Stand: 18.10.2019 17:13 Uhr

Literaturstreit um Handke: "Spannende Diskussion"

Nachdem der frisch ausgerufene Buchpreisträger Saša Stanišić die Entscheidung, Peter Handke den Literaturnobelpreis zu verleihen, kritisiert hat, äußern sich immer mehr Handke-Fürsprecher. Sein Weggefährte Claus Peymann zum Beispiel findet, dass Handke seine eigene Meinung ausspreche, wie das Schriftsteller machen sollten, so Peymann. Auch der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, hat die Entscheidung öffentlich verteidigt. Er sagte, Handke habe an keiner Stelle das Massaker an den Bosnien infrage gestellt. Ein Gespräch mit der Präsidentin des deutschen PEN, Regula Venske.

Frau Venske, wie positionieren Sie sich? Ist die Handke-Entscheidung richtig oder falsch?

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Regula Venske ist seit über einem Jahr Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland.

Regula Venske: Zunächst kann ich sagen, dass mich das gar nicht so sehr überrascht hat, denn ich fand schon, dass Handke seit einigen Jahren aufgrund der literarischen Qualität im Gespräch war und literarisch betrachtet den Preis auch verdient hat. Ich finde es schwierig bei diesem Preis, weil der an das herausragendste Werk in idealer Hinsicht gehen soll. Und das muss man immer wieder neu erringen und diskutieren, was darunter zu verstehen ist. Das wird auch die Schwedische Akademie bei dieser Entscheidung getan haben. Ganz früh protestiert hat der amerikanische PEN. Die haben sich ganz klar dagegen positioniert und finden, dass Handke es nicht verdient hat. Das ist auch im Internationalen PEN die vorherrschende Meinung.

Hat das in erster Linie ästhetische Gründe oder politische?

Venske: Es hat politische Gründe. Da wird ganz klar argumentiert, dass er nicht in idealistischer Hinsicht den Preis verdient habe, weil er diese einseitige Positionierung bei diesem Krieg bezogen hat. Wenn man jetzt fragt: Wo ist da die Wahrheit? Das erste, was in einem Krieg stirbt, ist die Freiheit und die Wahrheit. Und man wird vermutlich die Wahrheit nie nur auf einer Seite sehen, sondern man wird auch andere Dinge kritisieren können. Da hat Handke versucht, sich dagegen zu positionieren. Das kann man vielleicht in Teilen verstehen und nachvollziehen. Ich finde, es ist eine spannende Diskussion - der Literaturbetrieb lebt auch davon, dass Intellektuelle sich zanken. Ich glaube aber, dass die Wahrheit weder auf der Seite der ganz starken Ablehner, noch auf der Seite der starren Befürworter ist. Das ist vermutlich sehr viel komplizierter.

Denn muss ein Ästhet eigentlich überhaupt ein politisch korrekter Mensch sein? Oder liegt nicht gerade im politisch Inkorrekten das besonders Aufregende?

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Venske: Ich weiß gar nicht, was "politisch korrekt" eigentlich ist. Aber wenn man sagt: "in idealer Hinsicht", dann meint man nicht nur durch das ästhetisch schöne Werk, sondern es soll ja auch ein Beitrag zur besseren Menschheit geleistet werden. Mich hat etwas anderes an dieser Entscheidung nicht so glücklich gemacht: Ich finde es schade, dass der Preis ganz mitteleuropäisch geblieben ist. Ich hätte es schöner gefunden, wenn man bei der Neuaufstellung der Akademie auch geguckt hätte, dass es noch andere Kontinente gibt, die wunderbare Literatur hervorbringen und die gar nicht im Blickpunkt stehen. Ich war gerade bei der Internationalen PEN-Tagung, und da merkt man wieder, wie beschränkt unsere Perspektive ist. Südostasien ist noch nie dran gewesen. Da gibt es einen alten Herren der Literatur, der offenbar die "Buddenbrooks" für die Philippinen geschrieben hat - und die kennen wir gar nicht. Das ist eher das, was mich bestürzt: die eigene beschränkte Perspektive. Sicherlich wäre auch der wunderbare afrikanische Autor Ngũgĩ wa Thiong’o ein ganz verdienter Preisträger, der sich für Menschenrechte und gegen Kolonialismus eingesetzt hat. Da kann man dann klar benennen, was diese idealistische Richtung wäre. Das finde ich bei Handke schwieriger. Aber dass er aufgrund seiner literarischen Qualität den Preis verdient hat, das wird wohl niemand in Abrede stellen.

Das literarische Leben lebt auch vom Diskurs. Aber wie weit kann Meinungs- und Kunstfreiheit da gehen? Wenn es um Holocaust-Leugnungen gehen würde, wären wir uns alle einig. Wo hört Meinungsfreiheit an Ihrer Stelle auf und wo fängt das Gegenteil an, nämlich Zensur?

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Venske: Wir haben vor einem Monat über eine andere Preisverleihung diskutiert, als die Stadt Dortmund den Nelly-Sachs-Preis an Kamila Shamsie verleihen wollte. Es kam die Kritik, dass der Name Nelly Sachs nicht zu einer Autorin passt, die sich für die Israel-Boykott-Bewegung stark macht. Da haben sich die Kollegen im Internationalen PEN, die jetzt Handkes Preis ablehnen, auf die Meinungsfreiheit berufen. Sie haben gesagt, sie werde für die Meinungsfreiheit bestraft - das könnte man bei Handke genauso sagen. Ich glaube, wir müssen einfach damit leben, dass wir verschiedene Meinungen haben und manche über den Preis glücklicher und andere unglücklicher sind. Und dann müssen wir weiter darüber diskutieren.

Bei der Internationalen PEN-Tagung haben wir uns noch einmal an Heinrich Böll erinnert, der ja auch mal Präsident des Internationalen PEN war. Und als Böll den Nobelpreis erhielt, hat er zehn Prozent des Preisgeldes für den PEN Emergency Fund gestiftet, ein Nothilfefonds für Autoren, die aufgrund der Meinungsfreiheit in ihren Ländern in Bedrängnis geraten sind. Das wäre doch eine schöne Geste, wenn Peter Handke zehn Prozent des Preises für den PEN Emergency Fund stiften würde. Dann würden auch die Kritiker im Internationalen PEN den Hut vor ihm ziehen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Die neue gewählte Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN, die Autorin Regula Venske, © Bernd Thissen/ (c) dpa - Bildfunk

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.10.2019 | 19:00 Uhr

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