Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) spricht in einem Interview. © NDR

Schule ohne Maskenpflicht: Kritik von Kultusminister Tonne

Stand: 20.04.2022 19:00 Uhr

Zum Start müssen in Niedersachsen Schülerinnen und Lehrerinnen nicht mehr die Maske tragen. Ein Gespräch dazu mit dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne.

Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) spricht in einem Interview. © NDR
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In Niedersachsen stand der erste Schultag nach den Osterferien unter einem besonderen Vorzeichen. Denn es war der erste Tag, an dem Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer keine Maske mehr auf Mund und Nase setzen mussten - das Mitte März geänderte bundesweite Infektionsschutzgesetz sieht das so vor. Eine Regelung, mit der der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne nicht so glücklich war, denn er bat im Vorfeld des ersten Schultages, freiwillig Maske zu tragen.

Herr Tonne, habe ich Sie in Ihrer Gefühlslage richtig interpretiert?

Grant Hendrik Tonne: Das haben sie völlig richtig interpretiert. Das ist auch kein Geheimnis, dass wir uns etwas mehr Möglichkeiten gewünscht hätten. Gerade in der Zeit nach den Ferien wäre die Maske ein sehr sinnvolles Instrument.

Sie waren den ganzen Tag in Oldenburg unterwegs. Wie sind da die Reaktionen an den Schulen?

Tonne: Die Schulen, Lehrkräfte, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das wirklich bemerkenswert routiniert hinbekommen und die Schülerinnen und Schüler willkommen geheißen. Überall dort, wo man hingeguckt hat, hat man auch Schülerinnen und Schüler gesehen, die mit Lust auf Schule in die Schule zurückgekehrt sind. Das sind wirklich gute und sehr wichtige Signale.

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Durch die neue Regelung wird den Schulen gewissermaßen der Schwarze Peter zugeschoben. Denn wie mir vorhin ein Schulleiter aus Winsen am Telefon sagte, habe man nun keinerlei Handhabe mehr, um notfalls einzugreifen. Wie sehen Sie das?

Tonne: Ich kann es nachvollziehen, denn es geht den Ländern ja genau so. Auch ich habe nicht die Möglichkeit, es anzuordnen - auch nicht in Fällen, in denen beispielsweise vermehrt Infektionen auftreten. Ich hatte mir dort eine klarere Regelung gewünscht, auch im Sinne der Schulen. Auf der anderen Seite habe ich heute auch sehr viele Rückmeldungen gehabt, dass sehr verantwortungsbewusst damit umgegangen worden ist. Insbesondere wenn man sich bewegt hat - auf Fluren und Gängen -, dass dort auch noch Maske aufgesetzt worden ist. Auch das ist ein gutes Signal.

Der Schulleiter aus Winsen hat mir erzählt, dass alle an seiner Schule freiwillig Maske getragen hätten. Unterschätzen Sie vielleicht den psychologischen Booster von Freiwilligkeit, dass man gern freiwillig Maske trägt, um sich und andere zu schützen, aber nur ungern unter Zwang?

Tonne: Ich unterschätze auf gar keinen Fall die Freiwilligkeit. Wir sind gut beraten, die Vernunft und die Solidarität der jungen Generation nicht zu unterschätzen. Denen ist sehr klar, was ihr Beitrag sein kann. Und ich finde, den leisten sie seit langer Zeit hoch solidarisch auch der älteren Generation gegenüber. Ich hätte mir gewünscht, dass das in allen gesellschaftlichen Schichten so gewesen wäre. Dann hätten wir diese Pandemie deutlich eher klein bekommen.

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Wie kommt es, dass an Universitäten in Niedersachsen nach wie vor Maskenpflicht herrscht - an Schulen aber nicht?

Tonne: Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich für eine Maskenpflicht an Schulen eine entsprechende bundesgesetzliche Grundlage benötige. Diese habe ich nicht. Von daher kann es auch nicht angeordnet werden, weil man sich im Rahmen des Bundesinfektionsschutzgesetzes darauf verständigt hat, die Möglichkeiten von Ausnahmeregelungen für Schulen nicht vorzusehen. Das ist die Grundlage, mit der ich arbeiten muss, denn ich sehe, dass der Start jetzt auch mit der Freiwilligkeit gut gelungen ist. Ich bin sehr dankbar für viel Angemessenheit, für viel Vernunft, die dort herrscht, und glaube, dass wir gerade den Start nach den Ferien gut hinbekommen. Ich glaube, dass man das Ziel dabei nicht aus den Augen verlieren darf: Wir möchten natürlich zurück zur Normalität. Das bedeutet auch, uns Schritt für Schritt von den Masken zu verabschieden.

Wie flexibel sind Sie als verantwortlicher Minister, aufgrund der aktuellen Verordnungen wieder ansteigenden Infektionszahlen zu begegnen?

Tonne: Wenn ich eine Maskenpflicht verhängen möchte, bedarf es einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage, und die kann sich nur im Bundesinfektionsschutzgesetz befinden. Solange das dort nicht vorgesehen ist, kann auch nicht reagiert werden. Ich glaube, dass wir uns mit Blick auf Herbst und Winter auch wieder über andere Mechanismen unterhalten werden. Aber das wird die Zeit zeigen. Jetzt gilt es erst einmal, alle Kraft darin zu investieren, möglichst viel Normalität und auch möglichst viel Lust und Spaß für alle Beteiligten zu organisieren. Auch nach zwei Jahren Pandemie sollten wir nicht vergessen, dass das Ziel, das Schule Wissen und Bildung vermittelt, oben ansteht. Aber das soll auch Spaß machen dürfen. Dafür gilt es jetzt zu ringen.

Das Gespräch führte Eva Schramm.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.04.2022 | 16:45 Uhr

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