Historiker und Autor Paul Nolte © (c) dpa Foto: Horst Galuschka

(Un-)Vereinte Nationen: Die Zukunft der Weltgemeinschaft

Stand: 11.10.2020 19:00 Uhr

Am 24. Oktober 1945 - vor 75 Jahren - ist die Charta der Vereinten Nationen in Kraft getreten. Kurz nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkrieges wollte die internationale Staatengemeinschaft sicherstellen, dass die Menschen nie wieder solche Auseinandersetzungen erleiden müssen.

von Paul Nolte

Heute sind die UN eine Organisation, der 193 Staaten angehören - einerseits mächtig, andererseits ohnmächtig. Für den globalen Norden spielen die Vereinten Nationen eine andere Rolle als für den globalen Süden. Eine Bilanz zum 75. Geburtstag der UN wirft auch Fragen für die Zukunft auf: Wie viel Multilateralismus gönnen sich die USA noch? Wie verändert die neue Dominanz Chinas das globale Gleichgewicht? Und welche Rolle kann in diesem Spannungsfeld ein mehr oder minder vereintes Europa bei den UN spielen?

Friedensnobelpreis für die UN

Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann man sich nicht wünschen: Das norwegische Nobelkomitee hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das 1961 geschaffene World Food Programme kann zwar noch nicht auf stolze und runde 75 Jahre zurückblicken wie seine Mutterorganisation. Doch in vieler Hinsicht steht es, realpolitisch ebenso wie symbolisch, für die Präsenz der Vereinten Nationen in einer immer noch nicht befriedeten Welt: durch die millionenfache Ausgabe von Mahlzeiten an Notleidende in Kriegs- und Krisengebieten, als ein Zeichen globaler Solidarität. "Auftrag erfüllt", könnte man ausrufen und das Jubiläum feiern.

Die Wirklichkeit ist natürlich komplizierter - und jedenfalls anders, als man es sich bei der Gründung der Vereinten Nationen 1945 vorgestellt hatte. Der Zweite Weltkrieg war unstreitig der Geburtshelfer dieser Initiative, so wie der Völkerhass, die mörderische Gewalt der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs in die Gründung der Vorläuferorganisation geführt hatte: des Völkerbunds, dem Deutschland erst nicht angehören durfte und aus dem Hitler im Oktober 1933 den Austritt erklärte. So schnell und kläglich gescheitert, ja bewusst zerstört worden sind die Vereinten Nationen jedenfalls nicht. Und so falsch konstruiert oder unwirksam, das weiß man heute besser, war auch der Völkerbund nicht, an den die Vordenker der UN wie der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt seit den frühen 1940er-Jahren, zum Beispiel mit der Atlantik-Charta, anknüpften.

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

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Noch in anderer Hinsicht sind die Vereinten Nationen älter als es das offizielle Gründungsdatum, der 24. Oktober 1945, besagt - der Tag, an dem die Charta der Vereinten Nationen, ihr bis heute gültiges Manifest und Grundgesetz, in Kraft trat. Schon Immanuel Kant entwarf 1795 in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" eine internationale Ordnung der Kooperation und des Gewaltverzichts. Im 19. Jahrhundert vermehrten und konkretisierten sich solche Visionen angesichts des Aufstiegs von Nationalstaaten und Imperien einerseits, des Zusammenwachsens der Welt durch neue Kommunikations- und Verkehrsmittel wie den Telegrafen oder das Dampfschiff andererseits. Im Schnittpunkt dieser beiden Entwicklungen stand der westliche Kolonialismus, die europäische Unterwerfung der Welt, deren Erbe bis heute viele Aufgaben und manche Probleme der Vereinten Nationen prägt. Auch daran erinnert der Nobelpreis für das Welternährungsprogramm.

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Die Gründung der Vereinten Nationen war ein pragmatischer Notbehelf: Sie sollten eine elementare Versicherung gegen die Gefahr eines Dritten Weltkriegs sein, der als atomarer Krieg nicht weniger als die Vernichtung der Menschheit bedeutet hätte. Kann man also erneut sagen: "Auftrag erfüllt"? Zur Verständigung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion, zur Sprechfähigkeit der beiden politisch-ideologischen Blöcke im Kalten Krieg haben die UN einen wichtigen Beitrag geleistet. Doch dagegen stehen die zahllosen Kriege, auch Amerikas und Russlands, an anderen Schauplätzen der Welt, von Korea über Vietnam bis Afghanistan und Irak. Der zweite Irakkrieg der USA hat 2003 die Vereinten Nationen schlichtweg instrumentalisiert, um nicht zu sagen: ihre Institutionen und überhaupt die Prinzipien des Völkerrechts verhöhnt.

Noch skeptischer fällt die Bilanz aus, wenn man die UN nicht nur als Notmechanismus, sondern als das idealistische Projekt einer Weltregierung versteht, das es in den Gründungszeiten für viele war. Die Aufteilung der Welt in eine Vielzahl konkurrierender, ja sich befehdender Nationalstaaten sollte überwunden werden. Am fernen Horizont leuchtete das Ziel eines Weltstaates, einer Weltregierung, einer einheitlichen Rechts-, Herrschafts- und Lebensordnung für alle Menschen auf dem Globus. Die jährlich im September in New York tagende Generalversammlung der Vereinten Nationen: Ist sie nicht ein Weltparlament, eine Vertretung der knapp acht Milliarden Menschen in den 193 Mitgliedstaaten? Nein, eine Volksvertretung ist sie nicht, und ein Parlament im vollen Sinne noch viel weniger als das Europäische Parlament.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 18.10.2020 | 19:00 Uhr