Stand: 14.01.2019 16:10 Uhr

"Stella"-Verleger: "Das darf und muss Literatur"

Takis Würgers Roman "Stella", unser NDR Buch des Monats, erzählt die Geschichte der Berliner Jüdin Stella Goldschlag, die während des Nationalsozialismus als "Greiferin" andere Juden denunzierte, um erst ihre Eltern zu retten, was misslang, und dann sich selbst, was glückte. Stella Goldschlag gab es also wirklich. Es ist eine reale Geschichte, die hier literarisch ausgestaltet wird. Und genau darüber entbrennt nun eine heftige Debatte: "Schund!", "Kitsch!", "Eine Beleidigung!", tönt es aus einigen Feuilletons. Und das sind nur die Kurzversionen von geharnischten Verrissen der besonders harten Art. Neben dem Autor Takis Würger, Jahrgang 1985 und im Hauptberuf "Spiegel"-Reporter, kassiert der Lektor, Mentor und Verleger Jo Lendle vom Hanser Verlag besonders viel Prügel. Im Exklusiv-Interview äußert er sich zu den Vorwürfen..

Herr Lendle, hat Sie der Furor der Verrisse überrascht?

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"Ich halte das nicht für Kitsch", erwidert Jo Lendle die Kritik an dem Roman "Stella".

Jo Lendle: Dass das Buch diskutiert würde, das haben wir erwartet. Es ist weniger der Furor, der uns überrascht, als die Art der Vorwürfe, die zum großen Teil außerliterarische sind: Darf man so eine Geschichte schreiben? Darf man sie so schreiben? Die Vergleiche, die angestellt werden - das alles überrascht einen schon, weil man merkt, dass da eine ungeheure Energie dahintersteckt.

Was ich verstehe, was ich selber von mir kenne, ist: Ich lese Bücher über diese Zeit anders als andere Bücher. Ich lese sie erregter. Ich kenne einige Bücher, denen ich als Leser nicht gerecht worden bin, weil ich gesagt habe: 'Nein, so kann man das nicht machen; das ist unwahr!' Das heißt, ich glaube, dass man beim Lesen von Büchern zu diesem Thema schnell auf die eine oder andere Seite kippt, und das ist hier in einer großen Vehemenz geschehen.

In der "Süddeutschen Zeitung" wird der Roman ein "Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen" genannt. Außerdem sei er "Symbol einer Branche, die jeden ethischen und ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint". Dieser Angriff geht eigentlich direkt in Ihre Richtung - können Sie den aushalten?

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Debatte um "Stella" von Takis Würger entbrannt

"Stella", der neue Roman des "Spiegel"-Reporters Takis Würger, könnte Anlass für eine neue Literaturdebatte sein. Warum, erklärt NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch. mehr

Lendle: Ja, weil ich weiß, dass es ganz viele Leser gibt, die das extrem anders sehen. Wir haben das Buch vorab an viele Buchhändler verschickt, und da haben uns ungeheuer viele Stimmen erreicht, die sagen: Das ist ein wichtiges Buch, ein Buch, das auch 77 Jahre nach den Ereignissen in einer Weise Geschichten aus dieser Zeit erzählt, die auch Leuten die Augen öffnet, die damals nicht dabei waren. Es ist klar, dass dieses Buch nicht vor 40 Jahren hätte veröffentlicht werden können. Aber ich glaube, dass jede Generation von Autoren - und Takis Würger ist ein jüngerer Autor - auch ein Verhältnis finden muss, Geschichten zu erzählen, die Erinnerungen wach halten, die Einblicke in dieser Zeit geben.

Stella Goldschlag ist eine Figur, an der sich ganz viel entzündet von dem, was sich Nachgeborene fragen: Wie entsteht Schuld? Wie ist mit Schuld umzugehen? Wie hätte ich mich selber verhalten? Das sind die zentralen Fragen, die in dem Buch verhandelt werden. Und wenn uns unglaublich viele Stimmen erreichen, gerade von Buchhändlern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, die sagen: 'Das ist das Buch, was wir dafür brauchen!' - dann ist das auch eine Relativierung solcher Anwürfe. Auch die wichtigsten internationalen Verlage haben dieses Buch schon vor Erscheinen eingekauft, und das ist auch eine für uns nicht unwichtige Rückmeldung.

In einigen dritten Programmen der ARD wird momentan "Holocaust" wiederholt, der TV-Mehrteiler, der vor genau 40 Jahren erstmals ausgestrahlt worden ist und sich damals auch dieser Kritik ausgesetzt sah: Das sei eine bloße Soap. Takis Würger ist Jahrgang 1985, also 33 Jahre alt. Ermöglicht diese historische Distanz zu dem Geschehen womöglich auch einen anderen Umgang damit, einen durchaus kitschigen? Denn hier geht es nicht um historische Fakten, sondern vielmehr um eine Liebesgeschichte.

