Sven Tetzlaff © Claudia Höhne Foto: Claudia Höhne

Tage des Exils: Veranstalter Sven Tetzlaff im Gespräch

Stand: 06.04.2021 16:08 Uhr

Mit der Veranstaltungsreihe "Tage des Exils" fördert die Körber-Stiftung seit 2016 das Zusammenwachsen zwischen Exilierten und Alteingesessenen in der Stadt. Ein Gespräch mit dem Leiter des Bereichs "Demokratie, Engagement, Zusammenhalt" der Körber-Stiftung, Sven Tetzlaff.

Sven Tetzlaff © Claudia Höhne Foto: Claudia Höhne
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Herr Tetzlaff, Ihr Themenfeld besteht aus "Demokratie, Engagement, Zusammenhalt". "Exil" kommt da nicht vor. Warum ist das trotzdem Ihr Bereich?

Sven Tetzlaff: Das ist trotzdem Bestandteil meines Bereichs, weil zum Zusammenhalt alle Menschen gehören, die auch hier sind. Und dazu gehören selbstverständlich auch die, die ins Exil gegangen sind. Wir wollen diesen Menschen auch die Möglichkeit geben, sich aktiv zu beteiligen, Teil der lebendigen Bürgergesellschaft bei uns zu sein, ihre Stimme zu erheben, sich einzubringen, teilzuhaben. Deshalb ist für uns das Thema Exil auch ein Beitrag zum Zusammenhalt.

Ist "Exil" etwas anderes als "Zufluchtsort"? Und ist ein "Exilant" ein "Flüchtling"? Das ist ja kein besonders positiv besetztes Wort.

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Tetzlaff: In der Debatte, die wir seit 2015 erlebt haben, wurde von Flüchtlingen gesprochen, von Migranten, von Fremden. Das sind Bezeichnungen, die heute sehr negativ konnotiert sind. In Deutschland gibt es eine eigene Geschichte des Ins-Exil-Müssens. Das ist die Geschichte aus den 30er-Jahren, als viele Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Journalisten und so weiter Deutschland verlassen mussten. Daran fühlten wir uns in der Körber-Stiftung erinnert und haben geschaut, was wir für die Menschen tun können, die hier ins Exil gegangen sind. Der Begriff "Exil" erschien uns treffender, weil er das Schicksal der Menschen mehr in den Vordergrund rückt, mehr auf die Biografie und auf die Lebensgeschichte des Einzelnen eingeht und nicht so eine kollektive Beschreibung ist.

Sie haben in einem früheren Interview schon mal darauf hingewiesen, dass aus dieser Geschichte, die Sie gerade beschrieben haben, eine besondere Verantwortung erwächst. Warum eigentlich?

Tetzlaff: Weil die Menschen in Deutschland durch das Nazi-Regime flüchten mussten. Wir erleben heute auch, dass weltweit Diktaturen, autoritäre Systeme immer stärker werden, und dass Menschen, die sich dort für die Presse- und Meinungsfreiheit und für die Menschenrechte engagieren, unter Druck geraten. Daher haben wir die gleiche Verantwortung diesen Menschen gegenüber, wie es unsere Nachbarländer für die Flüchtlinge aus Deutschland in den 30er-Jahren übernommen haben. Darauf sollten wir uns besinnen und hier einen sicheren Ort bieten.

Wir haben es in den vergangenen Jahren weltweit mit Fluchtbewegungen ohnegleichen zu tun. Gleichzeitig haben wir es seit über einem Jahr mit der Corona-Pandemie zu tun, die weltweit gebietet, zu Hause zu bleiben. Wie verändert das die Exil-Bewegungen?

Tetzlaff: Das ist vielleicht eine noch belastendere Situation für die Menschen, die hierher ins Exil geflüchtet sind, weil sie erst mal hier überhaupt einen Einstieg brauchten: Sprachkenntnisse, Kontakte, Berufseinstiege. Und das ist jetzt abrupt unterbrochen, weil wir alle gezwungen sind, zu Hause zu bleiben und unsere Kontakte zu reduzieren. Das trifft alle Menschen, und die im Exil besonders.

60 Organisationen haben sich für die "Tage des Exils" zusammengetan und bieten bis zum 7. Mai - digital oder analog - Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerte, Diskussionen, Lesungen und Filme. Wie geht das über die Bühne?

Tetzlaff: Das ist eine große Anstrengung gewesen, zu schauen, wie wir aus diesen 60 Veranstaltungen möglichst viele zugänglich machen können, jetzt, wo man sich das digital zu Hause anschaut. Über die Hälfte der Veranstalter hat es geschafft, dass ihre Veranstaltungen auch online zugänglich sind. Es sind viele Lesungen dabei, aber auch Gespräche: Wie sind die Schriftsteller hier in Deutschland aufgenommen worden? Welche Chancen haben sie bekommen? Werden ihre Texte wahrgenommen? Haben sie ein Publikum?

Aber es sind auch andere Formate entstanden. Ganz spannend finde ich eine Produktion in Hamburg auf Kampnagel. Die beiden Frauen aus dem Sudan machen ihre Performance "My body belongs to me" nun online, schicken den Leuten ein kleines Kaffeepaket nach Hause und machen eine Art Kaffeezeremonie. Man kann man sich anhören, was diese Frauen zu berichten haben, und kann hinterher mit ihnen in Kontakt kommen.

Über diese digitale Möglichkeit können auch viel mehr Menschen teilnehmen. Man ist nicht mehr an diesen Veranstaltungsort gebunden, sondern es können sich Menschen aus ganz anderen Städten zuschalten, die Interesse haben.

Das Gespräch führe Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.04.2021 | 18:00 Uhr