Stand: 11.08.2020 18:40 Uhr

Welttag der Jugend

von Lenore Lötsch

"Die Party ist vorbei!" Das stand kürzlich über einem Zeitungsbericht, in dem es um die Sinus Jugendstudie ging. In dieser wurde die Lebenswelt der 14- bis 17-Jährigen untersucht und das Fazit in diesem Jahr hieß: "Fast scheint es, als sei der Jugend der Spaß abhandengekommen!". Heute ist der Internationale Tag der Jugend. Das Statistische Bundesamt hat nachgezählt und ermittelt: 8,5 Millionen junge Menschen leben in Deutschland. Das sind 10,3 % der Gesamtbevölkerung. Fünf davon hat NDR Kultur in Rostock getroffen.

Jugendliche Backpacker unterwegs.  Foto: Patrick Seeger
Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Ausland? Viele Jugendliche fragen sich, ob das in Zeiten von Corona überhaupt noch möglich ist.

Kolja, Lea, Jette und Clara stürzen sich auf kleine Melonenstücke, in denen europäische Flaggen stecken. Sie sind 17, ihr 12. Schuljahr hat gerade begonnen und in die Reisepläne für ihre Entdeckung der Welt mischen sich finanzielle Unsicherheit und die Sorge um die Corona-Fallstatistik. Lea zum Beispiel wollte nach dem Abitur zu einem Freiwilligen Ökologischen Jahr nach Neuseeland aufbrechen: "Aber das ist zu teuer für meine Familie. Deswegen ist Schottland gerade die Idee. In England sind die Fallzahlen gerade relativ hoch im Vergleich zu Europa. Ob wir noch eine neue Coronawelle kriegen und ob das dann wieder alles zugemacht wird. Ob das dann überhaupt noch geht?"

Generation Z und Corona

Sie gehören zur Generation Z und haben ein bisschen Angst, dass Z nun für "Zuhausebleiber" stehen wird. Die offenen Türen, die großen Pläne sind ein Traum von gestern auch für Leonie, die eigentlich nach dem Abitur nach Schweden wollte, um an einer kleinen Schule pädagogische Erfahrungen zu sammeln. "Bei denen, die jetzt in vier Wochen zum Anfang September los wollen, weiß man ja nicht, ob die losdürfen," erzählt sie. "Bei uns ist es genau das gleiche: Wir wissen es noch weniger, ob es überhaupt Sinn macht, sich für's Ausland zu bewerben oder ob man sich lieber hier in Rostock was sucht, was man sicher hat? Ja, so sicher stehen einem einige Türen nicht mehr offen."

"Wir befinden uns in einer Bubble."

Die Verunsicherung unter den Jugendlichen ist groß, und die Suche nach Stabilität auch. Leonie, die fotografiert, und Lea, die malt, wollen dann doch lieber etwas Handfestes studieren. Kaum einer aus ihrem Bekanntenkreis weiß wirklich, was er nach der Schule machen soll, erzählt Jette. "Man macht sich jetzt irgendwie doch mehr Gedanken um die Zukunft und sagt sich: 'Oh, mein Blick war ganz schön beschränkt und jetzt kommt diese Krise und jetzt muss ich mir Gedanken machen was passiert, wenn so was los ist.' Ich brauche etwas Sicheres, aber man will sich auch nicht einsperren und irgendwas machen, was einen am Ende nicht mehr erfüllt."

Ihre Geschichtslehrerin hat ihnen kürzlich gesagt, dass ihr Jahrgang irgendwann in einem Lehrbuch auftauchen wird: Als die Schülergeneration, die Monate lang keinen Präsenzunterricht hatte, auf sich allein gestellt war und sich teilte: in die einen, die 24/7 Netflix Chill zu ihrem Lebensmotto machten, und die anderen, die sich um die Erledigung der Aufgaben kümmerten und dabei mitunter verzweifelten oder ihren eigenen Arbeitsstil entwickelten und selbständiger wurden. Doch Clara treibt die Frage um, ob die Wissenslücken in einem knappen Jahr noch irgendwen interessieren.

Unsichere Zukunft

"Natürlich sind sich alle Leute bewusst, dass das ganz schön Einbußen gegeben hat, in dem was wir gelernt haben," stellt sie fest. "Und deswegen habe ich natürlich Angst, dass sich das Ministerium denkt, 'Ja ihr konntet ja von zu Hause arbeiten. Warum sollten wir beispielsweise die Prüfung weniger intensiv machen?'"

Eine Jugendliche trägt einen Mund-Nasen-Schutz. © picture alliance
Ihr Jahrgang wird irgendwann in den Lehrbüchern auftauchen: als Schülergeneration, die u.a. "24/7 Netflix Chill" zu ihrem Lebensmotto machte.

In der aktuellen Sinus-Jugendstudie steht der Befund: Die junge Generation ist ernster und besorgter geworden. Den jungen Rostockerinnen fallen noch andere Adjektive ein: "Kritisch, aufmüpfig und politisch. Ich hab manchmal das Gefühl, dass wütend auch ganz gut passt, wenn man mit irgendeiner Meinung nicht übereinstimmt. Dass man das Gefühl hat, es kocht in einem: Warum bist Du nicht der gleichen Meinung? Warum verstehst Du nicht, welche Argumente ich hier hervorbringe? Weshalb haben die für mich nicht die gleiche Wertigkeit wie für mich? Ich finde eher, das größte Problem ist, dass diese Gruppenbildung noch mehr verstärkt wird. Dass man in einer Bubble ist. Dass man nur seine eigene Meinung bestätigt, was - glaube ich - nicht nur auf Teenager zutrifft."

"Die Nähe fehlt."

Konträr, gespalten, hinterfragend - immer mehr Adjektive fallen ihnen ein. Ihr Koordinatensystem hat sich in den letzten fünf Monaten verschoben. Sie hoffen darauf, dass die große Freiheit irgendwann wieder zurück kommt. So wie die Umarmungen, die Demos und die Parties: "Das fehlt schon! Also nicht der Alkohol oder das Tanzen und das Feiern, sondern viel mehr diese Nähe. Dass man sich mit Leuten umgibt und nicht immer nur an ernste Dinge denkt, wenn man schon die ganzen Nachhaltigkeitsgedanken und Corona-Sachen im Kopf hat."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.08.2020 | 06:20 Uhr

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