Lendle: Es gab natürlich auch Liebesgeschichten in der Zeit der Nazis, und hier war es eine Liebesgeschichte, die eine doppelte ist: Der Erzähler des Romans weiß zunächst nicht, dass sich die Hauptfigur unter falscher Identität versteckt. Er verliebt sich zunächst in eine Figur, von der er nicht alles weiß, und kommt ihrem wahren Leben erst später auf die Spur. Dann ist er auch damit konfrontiert, wie er sich selber zu diesem Menschen stellt, von dem er jetzt die genaue Wirklichkeit kennt. Ich halte das nicht für Kitsch, ich halte das für eine Form, eine Geschichte zu erzählen, bei der große grundsätzliche Fragen diskutiert werden und im Leser nachbrennen, die auch zum Verständnis des Nationalsozialismus entscheidend sind: Wie kann es sein, dass in Deutschland so viele Leute mitgemacht haben? Wie kann es sein, dass man auf eine Seite wechselt, die wir heute nicht mehr einnehmen würden? Dass der Autor damit auch etwas auslöst und dass er diese auslösenden Elemente auch im Schreiben bedient, das ist etwas, was ich Literatur nicht vorwerfe, die etwas erreichen will. Ist "Schindlers Liste" Kitsch, weil es einen beim Betrachten des Films umhaut? Nein. Ich weiß aber, dass gerade bei solchen Fragen nach literarischer Qualität im Zusammenhang mit solchen hochsensiblen Themen jeder am Ende seine eigene Antwort finden muss.

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Lesung: "Stella" von Takis Würger

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Die Berliner Jüdin Stella Goldschlag hat in der NS-Zeit untergetauchte Juden verraten. Takis Würger hat diese wahre Geschichte zur Grundlage einer fiktiven Liebesstory gemacht. mehr

In der "FAZ", die das Buch eine "Blamage" für den Hanser Verlag nennt, wird Takis Würger wegen seines Hauptberufs als "Spiegel"-Reporter mit dem zuletzt wegen seiner erfundenen "Spiegel"-Reportagen aufgeflogenen Reporter Claas Relotius auf eine Stufe gehoben: "Relotius reloaded" heißt es da. Wie viel Fiktion darf in Faktendarstellungen sein, wie viele Fakten müssen in Fiktion immer noch vorkommen, um Bestand haben zu können?

Lendle: An der Stelle wird es wirklich absurd. Claas Relotius ist diskutiert worden als jemand, der in einem der Wahrheit verpflichteten Medium der Reportage gelogen hat. Das ist eine fixe Feststellung, die den Journalismus gerade vollkommen aufwirbelt und in Selbstzweifel zieht. Selbstverständlich muss der Roman als Gattung in Verantwortung zu den Fakten auch erfinden. Hier den Namen Relotius ins Spiel zu bringen, ist eine absurde Unterstellung und eine Vermischung von Ebenen, wie man sie sich kaum gewaltiger ausdenken könnte. Im Roman brauche ich zum Beispiel die Innensicht von Figuren, über die wir selbstverständlich nichts wissen. Im Roman können wir auch Nebenfiguren einführen, die es historisch nicht gegeben hat, um Dinge klarer zu machen. Takis Würger hat aus gutem Grunde nicht die Innenperspektive von Stella Goldschlag gewählt - damit würde er nämlich behaupten: Ich verstehe sie moralisch; ich verstehe ihre Entscheidung, andere Juden auszuliefern und zu verraten. Diese Perspektive kann man nicht einnehmen. Deswegen hat er eine fiktive Figur eingeführt, die ihr nahekommt und sich ihre Fragen stellt. Das ist die Form der Literatur, und das darf und muss Literatur. Literatur ist kein Sachbuch, das ist keine Reportage. Claas Relotius hat damit nichts zu tun.

Hannah Lühmann, Rezensentin der "Welt", stellt die Frage: "Ist dieses Buch schlecht, weil es unterhält?" Es ist eine Frage, die im Grunde die ganze Zeit mitschwingt. Ist dieser Stoff dazu geeignet, ein Unterhaltungsstoff zu sein?

Lendle: Aber was ist Unterhaltung? Was Hannah Lühmann schreibt, ist: Die Literaturkritik wünscht sich seit Jahren keine dröge Literatur, sondern Literatur, die etwas mit einem macht, wo man durchs Lesen ein anderer wird, wo man sich Gedanken stellt, die einen herausfordern, die einen umtreiben. Genau das tut Takis Würgers "Stella". Lühmann schreibt in ihrem Artikel sehr deutlich, dass sie es extrem gut und wirkungsvoll geschrieben findet. Das ist kein Vorwurf, den ich der Literatur mache, auch nicht bei einem Thema wie diesem.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.01.2019 | 19:00 Uhr

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