Stand: 09.04.2018 14:28 Uhr

Hamburg: "Ellbogen"-Premiere frenetisch gefeiert

von Katja Weise

Wo und was ist Heimat? Eine Frage, die für Hazal, die junge Protagonistin in Fatma Aydemirs furiosem Debütroman "Ellbogen", nicht leicht zu beantworten ist. Sie lebt in Berlin, fühlt sich dort jedoch nicht wirklich akzeptiert. Istanbul ist ihr Sehnsuchtsort und Wut ihr ständiger Begleiter. An ihrem 18. Geburtstag entlädt die sich auf dramatische Weise. Im Jungen Schauspielhaus Hamburg hat die Bühnenfassung jetzt Premiere gefeiert.

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Katherina Sattler spielt die Rolle der Hazal im Stück "Ellbogen".

Eine leere Bühne, bedeckt nur von schwarzem Flaum, mit kupferfarbenen Einsprengseln. Hinten in der Ecke eine goldene Eins und eine goldene Acht, große Luftballons, die Freiheit verheißen: In zwei Tagen wird Hazal 18, dann will sie mit ihren Freundinnen feiern. Dafür braucht sie noch das passende Make-up. Beim Einkauf lässt sie eine Wimperntusche mitgehen - und wird erwischt.

Laut deinem Ausweis bist du 17, also minderjährig. Deshalb sind wir verpflichtet, die Polizei zu rufen. Wir sind verpflichtet, die Polizei zu rufen. Wer ist bloß dieses "Wir"? Wir, das Team des Drogeriemarktes, wo nur Assis hingehen, um sich mit Testern zu schminken? Oder wir, die hässlichen Berliner Ladendetektive, die kleine Kanaken jagen, weil sie ein einziges Mal versehentlich mit unbezahltem Kram aus dem Laden spazieren? Aus dem Stück "Ellbogen"

Konsequent aus Hazals Perspektive

Die Schauspielerin Katherina Sattler liegt auf einer Bühne. © Sinje Hasheider Fotograf: Sinje Hasheider

Premiere: "Ellbogen" im Jungen Schauspielhaus

NDR Kultur -

Im Jungen Schauspielhaus Hamburg hat das Stück "Ellbogen" Premiere gefeiert. Für die Bühnenfassung von Fatma Aydemirs furiosem Debütroman gab es frenetischen Beifall.

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"Die" und "Wir" - Hazal fühlt sich immer schon in die "Die"-Ecke abgeschoben. Sie findet keinen Ausbildungsplatz und jobbt ein bisschen beim Onkel in der Bäckerei. Die Eltern halten sie an der kurzen Leine: Feiern und sich schminken muss sie heimlich. Die Buchautorin Fatma Aydemir erzählt konsequent aus Hazals Perspektive, und Alexander Riemenschneider geht ebenso konsequent noch einen Schritt weiter: Er inszeniert "Ellbogen" als Solo - mit einer sehr lebendigen und sehr wandlungsfähigen Katherina Sattler, die geschmeidig in alle Rollen schlüpft:

Komm. Ich tu jetzt mal so, als hätten wir schon heute den 25. Juni 2016, ja? Du bist heute 18 Jahre alt, weil ich mich im Datum irre. Und ich rufe die Polizei nicht, okay? Danke. Ich bekomme eine Fangprämie von 100 Euro. Die kannst du gleich bezahlen. Aus dem Stück "Ellbogen"

Ausraster mit Folgen

Am Geburtstagsabend verweigert der Türsteher Hazal und ihren beiden Freundinnen den Eintritt in den Club. Frustriert treten sie den Heimweg an. Als sie auf dem U-Bahnhof dann auch noch von einem Studenten angemacht werden, rasten die Mädchen aus und verprügeln ihn:

Ich löse meinen Ellbogen und ramme ihn in seinen Magen. Elma wirft ihn auf den Boden. Er landet auf den Knien. Mein Fuß tritt ihm ins Steißbein. Dieser Tritt, das bin ich. Ich fick dich, du Hurensohn. Hörst du, ich fick dich! Aus dem Stück "Ellbogen"

Am Ende ist der Student tot. Als Hazal in ihre Sehnsuchtsstadt Istanbul flieht, ist dort nichts so schön wie erhofft. Der aus der Ferne angehimmelte Mehmet ist ein Junkie und Präsident Erdogan verhängt nach den Unruhen am Taksimplatz den Ausnahmezustand. Trotzdem sagt sie der Tante, die sie nach Deutschland zurückholen möchte: "Ich will keine Reue zeigen, auch nicht, um meinen Arsch zu retten, das mache ich einfach nicht."

Sparsame Effekte - große Wirkung

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Alexander Riemenschneider inszeniert "Ellbogen" als Solo. Katherina Sattler schlüpft geschmeidig in alle Rollen.

Ganz still war es während der anderthalb Stunden langen Aufführung, danach frenetischer Beifall von dem größtenteils jugendlichen Publikum. Alexander Riemenschneider ist auf der Basis einer geschickten Strichfassung des Romans eine kluge, erstaunlich leise Inszenierung gelungen, die nie zu viel will. Nicht nur bei den Figuren setzt der Regisseur auf Reduktion. Sparsam geht er auch mit Effekten um. Umso größer ist dann deren Wirkung. Zum Beispiel, wenn nach der Tat Hazals Lieblingssong von Rihanna zu hören ist und sie sich förmlich hineinwirft.

Stück mit feinem Gespür für Nuancen

Auf der schlichten Bühne ist Katherina Sattler zugleich Ausgesetzte und Energiequelle: ein trotziges, wütendes Mädchen, eine radikale junge Frau, die zwischen den Kulturen zerrieben wird. Fatma Aydemir wirft viele wichtige Fragen auf in ihrem Roman. In diesem Stück werden sie weitergetragen: mit feinem Gespür für Nuancen und ohne einfache Antworten nahezulegen.

Weitere Informationen

Gewaltiger Befreiungsschlag

Fatma Aydemirs Debütroman "Ellbogen" gibt Mädchen zwischen den Kulturen eine Stimme. Es ist eine packende Geschichte, emotional und brutal - wie ein Schlag in die Magengrube. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.04.2018 | 11:20 Uhr

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