Szenenbild aus dem Film "A Sun": Samantha Ko Shu-Chin, Apple Wu und Chen Yi-wen stehen und sitzen in einer Küche und blicken sich an. © picture alliance / Everett Collection | ©Netflix/Courtesy Everett Collection

Streaming-Tipps: Drei Kandidaten für den Auslands-Oscar

Stand: 16.02.2021 19:50 Uhr

"Los sonámbulos", "A Sun" und "Beginning" - das sind Argentiniens, Taiwans und Georgiens Kandidaten für den Auslands-Oscar. Ein Blick in ganz andere Geschichten, als sie Hollywood bereithält.

Podcast NDR Kultur Neue Filme Mediathekbild © f1online
Beitrag anhören 4 Min

von Hartwig Tegeler

Die 93. Verleihung der Oscars 2021 wird nicht wie üblich in diesem Februar, sondern voraussichtlich am 25. April dieses Jahres stattfinden. Mit Betonung auf "voraussichtlich". Der Grund, natürlich: die Pandemie.

Ob nun im April oder gar noch später, in jedem Fall werden dann auch fünf nominierte Filme in der Kategorie "Bester Internationaler Film" zum Wettbewerb antreten. Drei dieser Filme sind für uns bereits zu sehen - Corona-adäquat natürlich im Stream.

"Los Sonámbulos": Eine Familie in selbstverordneter Blindheit

In Paula Hernandez' Film "Los Sonámbulos" ("Die Schlafwandler") verbringt die Hauptfigur Luisa ihre Neujahrsfeier mit der Familie in einem Landhaus in der Provinz. Die argentinische Januar-Hitze wirkt wie ein Brandbeschleuniger für die Familiengeheimnisse und unbefriedigten Bedürfnisse: "Ich hasse mich, wenn ich mit dir zusammen bin!", brüllt Luisa einmal ihren Mann an.

In der ersten Szene von "Los Sonámbulos" - jetzt auf dem Arthouse-Streaming-Dienst "filmingo" zu sehen - schlafwandelt die 14-jährige Tochter Ana. Für Paula Hernández wird das Schlafwandeln zur Metapher für die selbstverordnete Blindheit dieser Familie, bei der man mit jedem kleinen Streit immer mehr den Eindruck bekommt, als sei eine Bombe vorm Explodieren. Was dann geschieht, als Luisas Neffen die Triebe durchgehen. Ergo: "Los Sonámbulos" ist sehr überzeugend in seiner subtilen Nähe zu den Figuren und zum psychologischen Horrorfilm.

"A Sun": Melodram über extreme Gefühle

Ein anderer Familienfilm: vom ländlichen Argentinien nach Taipeh, der Hauptstadt von Taiwan. Auch hier gerät eine dysfunktionale Familie aus den Fugen. In Chung Mong-hongs Melodram "A Sun" ("Eine Sonne") kommt der eine Sohn in den Knast. Der Ältere bringt sich um. Vater A-Wen und Mutter Quin erleben also Schicksalsschlag um Schicksalsschlag. Als der Sohn aus dem Gefängnis kommt, wird er von einem alten Kumpanen zum Drogenschmuggel gezwungen. Dann tut der Vater, der scheinbar lange aufgegeben hatte, etwas, das die Familie rettet. Doch das um einen sehr hohen Preis.

"A Sun" - zu sehen auf Netflix - ist ein Melodram über extreme Gefühle: Trauer, Verzweiflung, vor allem aber das Abtauchen in den Modus eines verzweifelten und rücksichtslosen Weiterlebens. Filmemacher Chung Mong-hong bewertet das nicht, zeigt das nur mit brutaler Präzision. In der Intensität, die er dabei entwickelt, kann sich "A Sun" mit dem georgischen Auslands-Oscar-Kandidaten "Beginning" die Hand reichen.

"Beginning": Ästhetisch faszinierend - und verstörend

Am Anfang von Dea Kulumbegashvillis Film brennt das Gebetshaus der "Zeugen Jehovas". Ein Anschlag. Yuna, Frau des Gemeindevorstehers, bezweifelt, dass die Polizei in dieser georgischen Bergregion das Verbrechen aufklären wird. Yunas Mann ist verärgert über die Lethargie seiner Frau. Ihr Kommentar: "Mit mir stimmt etwas nicht. Es ist, als würde ich darauf warten, dass etwas beginnt oder zu Ende geht". Das ist die Grundstimmung dieser Geschichte. Dea Kulumbegashvili erzählt mit einer fast bewegungslosen Kamera im klassischen 4:3-Film-Format, welches visuell die Entsprechung zur Enge von Yunas Welt ist.

Die Gewalterfahrung geht weiter; ein angeblicher Polizist missbraucht die Frau. Aber Yuna wird von Dea Kulumbegashvili nicht nur als Opfer dargestellt. Am Anfang ihres Films geht es um Abraham, der Gott seinen einzigen Sohn opfern will, aber Gott will das Opfer nicht. Was aber, wenn Yuna bereit ist, ihrerseits alles zu opfern, damit Gott ihren Wunsch nach Rache erfüllt? Und was, wenn Gott nicht schweigt? "Beginning" - jetzt auf der Streaming-Plattform MUBI zu sehen - ist in seiner ästhetischen Radikalität faszinierend, aber auch verstörend. Ein Film, dem man noch lange innerlich nachschaut.

Weitere Informationen
Tom Hanks und Helena Zengel sitzen im Netflix-Film "Neues aus der Welt" auf einem Kutschbock © picture alliance / Everett Collection | ©Universal/Courtesy Everett Collection

Western-Drama mit Tom Hanks und Helena Zengel

Helena Zengels Auftritt in "Systemsprenger" begeisterte viele. Nun spielt sie an der Seite von Tom Hanks in "Neues aus der Welt". mehr

Filmszene aus "Malcolm & Marie" © icture alliance / Everett Collection | ©Netflix/Courtesy Everett Collection Foto: Netflix/Courtesy Everett Collection

"Malcolm & Marie": Gestyltes Beziehungsdrama ohne Spannung

Zendaya und John David Washington in Sam Levinsons Netflix-Produktion werden als Oscar-Kandidaten gehandelt. Zu Recht? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.02.2021 | 06:40 Uhr