Stand: 26.08.2019 16:43 Uhr  - NDR Kultur

"So kann man nicht mit Kulturgeschichte umgehen"

"Tschick statt Werther: Brauchen wir noch Klassiker?" Das ist die Frage, die alle Kulturredaktionen des NDR gemeinsam in dieser Woche stellen: Was sollte zum Beispiel an Theatern gespielt oder an Schulen gelesen und gelernt werden - die Klassiker? Brauchen wir die eigentlich alle? Und wenn ja, wozu? Fragen an die Autorin und Literaturkritikerin Thea Dorn.

Frau Dorn, beim "Literarischen Quartett" geht es regelmäßig um Neuerscheinungen, nicht um Klassiker. Sagt das auch etwas über Ihre persönlichen Präferenzen aus? Sind Neuerscheinungen wichtiger als Klassiker?

Thea Dorn: Nein. Ich finde es auch etwas eigenwillig, das so darzustellen, als seien das Alternativen, als müsse man sich entscheiden, ob man entweder nur Klassiker oder nur Neuerscheinungen liest. Jeder begeisterte Leser wird selbstverständlich zu beidem greifen.

Aber wozu gebrauchen wir eigentlich die Klassiker? Ich vermute, dass man im Unterricht Schülerinnen und Schüler damit eher langweilt. Die müssen bei "Michael Kohlhaas" von Kleist erst einmal lernen, wie das damals mit der Kleinstaaterei war und was Recht und Gesetz war, bevor sie sich mit der Frage von Gerechtigkeit beschäftigen können. Kann das nicht Zeitgenössisches viel zeitgemäßer?

Dorn: Es ist natürlich eine Frage, wie man Schüler, die nicht bereits mit Büchern großgeworden sind, überhaupt an Literatur heranführt. Und ob man jemandem, der noch nie ein Buch in der Hand hatte, noch nicht einmal "Harry Potter", gleich einen "Kohlhaas" hinlegen soll - da würde ich auch ein Fragezeichen machen. Aber ich wehre mich strikt gegen diese Tendenz, die ja in sämtlichen Bereichen grassiert, zu sagen: Geschichte ist so lange her, das ist überholt, das brauchen wir doch heute nicht mehr. Das ist so eine Mentalität, die man eigentlich aus dem technischen Sektor kennt, wo man sagt: Mit jedem neuen iPhone-Modell ist das letzte überholt. Aber so kann man doch nicht mit Geschichte, mit Geistesgeschichte, mit Kulturgeschichte umgehen. Deshalb ist es eine ganz wichtige Aufgabe, klarzumachen, wie wir geworden sind, was wir sind als Menschheit. Und dazu gehört es unbedingt, dass ich die europäische Kulturgeschichte kenne.

Was halten Sie von einem Kanon der Weltliteratur, der festlegt, dass man bestimmte Bücher gelesen haben muss, um bildungsbürgerlich mithalten zu können?

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"Tschick" statt "Werther": Brauchen wir noch Klassiker?

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Dorn: Jeder, der so einen Kanon aufstellt, wird irgendwann - Hand aufs Herz - sagen müssen: Es gibt Bücher, die jeder gelesen haben muss, die ich auch nicht gelesen habe. Ich persönlich habe es zum Beispiel nie geschafft, den "Mann ohne Eigenschaften" ganz zu lesen. Auch bei Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" bin ich irgendwann aufs Hörbuch übergesprungen. Deshalb sind solche Listen immer auch etwas fragwürdig.

Aber man sollte als halbwegs gebildeter Mensch eine ungefähre Idee davon haben, was "Ilias" und "Odyssee" in der klassischen griechischen Antike waren, oder zwei, drei Dramen wie etwa "Antigone" kennen. Man sollte auch wissen, was Shakespeare-Dramen sind. Man sollte einige große Romane aus der Zeit seit dem Barock kennen. Als Deutscher sollte man auch mal irgendeinen Thomas Mann gelesen haben. Diese Werke waren ganz wichtig für ein Selbstverständnis gewisser Generationen. Diese Mentalität, zu sagen: Wenn mich das nicht sofort umarmt, weil dieses Buch nicht genau so eine Welt darstellt, wie ich sie kenne und mir vorstelle - das macht Leute eng und dumm, nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Wir alle reden davon, dass wir neugierig und offen sein müssen fürs Fremde. Das kann man doch nicht immer nur auf derselben Zeitachse, sondern das muss man auch für Geschichte behaupten.

