Die Schifferkirche in Ahrenshoop © Kirche im NDR Foto: Matthias Bernstorf

Schifferkirche Ahrenshoop: Von der Bretterbude zum Baudenkmal

Stand: 17.10.2021 09:38 Uhr

Vor 70 Jahren wurde die Ahrenshooper Schifferkirche geweiht. 1951 zählte sie zu den ersten Sakralbauten der DDR. Heute ist sie Mittelpunkt des kirchlichen und kulturellen Lebens in dem Ostseebad.

von Juliane Voigt

Mit Fantasie erkennt man in ihr ein Boot, das kieloben liegt. Das spitze Dach ist mit Reet gedeckt. Die Wände sind aus Holz, die Rundbögen mit Eisenbändern verstärkt. Gelbes Ornamentglas taucht den Raum in sanftes Licht. Ein Raum der Stille in dem trubeligen Urlaubsort. Rüdiger Mangel ist Vorsitzender des Fördervereins der Schifferkirche, er findet: "Sie ist ein besonders schönes Bauwerk und auch Architekturkritiker berichten ja in den höchsten Tönen über diesen Bau." Dieser sei sehr modern und wirke trotzdem in seiner Struktur wie ein alter Kirchenbau. Der Spitzboden sei fast schon ein bisschen gotisch."

10.000 DDR-Mark für die "Bretterbude"

Gebaut wurde die Kirche von Hardt-Waltherr Hämer als einer der ersten sakralen Neubauten in der damals jungen DDR. Hämer war aus Prerow und galt später in Westdeutschland als Vater der behutsamen Stadterneueuerung. 2012 ist er gestorben. Die Schifferkirche war das erste Bauwerk des jungen Architekturstudenten, der sich damals elementare Fragen stellte: "Wir wollten weg von diesen Nazi-Sachen und den Nazi-Bauten. Diesen heimtümeligen Dingern. Es war wichtig eine Form zu finden, aber es gab ja nichts. Es gab kein Eisen. Es gab keine Nägel. Nichts gab es", so Hämer in einem Interview. Es habe nur dieses Holz gegeben, das sie in Prerow gesammelt hatten - und Schilf vom Boden für das Dach.

Eisen und Nägel spendete das evangelische Hilfswerk West-Berlin. In seinem Tagebuch hat Hämel alle Widrigkeiten festgehalten, alle Baustopps. Als er nicht mehr weiterkam, suchte und bekam er Hilfe vom obersten Architekten der DDR, Hermann Henselmann, dem Erbauer der Berliner Stalinallee: "Es gibt ja so eine Art Notkirchenprogramm aus der Zeit. 10.000 DDR-Mark, das ist der Preis dieser Kirche, die absolute Grenze man muss sich vorstellen." Ein Selbsthilfe-Kirchenbau nannte er die Realisierung.

Der Dresdner Orgelbauer Kristian Wegscheider wurde 1954 in Ahrenshoop geboren. Er hat frühe Erinnerungen an die Kirche seiner Kindheit: "Die Kirche hat was ganz besonderes. Mein Vater war damals im Bau involviert und kannte den Architekten. Wir sind dann als Jungs auch oft hier in der Kirche gewesen. Eine Bretterbude, hat der immer so kokettierend gesagt. Diese Bretterbude hat eine ganz eigene Atmosphäre. Aber sie lebt hier mit dem bedeutungsvoll gesprochenen Wort. Und hat ja null Akustik, das ist so wie minus zwei Sekunden Nachhall."

Förderverein sorgt sich um den Kirchenerhalt

Das wusste Kristian Wegscheider immerhin schon, als er 2013 die Orgel baute. Und zwar hinter die Altarwand. Von dort aus erfüllt sie dennoch den ganzen Raum mit ihrem Klang. Regelmäßig werden hier Gottesdienste abgehalten, die Pastorin kommt dafür aus Prerow. Es gibt Konzerte und Lesungen. Um den Erhalt kümmert sich der Förderverein. Für Rüdiger Mangel ist das ein echtes Bedürfnis: "Ich engagiere mich für diese Kirche, eigentlich ein bisschen altertümlich gesagt: aus Dankbarkeit für das, was ich hier auch bekomme. Und ich finde es toll, dass die Kirche nicht nur für Einheimische da ist, sondern auch durch diesen Förderverein die Möglichkeit gibt, Leute die von außerhalb kommen, diese Kirche zu unterstützen und etwas dafür zu tun, dass sie weiter besteht und in Stand gesetzt wird."

Im vergangenen Jahr sind viele Teile der kleinen Kirche saniert worden. Jetzt wird für ein neues Dach gespart. Aber erst einmal wird gefeiert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 17.10.2021 | 19:00 Uhr