Ein leeres Klassenzimmer © picture alliance / Eibner-Pressefoto

Schulschließungen: "Vom Kultusministerium nicht ernst genommen"

Stand: 14.12.2020 18:30 Uhr
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Herr Mounajed, Sie waren nach dem ersten Lockdown und der Wiedereröffnung der Schulen unglücklich: Zu viele Ängste und Sorgen von Schülerinnen und Kollegen wurden an Sie herangetragen. Sie haben kritisiert, dass man bezüglich Prüfungen an einem Durchführungsmodus festgehalten hat. Dann müssten Sie jetzt, kurz vor dem erneuten Schließen der Schulen, erleichtert sein, oder?

René Mounajed: In gewisser Weise ja. Die Zahlen sprechen dafür, dass die Bundesregierung handelt und dass die Landesregierungen handeln. Das finde ich gut. Es war vorher nicht zu vermitteln, warum wir schon im "Lockdown light" Dinge schließen, Möglichkeiten einengen - aber in Schulen alles normal weiterlaufen soll. Schule beginnt ja nicht nur mit dem Unterricht, sondern mit dem Schulweg, mit der Situation in den Bussen. Wir vom Schulleitungsverband haben schon seit Wochen gemahnt, man möge den Schulen freistellen, ob sie ins Szenario B wechseln, also hälftig unterrichten. Da gibt es verschiedene Modelle, die alle klug überlegt sind, aber sie wurden nicht umgesetzt. Es wurde an Bedingungen geknüpft, und den Schulen wurde nicht der Handlungsspielraum gegeben, den sie eigentlich gebraucht hätten.

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Ein volles Klassenzimmer, in dem die Sitzplätze mit Spuckschützen separiert sind. © Johannes Tran Foto: Johannes Tran

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Kurz vor den Ferien überschlagen sich nun die Neuigkeiten. Wir haben am Freitag Informationen vom Kultusministerium bekommen, gestern von Frau Merkel. Wir haben heute lange warten müssen, bis das Kultusministerium zu neuen Ergebnissen kam. Ich fand es schwierig, dass man am Freitag den Stand hatte, dass die Eltern entscheiden sollen. Die Verantwortung, die eigentlich der Kultusminister tragen müsste, wurde auf die Eltern und die Schüler abgewälzt. In den Schulen wurde unterschiedlich damit umgegangen, was Klassenarbeiten anbelangt. Es gibt keine klare Linie, es gibt überall Interpretationsspielraum. Die Schulleitungen müssen klug entscheiden - sie wünschten sich aber mehr Klarheit, mehr Transparenz und rechtzeitige Informationen. Das, was seit Freitag gekommen ist, hat für Chaos gesorgt.

Was sagen Ihre Kolleginnen und Kollegen? Gibt es da Ärger, Wut, Enttäuschung? Fühlen sie sich im Stich gelassen?

Mounajed: Ein Kollege hat mir heute geschrieben: "Bis Donnerstag war alles kriteriengeleitet - halbwegs nachvollziehbar und transparent. Jetzt nehme ich Hektik und Überforderungssymbole wahr und die Angst davor, Verantwortung zu übernehmen und klare Entscheidungen zu treffen. Das geht auf Kosten der Eltern, der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte und am Ende auch der Schulleitungen." Recht hat er. Man merkt das auch an allen Orten. Wenn das Kultusministerium zum Beispiel noch am Freitag schreibt, die Kollegen sollten ihren Präsenzunterricht machen, und zugleich sollten wir uns gut um die Kinder kümmern, was Distanz-Lernen angeht, dann frage ich mich, ob ihnen klar ist, dass die Kollegen mit den Kräften am Ende sind. Die haben in den letzten Wochen alles gegeben und fühlen sich von dem Kultusministerium nicht ernst genommen. Wir kriegen jede Woche Briefe, in denen steht, wie toll wir sind und wie klug wir agieren. Aber langsam steht das nicht mehr im Verhältnis zu dem, was passiert. Die Kollegen nehmen diese Schreiben nicht mehr ernst. Es wäre gut gewesen, wenn man gesagt hätte, dass am Mittwoch die Schulen schließen und es eine Notbetreuung gibt. Jetzt ist es so, dass die Schulen offen bleiben, und wer sein Kind abmelden möchte, kann das gerne tun.

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Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Mounajed: Wir haben klar gesagt: Wir machen dicht! Wir beziehen uns auf Frau Merkel, auf das Robert-Koch-Institut und auf Stephan Weil: Je weniger Leute in der Schule sind, desto besser. Es gibt genug Familien, wo das nicht geht - da sind wir offen für Menschen, die uns brauchen. "Notbetreuung" dürfen wir es nicht mehr nennen - das war dem Kultusministerium ganz wichtig, dass wir es anders nennen.

Wichtig ist, dass wir die digitalen Möglichkeiten nutzen, die wir inzwischen haben. Da ist einiges geschehen seit dem ersten Lockdown - sowohl von Ministeriums- als auch von Schulträgerseite. Wir konnten - das habe ich auch von mehreren Kollegen an weiterführenden Schulen in Hildesheim gehört - Schülerinnen und Schüler, die sich das nicht leisten konnten, mit iPads ausstatten. Unsere Plattformen sind gut aufgestellt- das muss man auch betonen. Aber an den Grundschulen ist das nicht unbedingt immer so klar. Da muss man die Kolleginnen und Kollegen unterstützen.

Können Sie an Weihnachten abschalten?

Mounajed: Ich muss es, weil uns die Situation weiterhin fordern wird. Man muss schauen, dass man bei allem besonnen bleibt. Das erwarten Eltern und Schüler von ihren Lehrkräften, die Lehrkräfte erwarten das von ihren Schulleitungen, und die Schulleitungen erwarten das von ihrem Kultusminister.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Zu sehen ist eine menschenleere Straße während des Corona-Lockdowns im Dezember 2020. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas Foto: Jan Woitas

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.12.2020 | 18:00 Uhr