Stand: 24.09.2018 10:00 Uhr

"Die Blechtrommel" als starkes Ein-Mann-Stück

von Eva Werler

"Die Blechtrommel" hat am Deutschen Theater in Göttingen Premiere gefeiert. Der Jahrhundertroman von Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist ein Abriss deutscher Geschichte im Dritten Reich, geschildert aus der Perspektive des kleinwüchsigen Oskar. Volker Schlöndorffs oscarprämierter Film von 1979 wurde der überbordenden Handlung Herr. Stellt sich die Frage, ob auch eine Bühnenfassung dazu in der Lage sein kann.

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Benjamin Kempf als Oskar Matzerath haut auf die Trommel in "Die Blechtrommel".

Auch die Bühnenfassung beginnt, wie der Film von Schlöndorff, mit der Szene auf dem Kartoffelacker. Eine Landfrau versteckt einen geflohenen Brandstifter unter ihren vier Röcken. Bereits in dieser kleinen Szene zeigt sich, wie der einzige Darsteller, Benjamin Kempf, es versteht, nur durch sein Spiel die Fantasie in den Köpfen der Zuschauer zu mobilisieren. Das Ein-Mann-Stück in Göttingen kommt mit wenig aus - und vermittelt umso mehr. Selbst das Gewitter bei Oscars Geburt erzeugt Kempf selbst, indem er auf herunterhängende Blechstreifen schlägt.

Aufwachsen und Leben des Oskar Matzerath

Mit drei Jahren beschließt der Sonderling Oskar Matzerath nicht mehr zu wachsen. Denn zu der Welt der biederen und gleichzeitig unmoralischen Erwachsenen will er nicht gehören. An seinem dritten Geburtstag bekommt er eine Blechtrommel, die er nie mehr aus der Hand legt. Aus der Perspektive des kleinbleibenden Jungen erfährt der Zuschauer viel über dessen Aufwachsen und Lebensgeschichte. Er hat zwei potenzielle Väter, die Mutter heiratet den mit dem Kolonialwarengeschäft, der andere bleibt als ständiger Liebhaber präsent. Während Oskar mit seiner schrillen Stimme Glas zerspringen lässt, um seinen Willen durchzusetzen, schreitet das NS-Regime bedrohlich, aber unaufhaltsam voran. So wird die Reichspogromnacht zu einer besonders beeindruckenden Szene im Stück.

Mehr Potenzial als viele aufwendigere Produktionen

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Benjamin Kempf präsentiert dieses rasante Ein-Mann-Stück.

Bedrückend ist es, die Geschehnisse aus Oskars leicht egoistischer und doch fassungsloser und erschütterter Sicht vermittelt zu erfahren. Auch hier vermag es Benjamin Kempf, das Grauen subtil zu vermitteln: allein durch die rasante Sprache, sein Trommeln und seine Mimik. Mit minimalistischen Mitteln entsteht so ein Oskar Oskar Matzerath aus Fleisch und Blut, der dem Oskar im Buch oder Film in nichts nachsteht. Er ist sehr gut greifbar. Für den niederländischen Regisseur Theo Frantz war es wichtig, dass das Stück lebt und nicht nur ein reines Erzählstück bleibt. Das ist ihm absolut gelungen, denn es entstehen Bilder im Kopf: gut vermittelte Eindrücke einer Kindheit unter verlogenen Erwachsenen - und einer Kindheit im Dritten Reich.

Das Stück hat daher seinen aktuellen Bezug. Die Blechtrommel in Göttingen kommt  als Warnung daher, als Milieustudie und als die Geschichte eines seltsamen Jungen. Anders als der Film dauert die Bühnenfassung nur anderthalb Stunden. Trotzdem fehlt es an nichts: weder an Handlung, noch an Intensität. Ein rasantes Ein-Mann-Stück, das mehr Potenzial hat als viele aufwendigere Produktionen. 

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"Die Blechtrommel" als starkes Ein-Mann-Stück

Oliver Reese hat Günter Grass' Weltroman "Die Blechtrommel" für die Bühne adaptiert - als beeindruckendes Einpersonenstück. Ein Premierenbericht aus dem Deutschen Theater Göttingen.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Deutsches Theater Göttingen
Theaterplatz 11 - in der Tiefgarage
37073  Göttingen
Öffnungszeiten:
Mo bis Fr von 10-19 Uhr
Sa von 11 - 14 Uhr
Anmeldung:
(0551) 4969 300
Hinweis:
Die Blechtrommel
In einer Bearbeitung von Oliver Reese
Nach dem Roman von Günter Grass
Regie: Theo Fransz, Dramaturgie: Sonja Bachmann
Bühne und Kostüme: Bettina Weller

mit Benjamin Kempf
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 24.09.2018 | 10:20 Uhr

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