Mohammad Rasoulof © Sébastien Botella/MAXPPP/dpa Foto: Sébastien Botella

Regisseur und Berlinale-Gewinner Rasoulof im Iran weiter in Haft

Stand: 11.07.2022 15:59 Uhr

Der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof war vor einigen Tagen in seiner Heimat verhaftet worden. Für den Film "Doch das Böse gibt es nicht" hat er bei der Berlinale 2020 den Goldenen Bären gewonnen.

Ein Gespräch mit Rasoulofs langjährigem Partner, dem Hamburger Produzenten Mani Tilgner.

Es geht um einen offenen Brief, den er gemeinsam mit 70 anderen Personen aus der iranischen Filmindustrie unterzeichnet hat. Dieser ruft die Polizei dazu auf, die Waffen niederzulegen und nicht mehr gewaltsam gegen die Proteste vorzugehen. Warum ist das Regime wegen dieses Briefes so empfindlich?

Tilgner: Ich denke, dass die Spannung im Inneren deutlich zugenommen hat. Die landesweiten Proteste im Mai und teilweise im Juni haben die Regierung in Bedrängnis geführt. Insgesamt spitzt sich die innenpolitische Lage zu, auch nachdem der Präsident nach den letzten Wahlen ausgewechselt wurde. Diese Proteste im Iran sind in der Größe und dem Umfang tatsächlich etwas Neues, sodass sie weite Teile der Bevölkerung erfasst haben. Teilweise waren auch viele Lehrerinnen und Lehrer auf der Straße, und wie in anderen Teilen der Welt kämpft auch der Iran mit steigenden Preisen für Lebensmittel und für Benzin. Wichtig zu erwähnen, ist, dass dies nur einer der Vorwürfe ist, die gegen Herrn Rasoulof vorgebracht wurden. Die aktuelle Haft wird begründet mit einem älteren Gerichtsurteil wegen seinem vorletzten Film "A Man of Integrity". Dieser Schuldspruch für ein Jahr Gefängnis wird jetzt umgesetzt. Die Verhöre, die aktuell stattfinden, die werden wiederum mit diesem Protestschreiben begründet.

Es gibt schon sechs Jahre auf Bewährung, zu denen er verurteilt wurde, und jetzt kommen neue Vorwürfe hinzu. Was würde ihm denn in einem weiteren Verfahren drohen?

Tilgner: Das ist leider total unklar. Es gibt im iranischen System eine Mischung aus Willkür und teilweise rechtsstaatliche Strukturen. Wir fordern die sofortige Freilassung von Herrn Rasoulof und auch von Mostafa Al-Ahmad, der ja auch verhaftet wurde. Aber eine Prognose zu wagen, was jetzt passiert, das kann ich leider nicht machen.

Er hat mal gesagt, dass man sich in diesem Regime nicht unpolitisch verhalten könne; Schweigen bedeute Zustimmung. Dennoch die Frage: Warum ist er nie geflohen? Warum er nie in einem anderen Land geblieben? Warum begibt er sich in diese Gefahr?

Tilgner: Das ist eine schwierige Frage. Im Grunde genommen würde ich sagen, dass Herr Rasoulof dafür einsteht und sagt, dass er eigentlich nichts falsch macht, dass er eigentlich nur seine Meinung äußert. Das ist seine Grundhaltung gewesen, dass er auch nach diesem Gerichtsurteil weiterhin relativ offen und direkt versucht hat zu agieren und seine Meinung zu äußern.

Das Gespräch führte Mischa Kreiskott.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.07.2022 | 16:45 Uhr

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