Stand: 30.11.2018 17:46 Uhr

Störungen im Betriebsablauf

von Martin Tschechne

Pendler und Urlaubsreisende in Deutschland sind in diesem Jahr reichlich Kummer gewohnt. Verspätungen bei der Deutschen Bahn sind an der Tagesordnung; unter anderem streikende Piloten sorgten dafür, dass Flugzeuge am Boden bleiben; und auf vielen Autobahnen reihen sich Lkw an Lkw, sodass Staus in Zahl und Länge zunehmen. Droht unserem Verkehrssystem der Kollaps? Und wie gehen wir Reisenden mit den Engpässen in unserer Infrastruktur um - können wir Pannen, Unpünktlichkeit, Wartezeiten überhaupt noch aushalten?

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Autor Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg.

Ein Böschungsbrand, eine gerissene Oberleitung, eine Geiselnahme im Hauptbahnhof von Köln. Bei Montabaur ein brennender Schnellzug - vermutlich lag es an einem durchgeschmorten Trafo; die Strecke blieb zwei Monate lang gesperrt. Eine Protestaktion gegen die Abschiebung von Zuwanderern über den Flughafen Düsseldorf - die Folge, wie beabsichtigt: Chaos, Verzweiflung, Wutausbrüche. Es geht um Mobilität, um Transportwege und Lieferketten, um die verzehrende Lust am Reisen und den leidigen Zwang für immer mehr Menschen, zwischen dem Arbeitsplatz und dem Wohnort, vielleicht der Familie zu pendeln. Und um die Frage, ob und wie solche hoch komplexen und damit hoch störungsanfälligen Systeme zu schützen und zu bewahren sind. Und wie zu revidieren, wenn der Fortschritt mal ein ganz neues Kapitel aufschlägt.

An der Grenze zur Überforderung

"Störungen im Betriebsablauf", wie es in schönstem Bahn-Deutsch heißt, gehören zum Alltag des Unterwegsseins: ein mürbe gefahrenes Schienenbett, das keine hohen Geschwindigkeiten mehr duldet. Eine Baustelle, eine blockierte Weiche, unerklärlich anwachsende Verspätungen, verpasste Anschlusszüge - das alles ist banal, aber lästig. Merkmale eines Betriebes an der Grenze zur Überforderung. Selbst die Schnellfahrstrecke VDE 8, das große Prestigeprojekt der deutschen Einheit, mit dem die Bahn das gestiegene Bedürfnis nach innerdeutschen Begegnungen auf der Strecke von Berlin nach München befriedigen, vielleicht noch anstacheln und dabei wertvolle Minuten einsparen will - es wurde lange vor seiner Fertigstellung zum Gegenstand von Spott und Streit: Die Route sei schlecht gewählt, so klagten Bürgerinitiativen, Verkehrsplaner und sogar das Umweltbundesamt, die Kosten absurd überhöht und das Ganze mit bislang 26 Jahren Entwicklungszeit doch eher ein Dokument der Langsamkeit.

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Wer im Jahr 2018 mit der Bahn unterwegs ist - oder mit dem Auto oder mit dem Flugzeug - der hat was zu erzählen. 700 Menschen, stundenlang auf freier Strecke in einem ICE gefangen, kein Licht, kein Strom; vom Zugpersonal nur die üblichen Phrasen. Anderthalb Millionen Kilometer Stau - zusammengerechnet - auf deutschen Autobahnen; zu Pfingsten blockiert ein brennender Reisebus den Schweizer San Bernardino-Tunnel - der Rekord: 28 Kilometer Stillstand tief unten in den mahlenden Felsschichten des Gebirges. Nicht angenehm. Im Frankfurter Flughafen Reisende, die zur Tagesschau immer noch in der Warteschlange stehen, aus der sie zu Mittag noch halbwegs zuversichtlich in die Kameras gewinkt hatten. Der Flugverkehr wegen eines Unwetters komplett eingestellt - und damit praktisch eine Wiederholung dessen, was nur wenige Tage zuvor geschehen war, als nämlich ein falscher Alarm in der Sicherheitskontrolle den gesamten Flughafen lahmgelegt hatte. Und jedes Mal, nach dem Muster der stürzenden Dominosteine, zog eine Störung weitere nach sich.

Man traf sich wieder - jedenfalls viele von denen, deren Reiseziel irgendwo im Norden lag - im Hauptbahnhof von Fulda. Kurz vor Mitternacht, die Halle gestopft voll ratloser Fahrgäste aus mehreren gestrandeten ICE-Zügen. Jeweils doppelt belegt und hoffnungslos überfüllt, weil in Frankfurt so viele zugestiegen waren, die eigentlich einen Flug gebucht und dann vor leeren Anzeigentafeln gestanden hatten. Nichts ging mehr. Und in diesem nächtlichen Bahnhof: alle Schalter geschlossen, kein einziger Mitarbeiter der Bahn, der Auskunft geben, Ersatzzüge vermitteln oder auch nur ein paar Flaschen Mineralwasser hätte verteilen können. Schließlich, in den frühen Morgenstunden, die letzten zwei- oder dreihundert Kilometer in einem Pulk von Taxis, selbst organisiert und dann doch, ganz unerwartet, von der Bahn bezahlt. Manches hat in der Zeitung gestanden, manches ist selbst erlebt, und wohl jeder, der in diesem chaotischen Reisejahr sein Haus verlassen hat, kann ähnliche Geschichten erzählen. Was also ist passiert?

Marode Infrastruktur

Die Infrastruktur in Deutschland ist in die Jahre gekommen. Auf den Straßen tun sich Schlaglöcher auf. Alt gewordene Züge und Flugzeuge verbringen immer längere Zeit zur Wartung in der Montagehalle. Und wie es unter den Brücken aussieht, möchte man lieber gar nicht wissen. Denn Beton ist ein tückisches Material: Es lädt ein zu kühnsten Bögen in die Zukunft, ist jahrelang stabil und nach Augenschein unkaputtbar - und plötzlich kommt alles auf einmal.

So wie in Genua. Als dort im August die Talbrücke der viel befahrenen A 10 einstürzte, mitten in dicht besiedeltem Stadtgebiet, ohne jede Vorwarnung, 43 Tote - da handelte die Politik schnell. Und weil an den Tatsachen des Unglücks schon nichts mehr zu ändern war, kümmerte sie sich zumindest mal darum, schnellstens Schuldige zu finden: Lag es an der Leichtfertigkeit, das Straßennetz in private Hände gegeben zu haben - die der Familie Benetton etwa, die an der Betreibergesellschaft für die mautpflichtigen Autobahnen beteiligt ist? Oder war am Ende die Europäische Union verantwortlich, die das Land in den Augen der rechtspopulistischen Regierung mit ihren strengen Haushaltsregeln zu strangulieren droht? Der Betonstaub über dem Polcevera-Viadukt hatte sich kaum gelegt, da flogen schon die Fetzen auf dem politischen Parkett. Ein unwürdiges Spiel. Fest steht, dass in ganz Europa tausende Brücken und Tunnel marode und dringend reparaturbedürftig sind. Wenn sie nicht ebenfalls eines Tages ohne jedes Warnzeichen zusammenbrechen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 02.12.2018 | 19:00 Uhr

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