Stand: 20.12.2019 17:58 Uhr  - NDR Kultur

Von Galeristen und Mega-Dealern

von Ralf Schlüter

Überall ist von den Grenzen des Wachstums die Rede. Auf dem Kunstmarkt nicht. Immer neue Auktionsrekorde werden verkündet, ganz junge Kunst ist oft auf Anhieb Millionen wert, weltweit agierende Galerien eröffnen eine Filiale nach der anderen. Der Hunger nach Kunst scheint unendlich groß zu sein. Doch stimmt das wirklich? Neben den Mega-Dealern, deren Ware der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich treffend als "Siegerkunst" bezeichnet hat, gibt es viele kleinere Galerien mit renommierten Künstlern, die ums Überleben kämpfen. Der Kunstmarkt hat sich gespalten: Der eine Teil sorgt für die Innenausstattung eines weltweiten Super-Kapitalismus, der andere Teil ist bedroht wie Theater oder Buchhandlungen.

Bild vergrößern
Ralf Schlüter ist stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins "art".

Liebe Leserinnen und Leser, ich muss Sie warnen. Sich mit dem Kunstmarkt zu beschäftigen, scheint nicht gut für die Gesundheit zu sein. Auktionsrekorde machen schwindlig und beeinträchtigen die Orientierung, Vergleiche zwischen Künstlern erzeugen Neid und Habgier, Preisverfall macht depressiv und hinterlässt ein Gefühl von Sinnlosigkeit.

Wenn Sie trotzdem etwas lesen möchten über den vielleicht seltsamsten aller Märkte, dann schnallen Sie sich bitte im Geiste an. Wir begeben uns auf ein ökonomisches Gebiet, auf dem nüchterner Kaufmannsgeist ein seltener Gast ist. Vokabeln wie "Rausch", "Spaß" und "Party" kommen in Berichten über Kunstmessen und Auktionen hingegen erstaunlich häufig vor.

90 Milionen für einen Stahl-Hasen

Stellen wir uns jetzt einmal vor, wir hätten gerade den Zuschlag bei einer bedeutenden Versteigerung bekommen. Es ist der 15. Mai 2019, Abendauktion bei Christie’s in New York. Seit wenigen Sekunden sind wir der neue Besitzer von "Rabbit", einem Werk des amerikanischen Künstlers Jeff Koons von 1986. Eine Skulptur aus rostfreiem Stahl, sie ist einem aufblasbaren Spielzeughasen nachempfunden. Wird sie irgendwo beschrieben, dann meist mit dem Zusatz "Ikone der Achtziger". Sie ist fast einen Meter hoch, es gibt drei Exemplare davon, plus ein Künstlerexemplar.

Bild vergrößern
Die Skulptur "Rabbit" des US-Künstlers Jeff Koons erzieltte bei einer Auktion im Mai mehr als 90 Millionen US-Dollar.

Eines davon gehört jetzt uns. Wir werden dafür mehr als 90 Millionen US-Dollar überweisen. Wie fühlt es sich wohl an, eine solche irrwitzige Summe für einen von drei Stahlhasen hinlegen zu können und zu wollen? Noch nie wurde für die Arbeit eines lebenden Künstlers so viel Geld bezahlt. Ein Rekord, hieß es. Die "Washington Post" kommentiert später, dass so ein Ergebnis "in einer gesunden Welt nicht möglich wäre".

Kunstwerken werden immaterielle, allgemeine kulturelle Werte zugeschreiben. Preise machen sie plötzlich konkret vergleichbar. Der Koons-Hase ist also fast doppelt so viel wert wie, beispielsweise, ein Spitzenwerk von Gerhard Richter: Dessen "Abstraktes Bild 599", ebenfalls von 1986, erzielte bei Sotheby’s in London 2015 einen Preis von mehr als 46 Millionen Dollar. Oder anders: Die Kaufsumme entspricht ungefähr eines großen Passagierflugzeugs, 274 nagelneuen Bentleys, teuerstes Modell. In Deutschland werden mit Summen dieser Größenordnung mittelgroße Krankenhäuser gebaut.

Noch hält die Blase

Der Käufer des Hasen ist übrigens Robert Mnuchin, ein 86-jähriger früherer Banker - und heutiger Kunsthändler. Eine schöne Pointe. Durchaus denkbar, dass er die Arbeit nochmal verkaufen will. Teurer natürlich. Dann wären die 90 Millionen nur ein Meilenstein der Preisentwicklung. Ein Zwischenwert.

Es kann aber auch sein, dass Mnuchin in Kürze mit ansehen muss, wie der Wert seiner Skulptur jäh verfällt. Seit den späten 90er-Jahren steigen die gezahlten Preise für Gegenwartskunst fast kontinuierlich an. Es ist das entstanden, was Börsianer eine Blase nennen. Von Koons, Hockney und Richter bis weit hinunter in den gemäßigten Kunstmarkt sind die Preise derzeit außergewöhnlich hoch.

Eine Frau betrachtet im Naturhistorischen Museum in Braunschweig Fotos der Ausstellung "Die Grüne Sahara". © dpa-Bildfunk Foto: Alexander Kohlmann

Von Galeristen und Mega-Dealern

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Der Kunstmarkt hat sich gespalten: Der eine Teil sorgt für die Innenausstattung eines weltweiten Super-Kapitalismus, der andere Teil ist bedroht wie Theater oder Buchhandlungen.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Die Blase also. Noch hält sie. Nicht nur Auktionshäuser profitieren vom globalen Hunger nach Gegenwartskunst, sondern auch ein bestimmter Typ von Galerien. Man nennt sie die "Mega-Galleries", und eigentlich gibt es nur fünf davon: Larry Gagosian, David Zwirner und Pace aus New York, Hauser & Wirth aus Zürich und White Cube aus London. Die Mega-Gallery zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: Sie verpflichtet die Mega-Künstler wie Star-Vereine Fußballer; sie hat Filialen weltweit dort, wo das Mega-Money sitzt; die Galeristen dahinter sind kaum greifbar und geben selten Interviews.

Mega-Sammler mit "mega-viel" Geld

Nicht viel anders die Mega-Sammler. Es sind nicht viele, aber sie haben märchenhaft viel Geld. Es wird geschätzt, dass etwa 30 Sammler aus den USA den Markt für Gegenwartskunst dominieren. Hinzu kommen einige Europäer, und dann die superreichen Neulinge des Weltkapitalismus: russische Oligarchen, chinesische Unternehmer, indische Milliardäre. Eine besondere Rolle im obersten Segment spielen die sogenannten Art Dealer: Das sind Kunsthändler, die für Konzerne und Investmentfonts große Mengen von Werken aufkaufen. Am liebsten "Blue Chips", also Künstler mit stabilem Marktwert. Art Dealer sehen in einem Kunstwerk ein Spekulationsobjekt, wie Aktien. Vor allem in den USA ist diese Form des Kunstsammelns verbreitet.

New York ist das Zentrum des internationalen Kunstmarkts. Ein Insider schätzt, dass 90 Prozent aller Galerienbetreiber der Stadt von Haus aus wohlhabend sind. Mieten und Immobilien sind so teuer, dass Newcomer ohne Geld praktisch keine Chance haben. In New York kann nur noch Geld weiteres Geld erzeugen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 22.12.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

53:13
NDR Kultur

Tram 83

NDR Kultur
06:04
Schleswig-Holstein Magazin
04:10
Hamburg Journal