Stand: 09.09.2019 14:17 Uhr

Venedig: Ein Festival der verlorenen Männerfiguren

Eine Comic-Adaption als Festivalsieger und die quasi Silbermedaille für Roman Polanski: Das diesjährige Filmfestival von Venedig galt zwar nicht gerade als stärkster Filmjahrgang aller Zeiten, die Entscheidungen, wer die begehrten und Oscar-weisenden Preise bekam, sorgen dennoch für ein recht lautes Echo. Katja Nicodemus blickt zurück auf die 76. Filmfestspiele.

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Gewinner des Goldenen Löwen: Der Film "Joker" (gespielt von Joaquin Phoenix) von Todd Phillips.

Es war ein Festival der isolierten, verlorenen Männerfiguren. Eine von ihnen konnte dem Leben nur den Wahnwitz entgegensetzen. Nämlich Arthur Fleck alias Joker in dem gleichnamigen Film von Todd Phillips, dem Gewinner des Goldenen Löwen. In der Rolle von Batmans zukünftigem Gegenspieler zeigt Joaquin Phoenix ein dröhnendes Lachen, aus dem Schmerz, Wahn, und Verzweiflung sprechen. Er spielt einen psychisch angeschlagenen Menschen, der zusammen mit seiner Mutter in einem heruntergekommenen Backsteinhochhaus lebt - und der eigentlich nur in Ruhe sein Dasein fristen will, zwischen den Terminen mit einer Sozialarbeiterin und seinen Auftritten als Reklame-Clown. Doch die Gegenwart, in der Arthur von Anfang an Außenseiter ist, demütigt ihn, treibt ihn mit Gewalt in die Gewalt. Seine Clownsmaske mit dem diabolischen Lachen wird zum Symbol einer Revolution, eines Volksaufstands, einer aufgebrachten Menge, die randalierend durch die Straßen einer vom Verbrechen gezeichenten Stadt zieht.

Wie so viele Filme dieses Festivals besitzt "Joker" eine zeitlose Dringlichkeit: als Psychogramm eines Menschen, der sich nur mit Gewalt gegen das behaupten kann, was ihm die Welt antut.

Filmfest Venedig: Highlights aus dem Programm

Polanskis Film "J'accuse" erhält Großen Preis der Jury

Auch der zweitwichtigste Preis des Festivals, der Große Preis der Jury, ging an einen Film, dessen Held sich gegen die Mehrheit, gegen seine Umgebung, gegen ein System stemmt. Allerdings mit Moralempfinden und Gewissenhaftigkeit. Roman Polanskis Film "J'accuse" handelt von dem französischen Major Picard, der die antisemitische Verschwörung gegen den jüdischen Hauptmann Albert Dreyfus aufdeckte. 1894 wurde Dreyfus unschuldig wegen Spionage für die Deutschen verurteilt. Anschaulich zeigt Polanski den Geheimdienst in seinem Film als eine in sich geschlossene Organisation: mit einem Hauptquartier der knarrenden Dielen, abgehängten Fenster und Aktenberge. Polanskis Film veranschaulicht, wie der Geheimdienst Tatsachen vertuscht, Beweise fälscht und die Öffentlichkeit manipuliert. Obwohl "J'accuse" ein Historienfilm ist, öffnet er sich zu unserer Zeit, zu modernen Hetzjagden, zur aktuellen Mobilisation des Ressentiments.

Eine Szene mit einem schreienden Mann im Bus aus dem Film "Joker" mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle, der beim Filmfest Venedig im Wettbewerb läuft © Warner Bros Pictures 2019

Venedig: Ein Festival der verlorenen Männerfiguren

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Das 76. Filmfestival von Venedig ist am Wochenende zu Ende gegangen. Insgesamt wurde bei den Preisen dieser Biennale eine politische Linie deutlich. Ein Kommentar von Katja Nicodemus.

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Preisträger beziehen politisch Stellung

Auch über die Filme hinaus entwickelte sich die Preiszeremonie am Samstagabend zu einer politisierten Veranstaltung, bei der die Ausgezeichneten immer wieder politisch Stellung bezogen. Etwa der italienische Schauspieler Luca Marinelli, der die Auszeichnung des besten Darstellers gewann -  für die Titelrolle des schriftstellernden Seemannes "Martin Eden", der im Neapel zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ärmlichen Verhältnisse beschreibt, aus denen er kommt. Mit klaren Worten kritisierte Marinelli die Haltung der italienischen Regierung in der Flüchtlingsfrage; mit seinem Preis würdigte er die Seenotretter auf dem Mittelmeer. Ebenso klar positionierte sich auch die französische Schauspielerin Ariane Ascaride, ausgezeichnet als beste Darstellerin in dem Sozialdrama "Gloria Mundi", das in Marseille spielt. Sie stamme von italienischen Einwanderern ab, die mit dem Boot nach Frankreich gekommen seien. Ihren Preis widmete sie all jenen Ertrunkenen, die "auf dem Grunde des Mittelmeers liegen".

Insgesamt wurde bei den Preisen dieser 76. Biennale eine politische Linie deutlich. Ausgezeichnet wurden jedoch Filme, die ihre Anliegen jenseits von Parolen vertraten. Ausgezeichnet wurde das Kino - und die Botschaft sozusagen im Beiboot.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.09.2019 | 07:20 Uhr

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