Stand: 26.06.2020 13:24 Uhr  - NDR Kultur

Steckt unser Zusammenhalt in der Krise?

von Paul Nolte

In der Bewältigung der Corona-Krise ist viel vom gesellschaftlichen Zusammenhalt die Rede, vom Geist der Gemeinschaft, an dem wir unser Verhalten orientieren sollen. Und - es funktioniert, jedenfalls in Deutschland, wo die Akzeptanz der staatlichen Maßnahmen ebenso groß ist wie die Bereitschaft zur Rücksichtnahme im alltäglichen Verhalten. Wie ist das möglich? Hörten wir in den vergangenen Jahren nicht ständig Klagen über den Verlust von Gemeinsinn und Zusammenhalt? Solche Diagnosen waren offenbar falsch. Die Corona-Pandemie zeigt sogar: In einer freien Gesellschaft muss es Gemeinschaftsgeist geben - aber auch die Fähigkeit, Konflikt und Verschiedenheit auszuhalten.

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Der Historiker und Autor Paul Nolte ist Professor an der Freien Universität Berlin.

Seit einigen Jahren klingt ein sorgenvoller Ruf immer lauter durch die öffentlichen Debatten in Deutschland: Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist in Gefahr! Was damit genau gemeint ist, lässt sich gar nicht so leicht bestimmen. Es fallen Stichworte wie ein rauerer Umgangston, nicht zuletzt in den sozialen Medien; das Wiedererwachen von Antisemitismus und die Aufkündigung eines Konsenses über die Nazi-Herrschaft als Verbrechensherrschaft; wachsende soziale Ungleichheit und überhaupt ein gesteigerter Egoismus und der Verlust von Gemeinsinn. Erst vor wenigen Wochen nahm ein von der Bundesregierung gefördertes "Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt" an mehreren Standorten in der Republik seine Arbeit auf. Die Angst vor einem Zerbröseln des sozialen Kitts in der Bevölkerung wird längst auch politisch ernst genommen, als eine mögliche Gefährdung der Demokratie.

Deutschland: Weit entfernt von einer Polarisierung

Symbolbild zur gesellschaftlich zunehmenden Solidarität © imago images/ Ralph Peters

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in der Krise?

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

In Zeiten von Corona wird viel über Gemeinschaftsgeist und gesellschaftliche Verantwortung gesprochen. Paul Nolte über Zusammenhalt und Konflikt.

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Schon bevor die Corona-Pandemie vieles veränderte, konnte man Zweifel haben, wie viel Substanz diese Verfallsdiagnose eigentlich hat. Deutschland ist, gerade auch im internationalen Vergleich, ein konsensorientiertes Land, weit entfernt von der politischen und kulturellen Polarisierung anderer europäischer Länder wie unseres Nachbarn Polen. Erst recht weit entfernt von dem Hass und der Verachtung, mit dem sich zwei etwa gleich große Lager in Donald Trumps Amerika unversöhnlich gegenüberstehen. Die Bundesrepublik hat, nicht zuletzt seit dem Flüchtlingssommer von 2015, bemerkenswerte Integrationsleistungen vollbracht. Seit der Wiedervereinigung ist unsere Gesellschaft vielfältiger geworden, und die Anerkennung alternativer Lebensformen ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern in der Bevölkerung geradezu schubartig gewachsen. Hat es dabei geknirscht, gab es Konflikte, sogar Widerstände? Keine Frage, das gehört in einer offenen Gesellschaft dazu, zumal in einer, die sich dynamisch verändert. Oder will die Sorge um den Verlust des sozialen Zusammenhalts nahelegen, wir sollten alle derselben Meinung sein?

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Dann kam ein Virus, eine Pandemie, der Lockdown: ein Stresstest für die ganze Welt. Wenn es irgendwo bereits vorher schlecht bestellt war um den sozialen Zusammenhalt, dann musste es sich unter dieser Belastung zeigen. Und tatsächlich: In den USA reißen manche der letzten Fäden, die das Land noch im Innern zusammenhielten. Die Gräben werden tiefer; alte Konflikte brechen heftig und auch gewaltsam auf, wie in den Protesten nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis. In Deutschland ist eher das Gegenteil der Fall: Corona hat die Gesellschaft zusammengeschweißt. Gewiss, die Menschen folgen, ob sie es wollen oder nicht, den politischen und behördlichen Vorgaben. Aber in geradezu verblüffender Weise begreifen die weitaus meisten Menschen die Situation nicht als Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, sondern als Herausforderung an die gesellschaftliche Solidarität, die beim eigenen Verhalten anfängt. Nicht um mich geht es, sondern um den Schutz der Anderen, der größeren Gemeinschaft. Die Jüngeren verzichten auf etwas, damit Risikogruppen wie die Älteren nicht mehr als nötig gefährdet werden. Das "Social Distancing" bedeutet gar keine soziale Distanzierung, sondern häufig geradezu ein neues Bewusstsein vom Respekt gegenüber dem Anderen, einschließlich der auch ohne Pandemie gewiss nicht schädlichen Regel, jemandem nicht näher zu kommen, als der andere das möchte. Und politisch haben bislang nicht die Populisten von der Krise profitiert, sondern das breite Lager der demokratischen Mitte.

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Aber die Krise hat doch alte soziale Spannungen hervortreten lassen und möglicherweise neue Verwerfungen erzeugt? Das ist unbestreitbar. Wir erleben heftige Debatten, ob Sonderregeln für ältere Menschen vertretbar sind und waren uns schnell einig: nein! Frauen tragen, besonders als Mütter, häufig eine doppelte Last, wenn "Home-Office" und "Homeschooling" sich in die Quere kommen. Es scheint, als sei das Rad der Gleichstellung wieder um zwei Jahrzehnte zurückgedreht. Und nicht zuletzt: Die Wagenburg-Mentalität endet manchmal an den nationalen Grenzen und droht diejenigen zu vergessen, die in prekären Übergangsräumen wie den griechischen Flüchtlingslagern noch größere Not als zuvor leiden. Aber bei diesen und ähnlichen Fragen war der kritische Diskurs sofort zur Stelle, legte den Finger in die Wunde und mahnte zu Solidarität und Gerechtigkeit.

Warum sorgen wir uns um unseren Zusammenhalt?

Wenn der gesellschaftliche Zusammenhalt hierzulande also gar nicht in akuter Gefahr ist, warum reden wir dann dauernd davon? Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung für Baden-Württemberg bescheinigte kürzlich zumindest den Menschen im Südwesten, der soziale Zusammenhalt sei "stark und stabil", ja sogar in den vergangenen Jahren gewachsen. Glaubt jemand, das sei im Norden der Republik anders? Gewiss ist die Sorge um den sozialen Kitt prinzipiell berechtigt, denn die tiefe innere Zerrissenheit anderer Länder, die noch weit über US-amerikanische Verhältnisse hinaus bis in den Bürgerkrieg führen kann, gilt es schon im Ansatz zu vermeiden. Aber Erklärungen für unsere deutsche Fixierung auf diese Frage müssen woanders liegen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 28.06.2020 | 19:05 Uhr

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