Eine Frau zündet eine Kerze an © picture alliance / dpa Foto: Laurent Dubrule

Prozessauftakt: Bataclan und die Folgen für Frankreich

Stand: 08.09.2021 18:22 Uhr

Sechs Jahre nach den Terroranschlägen von Paris hat der Prozess gegen 20 Personen begonnen, zumeist Komplizen. Ein Gespräch mit der Historikerin und Politikwissenschaftlerin Hélène Miard-Delacroix.

Eine Frau zündet eine Kerze an © picture alliance / dpa Foto: Laurent Dubrule
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Frau Miard-Delacroix, das Attentat hat Frankreich ins Mark getroffen. Wie hat die Gesellschaft das seinerzeit erlebt und die Jahre danach?

Hélène Miard-Delacroix: Die sofortige Reaktion der französischen Gesellschaft war Bestürzung, Entsetzen und Angst, wegen des Ausmaßes, wegen der Koordinierung - es war gut organisiert - und wegen der Zielscheiben: Das waren junge Leute auf den Terrassen und in dem Konzertsaal. Am Anfang waren die Franzosen ziemlich destabilisiert, und das war auch das Ziel der Attentäter. Und dann kam schnell die Veränderung des Alltags, mit vermehrten Kontrollen und sichtbaren Sicherheitskräften.

Für den Kulturbereich hatte das auch Folgen, weil es an der Logistik des Kulturbetriebes etwas geändert hat. Aber man hat sehr schnell gesehen, dass sich im Bereich der Kultur der Künste, aber auch der Alltagskultur sofort Widerstand gezeigt hat. Man hat nämlich diesen Angriff als einen Angriff gegen die Kultur, gegen die westliche, französische Lebensart gedeutet, und die Leute sind sehr schnell wieder auf die Terrassen gegangen, um zu zeigen: Wir leben weiter so.

Als zusätzliche Folge gab es eine Polarisierung der Debatten über die Laizität. Die Gesellschaft hat weiter diskutiert über ihre Werte und ihre Kultur.

Neben dem nationalen hat es auch einen internationalen Aspekt gegeben: Frankreich hat zum ersten Mal überhaupt EU-weit die Partner um Hilfe gebeten. Was hat das für Folgen ausgelöst?

Miard-Delacroix: Einer der Punkte, die heute noch diskutiert werden, waren gewisse Missstände oder Verfehlungen der internationalen Kooperation der Sicherheitsdienste. Die französischen Sicherheitsdienste werden dafür kritisiert, dass sie nicht gut informiert waren. Die Antwort der Behörden ist, dass man sehr genau wusste, dass Leute in Syrien etwas organisierten, aber es habe auf europäischer Ebene Pannen gegeben.

Von den Freunden, Nachbarn und Partnern wurde Solidarität gezeigt - es ist aber auch allen bewusster geworden, dass man sich besser koordinieren muss. Frankreich war eines der ersten Länder, das angegriffen wurde, aber es hat später beispielsweise auch in Deutschland solche Attentate gegeben. Das hat wahrscheinlich indirekterweise den Zusammenhalt der Europäer erhöht.

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Es werden 1.800 Nebenkläger in diesem Prozess auftreten. Das heißt, dass es bei vielen Menschen noch tiefe Wunden gibt. Was kann so ein Prozess im Sinne von Verarbeitung bewirken?

Miard-Delacroix: Man sollte zwischen den Gruppen unterscheiden. Bei den Opfern und den Angehörigen ist die Anerkennung ihres Leides notwendig. Ihr Opferstatus ist wichtig und auch die Anamnese ist wichtig, dass eine Erinnerungsarbeit das Reparieren ermöglicht. Man kann durch diesen Prozess die Wahrheit über das herausfinden, was tatsächlich passiert ist und was die Sicherheitsdienste vielleicht versäumt haben. Es ist aber auch wichtig, gegen die Legendenbildung zu kämpfen.

Was in meinen Augen für die ganze Gesellschaft wichtig ist, ist, dass am Ende die Justiz siegt, dass Recht gesprochen wird und dass der Rechtsstaat und somit die Gesellschaft sich gegen diesen Angriff verteidigt.

Warum musste bis jetzt so viel Zeit vergehen, sechs Jahre?

Miard-Delacroix: Sechs Jahre - das scheint tatsächlich viel. Aber das Prinzip des Rechtssystems unserer Gesellschaften ist - im Unterschied zu Amerika -, dass die Justiz nicht unter dem Eindruck des Zorns agiert. Das Recht wird gesprochen, aber erst nachdem sich alles ein bisschen gelegt hat.

Zweitens war es eine sehr komplizierte Angelegenheit. Viele der Attentäter und der Mithelfer waren in Belgien. Und es hat auch mit der Situation der Justiz zu tun, mit dem Ausmaß des Verfahrens. Dass es so lange gedauert hat und dass es jetzt neun Monate dauern wird, das ist vergleichbar mit dem Prozess gegen die NSU. Das sind Ausmaße, die mit der Bedeutung der Tat zu tun haben.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.09.2021 | 18:00 Uhr