Stand: 15.04.2020 08:54 Uhr  - NDR Kultur

Digitale Kulturtechniken in der Coronakrise

von Agnes Bührig

Das Internet ermöglichen dieser Tage das, was im analogen Kulturleben nicht mehr möglich ist: lang vorbereitete kulturelle Angebote für viele gleichzeitig zugänglich zu machen. Vielfach wird dabei aus der Not eine Tugend gemacht. Doch vermag der neue digital beeinflusste Alltag der Kultursparte auch Impulse zu geben?

Wie sich digitale und reale Künstler begegnen, hat der niederländische Komponist Michel van der Aa schon bei den Kunstfestspielen Herrenhausen vor drei Jahren vor gezeigt. In seiner Kammeroper "Blank Out" für Sopran und 3D-Film hat er die Begegnung zweier Sänger gezeigt - der eine auf der Bühne, der andere im Videofilm.

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Der renommierte Dirigent Ingo Metzmacher ist seit 2016 Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover.

In diesem Jahr sollen seine Sänger Teil der Digitaloper "Eight" werden, sagt Ingo Metzmacher, Leiter des Festivals: "Das findet in einem von uns gebauten Zelt statt. Das ist eine besondere Installation, da darf immer nur einer rein. Es dauert mit einer VR-Brille 15 Minuten." Man erlebe da Sachen, wo man denke, die passierten tatsächlich. "Sie gehen durch eine Landschaft, begegnen Menschen, hören Musik und dabei bewegen Sie sich kaum vorwärts. Es geht um eine Erfahrung von Raum, Licht, Klang, Geschichte, Drama", so Metzmacher.

Bühnenbild vs. VR-Brille

Dabei übernimmt die virtuelle Welt aus der VR-Brille Vor- und Rückblenden aus dem Leben einer Frau, die bei "Eight" im Mittelpunkt steht. Das analoge Bühnenbild und die plastische Onlinewelt in einer Aufführung zu verbinden, ist allerdings nicht so leicht. Das hat die Theatergruppe "machina eX" erfahren. Vor zehn Jahren sind sie über ein Studierendenprojekt an der Universität Hildesheim zusammen gekommen.

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Eine Szene aus dem Stück "Blank Out" von Michel van der Aa.

Letztes Jahr haben sie erstmals den Einsatz einer VR-Brille geprobt, erzählt Ensemblemitglied Clara Ehrenwerth: "Wir haben dabei gemerkt, dass VR ziemlich stark in Konkurrenz steht zu dem, was man sonst so an Mitteln auffährt. Wir hatten ein kleines Bühnenbild. Es war aber sehr schwer für dieses Bühnenbild, sich gegenüber dieser VR-Brille zu behaupten." Wenn man einmal so eine Brille aufhabe, sei man ziemlich in diese Welt gesaugt, so Ehrenwerth. "Wir hatten zwar viele Leute in einem Raum, aber die Kommunikation war schwierig herzustellen."

Machina eX: zwischen Theater und Gaming

Dabei ist die Kommunikation der Zuschauer miteinander bei "machina eX" zentral. Das Theaterkollektiv operiert an der Schnittstelle von Theater und Gaming, immer wieder rückt es Themen der Digitalisierung in den Mittelpunkt. Ein kleines Publikum wird aufgefordert, im Theatergeschehen auf der Bühne mitzumischen und ein Rätsel zu lösen. Erst dann kann die Handlung weiter gehen. Dafür wurden in den letzten Jahren analoge Telefone umprogrammiert oder Lichtschranken installiert.

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Jetzt überlegt das Kollektiv, ein geplantes Gastspiel im Mai mit Hilfe der Videotelefonie zu retten, sagt Ehrenwerth: "Wir machen jetzt ein Spiel, das man über das Smartphone spielt und wo man in kleinen Gruppen zusammen einer Figur auf die Spur kommen muss. Das ist ein erster Versuch zu schauen, ob Aufführungen auch funktionieren können, wenn eben nicht alle am gleichen Ort sind - aber immerhin zur gleichen Zeit da."

Spuren der Coronakrise

Die geänderten Kommunikationsmuster in Zeiten der Krise werden ihre Spuren hinterlassen, sagt Ehrenwerth. Vor allem, was die Theaterstoffe angeht. Das sieht auch Stephan Buchberger so, leitender Dramaturg der Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover. Durch die zunehmenden Begegnungen per Video im Internet sind jetzt manche Sinne stärker gefordert, als bisher. Das schlage sich nicht zuletzt in der Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern nieder: "Wir sehen gerade, wie sich unser Leben verändert, wie Dinge plötzlich auf eine andere Ebene gehoben werden. Ich habe mit einer Künstlerin gesprochen, die Performance unterrichtet. Die sagte mir, 'bisher waren wir Körper im Raum'. Wie soll ich das weiter machen? Wir müssen die Dinge anders übersetzen", so Buchberger.

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