Wir hatten die Diskussion neulich bei "Effi Briest": Muss man einen Roman mit einem so veralteten Frauenbild noch lesen? Ich würde sagen: unbedingt! Erstens bin ich mir nicht sicher, wie veraltet das ist. Und zweitens kann man doch nicht sagen, dass wir unser Frauenbild aktualisiert haben, und deshalb gehört das alte auf den Schrotthaufen. Das ist für mich ein ganz gefährliches ahistorisches Bewusstsein.

Wenn Sie in der Lage wären, einen Lehrplan für den Deutschunterricht aufzustellen, in welches Verhältnis würden Sie Klassiker und Zeitgenössisches stellen?

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Brauchen wir noch Klassiker? Pro und Kontra

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Dorn: Ich würde immer versuchen, Beziehungen herzustellen. Ich würde zum Beispiel "Tschick" nicht unbedingt mit "Werther" kombinieren, sondern mit der "Odyssee", und würde auch mit "Tschick" anfangen. Es muss auch nicht die ganze "Odyssee" sein, da reichen auch erstmal Auszüge - wenn man nicht im Leistungskurs ist. Man würde dann auf einmal feststellen: Da kommt dieses Motiv einer Irrfahrt her, da fing das an! Dann könnte man analysieren, was in dieser "Odyssee" für grundlegende Gedankenmuster der europäischen Entwicklung, der Aufklärung gelegt sind, etwa der Versuch des Menschen, sein Schicksal in den Griff zu bekommen und daran zu scheitern. Dann wird Literatur auch spannend. Wenn ich jemandem sage: Das musst du gelesen haben, weil wir das früher gelesen haben - das interessiert keinen Menschen. Aber wenn ich sage: Lass uns mal gemeinsam auf die Suche gehen, was "Odyssee" immer noch mit uns zu tun hat - dann kann das spannend werden.

Ist das möglicherweise auch eine institutionelle Verweigerung der klassischen Stoffe? An deutschen Theatern ist der Klassikeranteil immer noch 50/50 im Vergleich zu den zeitgenössischen Stücken. An den ambitionierteren Theatern wird der Klassikeranteil aber immer geringer, oder die Klassiker sind kaum noch als solche zu erkennen. Da gibt es dann ganz viele Prosa- oder Filmadaptionen. Scheut man auch da ein bisschen die Auseinandersetzung mit dem klassischen Erbe?

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Ihre Meinung: Wozu brauchen wir noch Klassiker?

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Dorn: Das kann man so nicht pauschal sagen. Die großen Theater eröffnen ihre Spielzeiten auch mit "Die Bakchen" oder mit Schiller-Dramen. Sie haben natürlich völlig Recht: Das sind Adaptionen für die heutige Zeit. Aber darum geht es auch. Diese merkwürdige Idee, seine Klassiker wiedererkennen zu müssen - was soll das heißen? Sollen die Leute auf der Bühne stehen wie zu Uraufführungszeiten? Das ist völliger Unsinn.

Es gibt die Mode zu sagen: Hauptsache, es ist eine Uraufführung, und Hauptsache, es ist die Uraufführung eines Autors, der aus einem der Länder kommt, über die wir gerade viel reden, wie Syrien oder dergleichen. Das war vor acht Jahren noch ganz anders und wird in acht Jahren wieder anders sein. Aber diese Belastbarkeit macht ja einen Klassiker zum Klassiker. Nicht weil Geheimbriefchen zwischen den Generationen weitergegeben werden, sondern weil das außergewöhnliche Texte sind, die grundsätzliche Fragen des Menschseins erörtern. Und das in einer Weise, dass es offensichtlich noch genug Menschen gibt, die von diesen Texten 100, 500 oder 2.000 Jahre später immer noch fasziniert sind.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.08.2019 | 19:00 Uhr

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