Stand: 25.01.2017 09:33 Uhr

"Transparenz ist das Gebot der Stunde"

Eine Untersuchung des Bayerischen Rundfunks zeigt, dass sich immer mehr Menschen wegen der fast ausschließlich schlechten Nachrichten in den Traditions-Medien überfordert fühlen und deshalb von den Medien Abstand nehmen. Das könnte man als Vogel-Strauß-Politik bezeichnen. Da formiert sich nun vor allem in Skandinavien eine Journalisten-Bewegung, die nennt sich "konstruktiver Journalismus" oder auf englisch "constructive journalism", der auch positive Lösungsansätze aufzeigen will und dem gängigen negativen Klischee entgegensetzen möchte. Darüber spricht NDR Kultur mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen.

Kann konstruktiver Journalismus eigentlich wirklich eine Kernaufgabe des Journalismus sein?

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Bernhard Pörksen ist der Direktor des Instituts für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

Bernhard Pörksen: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt ja diesen Grundsatz von Rudolf Augstein, "Sage, was ist" - das ist das Zentralprinzip des Journalismus. Also nicht Beschönigung, nicht Aufhellung um ihrer selbst willen, nicht Wohlfühl-Journalismus einfach aus Gründen der Gefallsucht, sondern möglichst genaue Beschreibung dessen, was man als Wirklichkeit sieht. Das heißt, weder abzustürzen in einen haltlosen Negativismus, weil man sieht, dass der verkauft. Das bedeutet aber auch nicht, gewissermaßen das gegenläufige Extrem zu wählen und eine Art Zweckoptimismus zu verbreiten und einen Hurra-Journalismus einfach nur um seiner selbst willen zu praktizieren.

Aber wenn Sie sagen "die Realität darstellen", dann ist die Realität doch an vielen Orten sehr viel positiver als sie in den Medien dargestellt wird. In der Tat wird ja viel von Katastrophen, von Kriegen und Auseinandersetzungen berichtet, es gibt aber natürlich auch landauf, landab sehr positive Beispiele. Wird darüber womöglich zu wenig berichtet, weil wir wissen, "Bad news are good news", also, schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute?

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"Alltag ist nicht nachrichtenfähig"

Pörksen: In der Tat, das stimmt natürlich. Aufmerksamkeit gewinnt man vor allem durch dramatische, emotional aufwühlende Ereignisse und Geschichten. Daher sind Berichte über Kriege, über Krisen, über Konflikte und Katastrophen so dominant. Und daher gibt es diese Fixierung auf das Schreckliche, das Abnorme, das Brutale, das zu diesen bekannten Klagen, die Sie erwähnt haben, über den Negativismus als eine Nachrichten-Ideologie geführt hat. Man muss fairerweise eines sagen: Der Alltag selbst, das schlichte Dahinströmen der Normalität ist nicht nachrichtenfähig. Man kann natürlich hier auf die Medien zeigen und sagen, die Medien propagieren diese Negativität als Grundprinzip ihrer Darstellung. Aber ich denke, das ist nicht richtig. Das ist ein Grundprinzip menschlicher Wahrnehmung. Wir sind gleichsam darauf gepolt, uns eher vom Ungewöhnlichen und auch vom Schrecklichen faszinieren zu lassen, so merkwürdig das klingt. Also, all die Versuche nun, "constructive journalism" ins Extrem zu treiben und nur noch Positiv-Nachrichten zu präsentieren, all diese Versuche haben nicht funktioniert. Was es aber braucht, ist ein Aufstören dieser womöglich manchmal ausgeleierten Nachrichten-Routinen und der bloßen Fixierung auf das Negative. Aber nun als systematisches Programm nach dem Motto "Nur noch positiv, nur noch lösungsorientiert", das schiene mir das falsche Rezept, die falsche Vorgehensweise.

Es geht wohl kaum um das "nur noch", sondern um das Ergänzende, denn die Medienwahrnehmung ist offensichtlich die, dass die Medien nur über Schlechtes berichten und viele sich mittlerweile abwenden. Wenn man da also das Positive ergänzt, können wir dann möglicherweise auch für das Negative wieder mehr Aufmerksamkeit schaffen? Also, indem wir ausgewogener berichten?

