Stand: 20.08.2019 18:34 Uhr

Longlist: "Keine eindeutigen Favoriten"

Der Bücherherbst ist eröffnet, denn die Longlist zum Deutschen Buchpreis, die eine siebenköpfige Jury aus über 200 Titeln ausgewählt hat, steht fest. Ein Gespräch mit der NDR Kultur Literaturredakteurin Ulrike Sárkány.

Frau Sárkány, sind Sie mit der Liste zufrieden?

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"Bei der Longlist ist alles offen", meint die Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion Ulrike Sárkány.

Ulrike Sárkány: Wir leben ja in Zeiten, in denen größtmögliche Pluralität gegeben ist. Früher haben Kritiker und gelegentlich auch Kritikerinnen von den "wichtigsten Büchern des Herbstes" gesprochen - das ist heute zum Glück völlig undenkbar. Darüber kann man froh sein, aber natürlich macht das die Arbeit für so eine Jury viel schwieriger, weil der Kriterienkatalog weit gefasst und die Auswahl riesig ist. Die sieben Jurymitglieder für den Deutschen Buchpreis 2019 haben ihre Aufgabe so verstanden, dass sie möglichst viele noch kaum bekannte Schreibende und auch möglichst viele kleine Verlage bedenken wollten. Das finde ich gut, aber man hätte das natürlich auch genau andersherum machen können.

Und zwar wie?

Sárkány: Indem man sich auf die eingeführten Namen und großen Verlage konzentriert. Beim britischen Bookerpreis, der ja mal das Vorbild für den Deutschen Buchpreis war, hat sich die Jury bei der Longlist auf die üblichen Verdächtigen konzentriert. Margaret Atwood und Salman Rushdie haben ihn sogar schon mal gewonnen, und man kann sich jetzt auch gar nicht vorstellen, dass sie auf der Shortlist fehlen werden. Bei der deutschsprachigen Longlist ist jedoch alles offen: Es gibt keine eindeutigen Favoriten. Aber ich glaube schon, dass es bei Kiepenheuer & Witsch, bei der Frankfurter Verlagsanstalt und bei Schöffling lange Gesichter gab, denn sie haben keine einzige Nominierung bekommen.

Die 20 Nominierungen für den besten Roman 2019

Dafür ist der S. Fischer Verlag gleich vier Mal vertreten. Wie ist das zu erklären?

Sárkány: Man könnte auf den abwegigen Gedanken kommen, die Jurymitglieder seien irgendwie beeinflusst worden, zumal drei von ihnen aus Frankfurt kommen - aber das entbehrt jeder Grundlage. Ich war ja 2015 auch in der Jury, und da wird man von allen Verlagen besonders zuvorkommend behandelt, aber am Entscheidungsprozess ändert das letztlich nichts. Zumal bei sieben Leuten mindestens vier für einen Roman sein müssen, bevor er auf die Liste kommt. Ich gehe davon aus, dass die vier Fischer-Titel - die neuen Romane von Marlene Streeruwitz, Alexander Osang und Katerina Poladjan und der Debütroman "Kintsugi" von Miku Sophie Kühmel - jeder auf seine Weise überzeugt haben. Da ich dieses Jahr nicht nur deutsche Literatur lese, bin ich mit meiner Lektüre noch weit hinterher.

Es sind aber auch sechs Österreicher nominiert, fünf Autorinnen und ein Debütautor. Das liegt doch sicher daran, dass die Wienerinnen Daniela Strigl und Petra Hartlieb in der Jury sind, oder?

Sárkány: Ganz auszuschließen ist das nicht, dass die beiden sehr viel Dynamik in die Jurysitzungen gebracht haben. Aber ich mache immer wieder selbst die Beobachtung, dass besonders die Österreicherinnen eine herausragend kraftvolle Prosa schreiben. Dagegen sind die deutschen Schriftstellerinnen immer sehr viel blasser. Woran das liegt, darüber müsste man mal eine akademische Untersuchung anstrengen unter historischen und sprachlich-literarischen Gesichtspunkten.

Welchen Romanen würden Sie das Aufrücken in die Shortlist gönnen?

Sárkány: Da ich bei weitem nicht alle 20 gelesen habe, hänge ich mich da jetzt weit aus dem Fenster, aber spontan würde ich sagen: Nora Bossongs "Schutzzone", weil sie ein gnadenlos jetztzeitiges Szenario wählt und es mutig umsetzt. Der Roman handelt von einer UN-Mitarbeiterin, die in diversen Krisengebieten gearbeitet hat. Es gibt Zeitsprünge, mal weit zurück in ihre Kindheit, mal nach Burundi und mal in die Gegenwart in Genf. Nicht gerade ein Wohlfühlbuch, zumal die Weltlage sehr düster geschildert ist und die Heldin auch kein persönliches Glück findet, aber definitiv am Nerv der Zeit.

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Dann Karen Köhlers "Miroloi", ein Roman von einer gewissen archaischen Wucht über eine junge Frau, die sich als Waise in einer abgeschotteten Gesellschaft mit strengen patriarchalischen Gesetzen quasi aus den Fesseln der Sklaverei befreien muss. Das ist ein fiktives Setting, aber sehr eindringlich und auch sprachlich sehr einfallsreich. Ein absolut lesenswerter Roman.

Saša Stanišićs "Herkunft" wünsche ich auch einen Shortlist-Platz, weil er einfach ein ungeheuer charismatischer Schriftsteller ist. Und die anderen drei Plätze können ja dann die Newcomer haben: der Schweizer Tom Zürcher, der Österreicher Tonio Schachinger und die Münchnerin Lola Randl, die über ihr Landleben in der Uckermark schreibt.

Das sind also drei Schriftstellerinnen und drei Schriftsteller, die Sie favorisieren. Wie stehen Sie zu solchen Proporzfragen?

Sárkány: Es ist überall ganz deutlich zu spüren, dass keiner mehr so viel Lust darauf hat, immer nachzuzählen, ob das Geschlechterverhältnis stimmt, das Verhältnis Nord-Süd oder Ost-West, Migrant oder einheimisch. Es muss uns vor allen Dingen endlich wieder darum gehen, ob ein Roman gut geschrieben ist, ob er das Thema stimmig umsetzt, ob das Thema uns irgend etwas zu sagen hat. Ich glaube, wir lechzen geradezu alle nach dem rundherum herausragenden Werk, über das wir in großer Einstimmigkeit in Begeisterung ausbrechen können.

Warum ist das so schwer zu finden?

Sárkány: Bei meiner Lektüre war einfach noch nichts dabei, wo ich so richtig hin und weg gewesen wäre. Bestimmt hat das damit zu tun, dass sich die Lebenswirklichkeiten immer mehr voneinander unterscheiden. Jeder Roman bietet eine spezielle Weltsicht, aber keiner spricht die Welt als Ganzes an, sodass man das Gefühl hätte, dass die Situation, in der wir historisch und global sind, auf geniale Weise auf den Punkt gebracht ist. Und das sucht man ja eigentlich immer in der Literatur.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Ulrike Sárkány © NDR Foto: Christian Spielmann

Longlist: "Keine eindeutigen Favoriten"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Longlist zum Deutschen Buchpreis, die die siebenköpfige Jury aus über 200 Titeln ausgewählt hat, steht fest. Ein Gespräch mit der NDR Kultur Literaturredakteurin Ulrike Sárkány.

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NDR Kultur | Journal | 20.08.2019 | 19:00 Uhr

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