die Erwartungen sind riesig, dass er dieses Land heilt. Es gibt Forderungen, dass er sofort Brücken baut und dieses Land eint - aber das wird nicht gelingen, das kann er gar nicht schaffen. Es gibt diesen Gegensatz, der so stark ist wie lange nicht, und das wird lange dauern. Ein überzeugter Trump-Wähler wird nicht von heute auf morgen akzeptieren, dass sein Idol das Weiße Haus verlässt. Man muss sich auch vor Augen führen, in welchem Zustand Biden dieses Land übernehmen würde. Wirtschaftlich war alles in Ordnung, weshalb die Wall Street Donald Trump liebt. Die hätten ihn am liebsten vier weitere Jahre im Weißen Haus. Die Börsenkurse waren super, die Steuern für die Unternehmen sind gesenkt worden, und alle haben sich in dieser Szene darüber gefreut. Dann kam Corona, und das hat Donald Trump am meisten geschadet. Die wirtschaftliche Lage war ansonsten gut. Joe Biden würde ein Land in der tiefsten Corona-Depression übernehmen. Die wichtigste Aufgabe ist, erst mal mit dieser Pandemie umzugehen und dann das Land zu einen. Die Erwartungen sind riesig, und ich weiß gar nicht, ob er die erfüllen könnte. Man kann nur hoffen - das hat auch Paul Auster gesagt - dass sich Biden mit jungen Leuten umgeben wird und er eher ein Kandidat des Übergangs sein wird hin zu einer neuen, progressiveren Regierung.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Ein demokratischer Unterstützer hält ein Biden-Plakat in den Händen © picture alliance/ZUMA Press

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NDR Kultur | Journal | 03.11.2020 | 18:00 Uhr