Stand: 10.01.2020 14:11 Uhr  - NDR Kultur

Iran-Krise: Kulturstätten in Gefahr?

Die Welt ist in besorgter Unruhe seit der gezielten Tötung des iranischen Generals Soleimani durch US-Raketen. Trump droht mit Angriffen, sollte der Iran mit Vergeltung reagieren. Auch kulturell bedeutende Orte sollten das Ziel sein. Eine Angriffsdrohung, die international große Kritik ausgelöst hatte. Trump hörte sie, und ruderte zurück. Aber: Es bleibt das alarmierende Gefühl. Die Journalistin Sonja Zekri hat einen großen Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" über die Eskalation zwischen USA und Iran und die Angst um die dort bedrohten Kulturgüter geschrieben.

Frau Zekri, wie legitim ist es überhaupt, mit der Drohung zu operieren, kulturell bedeutsame Orte anzugreifen?

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"Die Zerstörung von Kulturgütern im Krieg ist ein klares Kriegsverbrechen", sagt die Journalistin Sonja Zekri.

Sonja Zekri: Über die Drohung selber kann man noch nicht viel sagen, aber die Zerstörung von Kulturgütern im Krieg ist ein klares Kriegsverbrechen, und das weiß Donald Trump natürlich auch. Insofern kann er drohen - aber die Reaktionen haben gezeigt, dass sich alle dieser Tragweite bewusst sind.

Wenn Donald Trump von wichtigen iranischen Kulturstätten spricht, welche sind das Ihrer Meinung nach?

Zekri: Das hat er ja nicht gesagt. Aber man muss dazusagen, dass Iran eine Nation oder auch eine Kultur mit vieltausendjähriger Geschichte ist - das reicht zurück bis in die Bronzezeit. Es stehen allein 24 Stätten auf der Liste der UNESCO-Welterbestätten - interessanterweise so viele, wie auch die Vereinigten Staaten bei der UNESCO gelistet haben. Dazu gehören die historische Altstadt von Isfahan, der große Platz mit den bedeutenden Moscheen, der Golestanpalast, ein reich dekorierter Palast in Teheran, der auf eine ganz interessante Weise diesen Dialog zwischen europäischer und persischer Baukunst zeigt. Archäologische Stätten wie Tacht-e Suleiman, wo ein zoroastrischer Tempel ist, Persepolis, die Achämeniden-Metropole, die einst Alexander zerstört hat. Es gibt also einerseits die UNESCO-Welterbestätten, aber es gibt darüberhinaus auch Stätten, die für die Iraner von besonderer Bedeutung sind, obwohl sie nicht auf der Liste stehen.

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Zekri: Iran hat ja sofort gesagt, nachdem Trump diese Drohung ausgestoßen hat, es habe immer wieder Versuche gegeben, die Kulturgüter im Iran zu zerstören - und trotzdem würde man immer noch aufrecht stehen. Der Widerstandsgeist dürfte also gestärkt werden. Aber in dem Moment, wo im Zuge von Kriegen Stätten zerstört werden, ist der Verlust für die Menschheit und für die Kultur tragisch. Man wird Persepolis, wenn es beschädigt würde, nicht einfach so wieder aufbauen können. Und das ist etwas, was weit über den Iran hinaus von großer Bedeutung ist, auch wenn das eine große Welle der Solidarität für Iran hervorrufen wird und auch schon hervorgerufen hat.

Das Volk ist ja gespalten: Auf der einen Seite die Anhänger des Regimes - auf der anderen Menschen, die sehr unzufrieden sind, sich ärgern über schlechte wirtschaftliche Lebensbedingungen, über Korruption. Wenn nun Orte kultureller, religiöser Identifikation bedroht werden, kann das dann nicht auch innerhalb des Iran zu Prozessen allgemeiner Solidarität führen? Die gemeinsame Angst vor der Bedrohung würde dann die inneren Differenzen herunterdimmen. Wie sehen Sie das?

Zekri: Man sieht, dass das jetzt schon passiert. Selbst diejenigen Iraner, die gegen die Theokratie, gegen die Mullahs, gegen das Regime sind und auch protestiert haben, reagieren einmütig, wenn es darum geht, dass ausgerechnet Amerika ihre Kulturgüter bedroht oder im schlimmsten Falle auch angreifen könnte. Von diesem Solidarisierungseffekt profitieren am Ende die Mullahs. Der Iran ist eine persische, schiitisch geprägte Nation in einer Region, die sehr stark sunnitisch, arabisch geprägt ist. Es ist das Land der Islamischen Revolution. Da ist also ohnehin ein Bewusstsein, eine Außenseiterstellung oder eine Exzeptionalität. Und das drückt sich natürlich immer auch mit Rückgriff auf die Kultur aus. Es gibt sie weltweit nur ein Persepolis, nur ein Isfahan - und dieser Einzigartigkeit sind sich die Iraner sehr bewusst.

Die Bemühungen, Artefakte und antike Stätten in der von Krisen geschüttelten Region zu schützen, sind ja nicht neu - gerade nach den Zerstörungen durch den Islamischen Staat in Syrien, im Irak; die Vernichtungen antiker Schätze in Palmyra, der Handel mit Raubgut. Ist man da jetzt vorgewarnt und noch eine Spur vorsichtiger geworden?

Zekri: Das Pentagon ist schon glaubwürdig, wenn sie sagen, sie werden keine Kulturgüter zerstören. Welcher Pilot eines Kampffliegers findet sich, um freiwillig Persepolis zu bombardieren? Das ist ein Kriegsverbrechen, und das mit Ansage. Das kann man sich schlecht vorstellen. Was aber dennoch bleibt, ist, dass Trump sich mit dieser Drohung - und sei sie auch unbedacht, nur vorübergehend und inzwischen zurückgezogen - auf das Niveau des kulturellen Nihilismus des Islamischen Staates begeben hat. Das ist umso erstaunlicher und macht einen auch fassungslos, weil Amerika das Land gewesen ist, was über viele Jahrzehnte glaubhaft gemacht hat, dass es sich für den Kulturgutschutz einsetzt. Es hat im Krieg die Monuments Men nach Europa geschickt, um Kulturgüter zu schützen und hat mit Iran auch Verträge über den Schutz von Kulturgut. Und jetzt soll ausgerechnet Amerika die Seiten gewechselt haben - und sei es auch nur theoretisch. Die Amerikaner, die Museumsdirektoren, die Kunstexperten sind fassungslos und fragen sich: "Sind wir jetzt die Barbaren?" Und davon muss sich Amerika erstmal erholen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.01.2020 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Sonja-Zekri-ueber-Iran-Konflikt,journal2264.html

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