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Pörksen: Ich bin nicht sicher, ob diese Form der Ausgewogenheit, also die Korrektur des Negativen durch das Positive, das richtige Rezept ist. Ich glaube eher, dass man dem Medienmisstrauen, das momentan kursiert und das in manchen Kreisen zumindest ideologisch radikalisierte Formen angenommen hat, am besten begegnet, indem man als Journalist möglichst transparent ist. Ich denke tatsächlich, heute hat jeder Journalist unvermeidlich eine Art Zweitjob und muss erklären: Wie funktionieren eigentlich die Spielregeln der Nachrichtenauswahl? Was ist eine Quelle? Warum bringen wir dieses, warum zeichnen wir jenes als relevant aus und dieses eben wiederum nicht? Transparenz ist das Gebot der Stunde, weniger das Werben mit dem Positiven. Wenn es vorkommt, wenn es in der Welt ist - unbedingt. Aber nicht gewissermaßen als verkrampftes Programm, nur als Ergänzung, so wie Sie gesagt haben.

Nun hören wir gerade von einem "Krieg mit den Medien", und zwar aus den USA vom neuen US-Präsidenten Donald Trump. Der hat das so wörtlich gesagt und hat dann seine Sprecherin oder Beraterin sagen lassen, die Teilnehmerzahlen bei seiner Inauguration, die da in den Medien kursierten, die seien falsch. Und da werden jetzt "alternative Fakten" dagegen gestellt. Wie bitteschön soll Journalismus damit umgehen?

Pörksen: Nun, indem er sehr klar sagt, worum es hier geht. Das ist ein geradezu lächerlicher Versuch, Presse einzuschüchtern. Das ist ein vordemokratisches Verständnis von Journalismus nach dem Motto "Widerspruch ist schon Majestätsbeleidigung". Das ist ein Höchstmaß an Peinlichkeit für den Start eines amerikanischen Präsidenten, der sich dann wie ein Reality TV-Star vor allem um die guten Quoten sorgt und seinen Pressesprecher darauf festlegt, in einem ersten Akt die versammelte journalistische Mannschaft zu attackieren: "Ihr habt falsch über die Quoten berichtet! Ihr habt falsch darüber berichtet, dass so viele Menschen das gesehen haben!" Was nachweislich so gar nicht stimmt. Die entsprechenden Fotobeweise kursieren. Das ist ein grotesker Versuch der Einschüchterung, der niemals funktionieren wird und der einfach nur zeigt: Diese Hoffnung, Trump würde sich in dem Moment mäßigen, in dem er das Amt übernimmt, war eine Illusion. Der Machtkampf zwischen dem klassischen Journalismus und diesem Präsidenten wird sich verschärfen. Diese Konflikte sind programmiert. Man muss kein Prophet sein, um das vorauszusehen.

Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Wenn die Medien darüber berichten, wie wenige Menschen da waren - wäre es nicht viel konstruktiver darüber zu berichten, wie viele Menschen da waren?

Pörksen: Es geht nicht darum, einem amerikanischen Präsidenten, so sehr er sich auch nach Anerkennung und der fortwährenden Belohnung durch Anerkennung sehnen mag, in irgendeiner Weise durch anders geartete Formulierungen zu gefallen. Das wäre ein Grundmissverständnis der Presse. Demokratie braucht Widerspruch, braucht die unabhängige Gesellschaftsbeobachtung. Und "konstruktiver Journalismus" in diesem Sinne ist aus meiner Sicht ein fehlgeleitetes Ansinnen. Natürlich geht es darum, auch mal eingefahrene Nachrichten-Routinen aufzubrechen und eine allzu dominante Fixierung auf Schreckliches, Abnormes und Brutales zu korrigieren. Aber Journalismus als Stimmungsaufheller? Das kann ich mir beim besten Willen nicht als Kerngeschäft vorstellen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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